Missbrauchsfälle Wiener Erzbischof will Zölibat diskutieren lassen

Mehrfach haben katholische Würdenträger einen Zusammenhang zwischen Zölibat und den Missbrauchsfällen in ihrer Kirche zurückgewiesen. Anders der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn. Auch die Frage "was in der 68er-Generation mit der sexuellen Revolution geschehen ist", müsse nun gestellt werden.

Kardinal Schönborn (2007): "Dazu gehört das Thema Zölibat"
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Kardinal Schönborn (2007): "Dazu gehört das Thema Zölibat"


Wien - Der Kardinal und Wiener Erzbischof Christoph Schönborn hat in einem Schreiben an Mitarbeiter seiner Diözese eine genaue Ursachenforschung zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche gefordert - und erwähnte in diesem Zusammenhang auch den Zölibat.

Ein Zusammenhang zwischen sexueller Enthaltsamkeit von Priestern und Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Geistliche war durch katholische Würdenträger in Deutschland wiederholt zurückgewiesen worden.

Man müsse die Opfer vor die Täter stellen und Schuld beim Namen nennen, schrieb Erzbischof Schönborn in einem Kommentar für das Mitarbeitermagazin "thema kirche". Es sei "notwendig, nach den Ursachen sexuellen Missbrauchs zu fragen": "Dazu gehört die Frage der Priestererziehung genauso wie die Frage nach dem, was in der 68er-Generation mit der 'sexuellen Revolution' geschehen ist. Dazu gehört das Thema Zölibat genauso wie das Thema Persönlichkeitsentwicklung. Und dazu gehört eine große Portion Ehrlichkeit, in der Kirche, aber auch in der Gesellschaft."

Inzwischen gab die Erzdiözese Wien eine Erklärung heraus, wonach Schönborn mit seinen Anmerkungen "den Zölibat in keiner Weise in Frage" gestellt habe.

In Deutschland hatte der umstrittene Augsburger Bischof Walter Mixa für Empörung gesorgt, als er in einem Interview der sexuellen Revolution der 68er Generation eine Mitschuld an den Missbrauchsfällen zuwies.

In Österreich waren in den vergangenen Tagen immer mehr Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche bekanntgeworden. Kirchliche und weltliche Beratungseinrichtungen für Opfer verzeichnen eine stetig steigende Nachfrage.

Seit einem Missbrauchsskandal um den ehemaligen Kardinal und Wiener Erzbischof Hans Hermann Groer Mitte der neunziger Jahre hat jede Diözese in Österreich eine eigene Ombudsstelle für Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Die Ombudsstelle in Salzburg soll einem ORF-Bericht zufolge wegen eines wahren "Ansturms" von Ratsuchenden erweitert werden.

Innerhalb von zwei Tagen habe es mehr Anfragen gegeben als in den acht Jahren davor, sagte der Leiter. Erst am Dienstag war in Salzburg ein Abt wegen eines Missbrauchsfalls zurückgetreten.

hut/dpa



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