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Verdacht gegen Jugendamt Höxter im Missbrauchsfall Lügde »Offenbar wurden gezielt Akten verändert«

Haben Mitarbeiter des Jugendamts Höxter nachträglich Unterlagen manipuliert? Diese Frage wirft der Untersuchungsausschuss zum Missbrauchsfall Lügde auf. Abgeordnete verlangen nach SPIEGEL-Informationen Aufklärung.
aus DER SPIEGEL 6/2021
Lügde: Tatort Campingplatz (Archivfoto)

Lügde: Tatort Campingplatz (Archivfoto)

Foto: Guido Kirchner/ picture alliance/dpa

Im Untersuchungsausschuss des Düsseldorfer Landtags zum Missbrauchsfall auf dem Campingplatz in Lügde erheben Abgeordnete nach SPIEGEL-Informationen schwere Vorwürfe gegen das Jugendamt in Höxter. Dort wurde ein Mädchen betreut, das von einem der Haupttäter, Mario S., schwer sexuell missbraucht worden war. Andreas Bialas, Obmann der SPD im Ausschuss, spricht vom »Verdacht der Aktenmanipulation«. »Offenbar wurden gezielt Akten verändert«, sagt auch der Ausschussvorsitzende Martin Börschel (SPD), »die Frage ist: warum und auf wessen Veranlassung?«

Am Mittwoch hatte eine Mitarbeiterin des Jugendamts im Landtag eingeräumt, einen Vermerk erst angefertigt zu haben, als der Skandal schon öffentlich war und die beiden Haupttäter in Untersuchungshaft saßen. Dabei sei es darum gegangen, warum die sozialpädagogische Familienhilfe für das Mädchen und seine Mutter anderthalb Jahre zuvor eingestellt worden war, obwohl es bereits etliche Hinweise auf Missbrauch gegeben hatte. Das Mädchen wurde an eine psychotherapeutische Ambulanz überwiesen. »Eine Teamleiterin hat uns dann erklärt, es sei normal, dass man in einem solchen Fall noch mal die Akten durchgehe und ergänze«, sagt Bialas. »Sollten tatsächlich ungerechtfertigte Änderungen vorgenommen worden sein, wäre das ein Fall auch für die Ermittlungsbehörden.«

Vorgänge in Höxter

Im Missbrauchskomplex Lügde hatte die Staatsanwaltschaft auch gegen Mitarbeiter der Jugendämter in Hameln-Pyrmont und Lippe ermittelt, die für die Pflegetochter des verurteilten Dauercampers Andreas V. zuständig waren, die Verfahren aber eingestellt. »Wir werden uns nun intensiv den Vorgängen in Höxter widmen müssen«, so Börschel.

Ebenfalls in Zusammenhang mit dem massenhaften Missbrauch von Kindern in Lügde hat am Freitag Niedersachsens Polizeipräsident Axel Brockmann Versäumnisse der Behörden eingeräumt. Demnach erhielt die Polizei in Northeim schon im Frühjahr 2019 Hinweise auf mögliche Täter, ging diesen aber nicht nach. Zu einer Festnahme kam es erst ein Jahr später. »Die Polizei hätte die Staatsanwaltschaft informieren müssen«, sagte Brockmann der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung«. Das Innenministerium hat den Fall dem Bericht zufolge bereits geprüft und Fehler zugegeben.

Expertengruppe eingerichtet

Bei den Ermittlungen in Northeim ging es um zwei Männer, die in Verbindung zum Haupttäter der Missbrauchsserie auf dem Campingplatz im lippischen Lügde (Nordrhein-Westfalen) standen, schrieb die Zeitung. Einer der Männer, ein 49-Jähriger aus dem Landkreis Northeim, war im März 2020 festgenommen worden. Gegen ihn läuft ein Strafverfahren wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen. Der zweite Mann ist auf freiem Fuß.

Das Landgericht Detmold hatte im Herbst 2019 im Missbrauchsfall Lügde zwei Männer zu langjährigen Haftstrafen und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Sie hatten auf dem Campingplatz an der Landesgrenze zu Niedersachsen 32 Kinder jahrelang schwer sexuell missbraucht.

Aus: DER SPIEGEL 6/2021

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Nach Angaben von Polizeipräsident Brockmann richtete das Innenministerium nach der Festnahme des 49-Jährigen eine Expertengruppe ein, die mögliche Versäumnisse bei der Polizei in Northeim und der verantwortlichen Polizeidirektion Göttingen prüfen sollte. Die Kommunikation zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sei »nicht eindeutig« gewesen, sagte er dem Blatt. Strafrechtlich gebe es keine Vorwürfe, mögliche dienstrechtliche Folgen würden von der Polizeidirektion geprüft.

agr/le/dpa
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