Missbrauchsfälle Evangelische Kirche bittet Heimkinder um Verzeihung

Prügel, Demütigung, sexuelle Gewalt: Das war Alltag vieler Heimkinder in der Nachkriegszeit. Das erkennt nun auch die Evangelische Kirche an. Neben großen Worten liefert sie auch Millionen für die Entschädigung der Opfer.

EKD-Präses Nikolaus Schneider: "Kirche und Diakonie sind schuldig geworden"
dpa

EKD-Präses Nikolaus Schneider: "Kirche und Diakonie sind schuldig geworden"


Berlin - Gewalt hat viele Gesichter. Ob Schläge, Schikanen oder Liebesentzug - mit Geborgenheit oder christlicher Nächstenliebe hatte die Atmosphäre in evangelischen Heimen in der Nachkriegszeit oft wenig zu tun. Das sieht nun auch die Evangelische Kirche (EKD) so: Sie hat ehemalige Heimkinder um Verzeihung für Leid und Unrecht gebeten.

EKD-Präses Nikolaus Schneider und Oberkirchenrat Johannes Stockmeier vom Diakonischen Werk sprachen am Sonntag in Berlin von einem "Versagen der evangelischen Heimerziehung in den Nachkriegsjahren". Damit erkennen beide Institutionen "das schwere Leid an, das Kinder und Jugendliche auch in den Heimen in evangelischer Trägerschaft erfahren haben".

Schneider und Stockmeier räumten Versäumnisse und Verfehlungen ein. "Es beschämt uns, dass die Atmosphäre in evangelischen Heimen oft nicht vom Geist christlicher Liebe geprägt war. Damit sind Kirche und Diakonie schuldig geworden - vor denen, die uns anvertraut waren, und vor Gott", sagten beide.

Viele Heimkinder in der Bundesrepublik und der DDR waren bis in die Siebziger und Achtziger Jahre hinein Prügel, Demütigungen und sexuellem Missbrauch ausgesetzt. Die Heime wurden von unterschiedlichen Institutionen getragen, nicht nur von der Kirche. Experten gehen von rund 800.000 Heimkindern in Westdeutschland und 120.000 in der ehemaligen DDR aus.

Die Bitte um Verzeihung für das Leid der Heimkinder ist ein Ergebnis des Runden Tisches Heimerziehung, der 2010 Vorschläge zur Aufarbeitung erarbeitet hatte. Die Runde verständigte sich unter anderem auf die Einrichtung einer Stiftung, die vom Bund, den westdeutschen Bundesländern und den beiden großen christlichen Kirchen mit insgesamt 120 Millionen Euro ausgestattet wird.

Dabei sollen 20 Millionen Euro in einen Rentenfonds für Betroffene fließen, denen durch den Heimaufenthalt Rentenansprüche entgangen sind. 100 Millionen Euro sollen als Ausgleichszahlungen für Folgeschäden zur Verfügung stehen. Pauschale Entschädigungen wird es allerdings nicht geben.

nkk/dpa/dapd



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