Missbrauch in katholischer Kirche Zollitsch will nicht jeden Fall sofort anzeigen

Erzbischof Robert Zollitsch hat sich dagegen ausgesprochen, bei jedem Missbrauchsfall in der Kirche sofort und automatisch die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Eine Anzeige sei eine "Frage des Abwägens" - schließlich gebe es viele ungerechtfertigte Anschuldigungen.
Bischofskonferenz-Vorsitzender Zollitsch: Will nicht automatisch jeden Missbrauch anzeigen

Bischofskonferenz-Vorsitzender Zollitsch: Will nicht automatisch jeden Missbrauch anzeigen

Foto: APN / Winfried Rothermel

Robert Zollitsch

bekannt gewordenen Missbrauchsfälle

Freiburg/München/Berlin - Sonderbeauftragter, Telefon- Hotline, Verschärfung der Leitlinien: Der Vorsitzende der Katholischen Bischofskonferenz, Erzbischof , hat einige Konsequenzen angekündigt, mit denen die katholische Kirche in Deutschland auf die reagiert. Er sprach sich aber dagegen aus, beim Verdacht auf sexuellen Missbrauch sofort und in jedem Fall die Staatsanwaltschaft einzuschalten.

Zollitsch sagte in den "ARD-Tagesthemen": "Wir müssen immer sehen, wie weit nun wirklich der Verdacht begründet ist, denn es werden ja auch viele Menschen völlig zu Unrecht beschuldigt." Das sei eine Frage des Abwägens: "Wo gewichtige Gründe dafür sprechen, werden wir dem Opfer zunächst und dann auch dem Täter sehr dringend empfehlen, tatsächlich die Staatsanwaltschaft einzuschalten."

Allerdings könne es keine absolute Automatik geben, "denn sonst würden wir verhindern, dass auch Opfer sich an uns wenden, weil sie sofort sagen müssen: Das Erste ist, es wird die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Aber unser Ziel ist es, das in jedem Fall zu erreichen."

Am Nachmittag war Zollitsch von verschiedenen Nachrichtenagenturen noch mit den Worten zitiert worden, die Kirche wolle ihre Leitlinien verschärfen: "Sobald ein Verdachtsfall vorliegt, muss die Staatsanwaltschaft eingeschaltet werden. Das war bisher nicht immer der Fall."

Zugleich lehnte Zollitsch vor dem Hintergrund der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche einen "Runden Tisch" mit kirchlichen und staatlichen Vertretern ab, wie es ihn in Irland gibt. "Wir werden von uns aus aktiv auf Gruppen und Kreise zugehen, die sich um Prävention bemühen, die sich um die Aufarbeitung bemühen, und werden das von uns aus aktiv anpacken. Ich sehe in einem staatlich verordneten Runden Tisch wenig Sinn", sagte er.

Was die katholische Kirche gegen Missbrauch tun will

Zu den Konsequenzen, mit denen die katholische Kirche auf die Missbrauchsfälle reagiert, zählt die Einsetzung eines bundesweit zuständigen Beauftragten. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann werde hierfür von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) beauftragt, sagte Zollitsch am Donnerstag in Freiburg zum Abschluss der Frühjahrsvollversammlung der katholischen Bischöfe.

Schon früh hatte sich Ackerman im Missbrauchsskandal zur Wort gemeldet: Eine "Verharmlosung oder ein Vertuschen" dürfe es nicht geben, forderte er. Die Vorgänge seien "erschütternd und verheerend" für Ansehen und Glaubwürdigkeit der Kirche. Ackermann ist seit Frühjahr 2009 Bischof von Trier, der ältesten Diözese Deutschlands. Er bezieht regelmäßig zu aktuellen politischen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Fragen Stellung. Ackermann will sich am Freitag in Trier zu seinen Zielen und Aufgaben äußern.

Bei der in Bonn ansässigen Bischofskonferenz wird laut Zollitsch zudem eine Koordinationsstelle zur Untersuchung von Missbrauchsfällen und zur Unterstützung der juristischen Strafverfolgung eingerichtet. Zudem werde die Bischofskonferenz eine bundesweite Telefon-Hotline für Opfer einrichten.

Außerdem sollen die aus dem Jahre 2002 stammenden kirchlichen Leitlinien zur Untersuchung von sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche bis zum August überarbeitet werden. Dabei solle insbesondere das Vorbeugen solcher Fälle gestärkt werden.

Streit zwischen Kirche und Justizministerium beigelegt

Den Streit mit Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger um die Aufklärung von Missbrauchsfällen sieht die Bischofskonferenz als erledigt an. Er habe inzwischen einen Brief der FDP-Politikerin erhalten, sagte Zollitsch. Darin seien Klarstellungen erfolgt, die die Kirche akzeptieren könne.

Vor dem Hintergrund der jüngst bekanntgewordenen Fälle von sexuellem Missbrauch hatte Leutheusser-Schnarrenberger am Montagabend gesagt, sie erwarte, "dass die Verantwortlichen der katholischen Kirche endlich konstruktiv mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenarbeiten, Hinweise geben, mitaufklären". Bisher habe sie nicht den Eindruck, dass sie "ein aktives Interesse an wirklich rückhaltloser und lückenloser Aufklärung gezeigt haben".

Ein Fonds für Entschädigungszahlungen an Missbrauchsopfer sei nicht geplant, sagte Zollitsch. Auch die kirchliche Sexuallehre und das Zölibat, das Keuschheitsgebot für Priester, stünde nicht zur Diskussion.

Im Missbrauchsskandal an der Schule des Benediktinerklosters Ettal in Bayern ermitteln unterdessen sowohl die Staatsanwaltschaft als auch ein eigener Sonderermittler. Der Rechtsanwalt Thomas Pfister sei vom Kloster eingesetzt worden, um die Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern aufzuklären, teilte die Benediktinerabtei mit. Zugleich leitete die Staatsanwaltschaft München ein Ermittlungsverfahren gegen Angehörige des Klosters ein. Insbesondere ein Klosterangehöriger steht im Verdacht, sich an mehreren Kindern vergangen zu haben. Seit Wochen wird die katholische Kirche in Deutschland von zahlreichen Missbrauchsskandalen erschüttert. Nach dem Bekanntwerden von Missbrauchsfällen im jesuitischen Berliner Canisius-Kolleg haben sich weit über 100 Opfer gemeldet.

otr/dpa/ddp/AFP