Missbrauchsnotruf-Betreuerin Gedächtnis der gequälten Seelen

Der sexuelle Missbrauch hat die katholische Kirche erschüttert - kaum jemand weiß das besser als Katharina B. Sie betreut den Notruf von "Wir sind Kirche". Besuch bei einer Frau, die Hunderten Opfern zugehört hat. Und nicht länger schweigen will.

SPIEGEL ONLINE

Von , München


Die Frau, deren wahren Namen niemand kennt und die bei der Arbeit stets nur mit ihrer sanften, tiefen Stimme in Erscheinung tritt, hat große, wache Augen. Sie wohnt in einem schönen Haus irgendwo in Süddeutschland, im Garten blühen Bartnelken, auf dem Nachbargrundstück kräht ein Hahn, zur vollen Stunde läuten Kirchenglocken. Ländliches Sommeridyll.

Jeder kennt hier jeden, man grüßt freundlich auf der Straße, schwätzt und bemerkt, wenn die Gardinen einmal nicht bereits morgens aufgezogen, die Betten nicht gemacht worden sind oder gar auswärtiger Besuch zu Gast ist. Es gibt wenig, was man nicht weiß voneinander.

Doch von dem Leben, das die Frau in dem schmucken Haus führt, ahnt hier niemand etwas. Weder Nachbarn noch Verwandte oder enge Freunde. Nur manchmal dringt etwas aus den dicken Wänden nach draußen. Dann stört laute Musik die Ruhe im Dorf, hallt die kehlige, sonore Stimme von Louis Armstrong durch die Straßen, die eigentlich eher Wege sind: "What a wonderful world."

Während Armstrong singt, der Blues durch die offenen Fenster wabert, sitzt die Frau, die sich Katharina B. nennt, 68 Jahre alt, Rentnerin, auf einer Bank vor ihrem Haus, raucht selbstgedrehte Zigaretten und versucht zu vergessen, was sie gerade wieder gehört hat. Die schöne Musik übertönt Geschichten, die in ihrer Grausamkeit so unbeschreiblich sind, dass man sie kaum in Worte fassen kann.

Seit Anfang des Jahres immer mehr Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche öffentlich wurden, steht das Telefon nicht mehr still. Bis zu zehnmal am Tag ist Katharina B. in den Flur gegangen, hat den tragbaren Apparat von der Station genommen, sich mit ruhiger Stimme gemeldet: "'Wir sind Kirche'-Notruf, Hallo?"

"Meine Seele ist eine stinkende Zwiebelblume"

Dann hat sie stundenlang zugehört: Opfern, Müttern, Partnern - und auch Tätern. Kaum ein Gespräch, das weniger als 60 Minuten dauerte, kaum ein Wochenende, an dem sich niemand meldete. B. gibt Nummern von Psychologen und Beratungsstellen weiter, auf Wunsch der Opfer meldet sie den Namen des Täters ans Bistum.

Unzählige Stunden hat sie am Telefon verbracht, zugehört. Und täglich kommen weitere dazu. "Es hört einfach nicht mehr auf", sagt Katharina B. Für viele Opfer ist sie das Ohr zur Welt.

Manche Geschichten kann sie nicht vergessen. Die Dame, heute 86, die vor acht Jahrzehnten missbraucht wurde und sich noch heute an jedes Detail erinnert, weil sich die Tat in ihr Hirn gebrannt hat. Der Mann, der als Junge von einer Nonne erst verprügelt wurde, bevor sie ihm kräftig in den Schritt langte und ihn befingerte. Als sich dort nichts regte, ging sie dazu über, ihn weiter zu schlagen, ins Gesicht, zur Strafe. "Jetzt sind die Kinder von damals erwachsen und haben nie wirklich gelebt", sagt B.

Sie hat unzählige solcher Geschichten gehört, penibel auserzählt, in allen Details. Mosaiksteinchen einer unvorstellbaren Pein. Mit rund 400 Opfern hat sie in den vergangenen acht Jahren geredet, doch ihre Wut ist noch immer ungebremst. Jede einzelne Tat befeuert ihren Eifer. B. spricht von den "Scheißkerlen", den Kirchenmännern und -frauen, die "Kinderseelen töteten". Eine Betroffene hat einmal zu ihr gesagt: "Meine Seele ist eine stinkende Zwiebelblume."

In den vergangenen Wochen hat Katharina B. festgestellt, dass sich etwas in die Verzweiflung der Opfer mischt: Wut. Viele haben sich erst an die offizielle Hotline der Kirche gewandt - und später an "Frau Katharina", wie sie sich am Telefon nennt.

Je mehr Zeit verstreicht, desto größer ist die Enttäuschung der Opfer, dass noch immer nichts geschehen ist, dass sie noch immer keine Entschädigungen erhalten haben, dass der Prozess zäh und langsam ist, dass die Kirche ihrem Empfinden nach nicht kooperiert, sondern inszeniert. Vor allem sich selbst.

"Sie fühlen sich im Stich gelassen", sagt Katharina B. Und noch viel schlimmer: "Sie fühlen sich nun, da sie endlich gesprochen haben, ein zweites Mal missbraucht." Für viele Betroffene ist es ohnehin schwierig, Hilfe bei der Institution zu suchen, deren Opfer sie einst wurden.

"Da platz ich vor Wut", sagt B. Sie will, dass sich die Hotlines koordinieren, dass man zusammenarbeitet, um den Opfern zu helfen.

Das Klingeln - eine Mischung aus Mahnung und böser Vorahnung

Die Musik verscheucht die Gedanken aus ihrem Kopf, je lauter sie ist, desto besser, desto leiser werden die Geschichten, die sie gehört hat. Manchmal legt sie sich auf das dunkel gemusterte Sofa im hinteren Teil des Hauses und liest ein Buch, Belletristik, nichts Anspruchsvolles. Oder sie kocht Milchreis, eine große Portion Nervennahrung.

Dann durchbricht das schrille Klingeln des Telefons den Frieden der lauten Musik und des Zigarettenqualms. Katharina B. mag das Klingeln nicht, sie sagt, es habe etwas Bedrohliches. Ein Glockenläuten, schrill und aufdringlich, das mit der Zeit ansteigt, lauter und lauter wird, ein Crescendo, das schließlich fiept im Ohr. Ein Geräusch, das schmerzt.

B. hat das Telefon extra so eingestellt, das Schellen ist eine Mischung aus Mahnung und böser Verheißung.

Manche rufen unter einem Vorwand an, andere sprechen gar nicht. In der Leitung knarzt es, dann räuspert sich jemand, manchmal nur die Ansätze von Wörtern, zusammenhanglos, vage. Es ist für die Betroffenen auch nach Jahrzehnten oft unmöglich, das Erlebte in Worte zu fassen. Die allermeisten öffnen sich gegenüber Katharina B. zum ersten Mal, nachdem sie jahrelang stumm waren vor Scham und Misstrauen.

Und bei denen, die schon in der Vergangenheit versucht haben, sich das Geschehene von der Seele zu reden, hat sich vor allem ein Eindruck festgesetzt: das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. "Ich mache ihnen klar, dass sie als Opfer unschuldig sind."

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.