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Ökumenischer Kirchentag: Beten, verehren, diskutieren

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Missbrauchsopfer zum Kirchentag "Wir wollen endlich gehört werden"

Katholiken und Protestanten diskutieren auf dem Kirchentag über sexuellen Missbrauch - aber nicht mit den Opfern. Sprecher der Betroffenen prangern an, dass sie nicht zur Debatte eingeladen wurden. Die Organisatoren weisen die Vorwürfe zurück: Man wolle die Menschen bloß schützen.

Hamburg - Professoren und Psychologen sollen in München über das Thema sprechen. Theologen und Bischöfe. Auch Politiker und Juristen. Fachleute mit beeindruckenden Biografien, langer Publikationsliste und großer Reputation. Auf zwei Podiumsdiskussionen beim Ökumenischen Kirchentag sollen sie über einen Skandal sprechen, der die katholische Kirche seit Monaten in ihrem Kern erschüttert: den sexuellen Missbrauch durch Priester und andere Geistliche.

Aber die Opfer?

Sie könnten berichten, wie es sich anfühlt, wenn Vertrauenspersonen auf perfide Art ihre Macht ausnutzen, wenn Kirchenleute unter Androhung von Strafe Stillschweigen über brutale Vergehen verlangen. Doch die Opfer haben kein Forum auf dem Kirchentag. Sie wurden nicht zu den Diskussionen eingeladen. Jetzt protestieren sie - sie fühlen sich wieder einmal nicht ernst genommen.

Man spricht nicht mit ihnen, man spricht über sie: Das werfen sie den Organisatoren des Kirchentags vor. "Statt Opfern sexualisierter Gewalt sitzen auf den Podien zum Thema Missbrauch Vertreter der Vertuscher und Täter", sagt Norbert Denef, der von 1959 bis 1966 selbst sexuell missbraucht wurde. Seit Jahren kämpft er für die Rechte der Betroffenen und eine Aufhebung der Verjährungsfristen. Er spricht für das NetzwerkB, das Opfer sexualisierter Gewalt vertritt. Beim Kirchentag hat er "Protest dagegen angemeldet, dass wir nicht vertreten sind".

"Nicht der Ort, an dem etwas geändert wird"

"Für die Opfer interessiert sich niemand", sagt auch ein Sprecher von Snap, dem Netzwerk der Überlebenden von Missbrauch durch Priester (Survivors Network of those Abused by Priests). Die Organisation wurde 1988 in den USA von Barbara Blaine gegründet, die als Kind Opfer sexuellen Missbrauchs wurde. In dem Verband haben sich inzwischen rund 9000 Betroffene zusammengeschlossen - nach eigenen Angaben hat er erreicht, dass etwa 5000 Täter aus religiösen Einrichtungen vom Dienst suspendiert wurden. Außerdem hat Snap das Ziel, Opfer zusammenzubringen und einen Austausch zu ermöglichen. Die Organisation hätte sich gewünscht, dass der Kirchentag ein solches Forum bietet: "Bislang hat die Kirche die Strategie gefahren, jedem Opfer zu suggerieren, es sei das einzige. Aber wenn in einem Raum 20 Leute sitzen, die jeweils die einzigen sein sollen, kann da etwas nicht stimmen. Das ist eine Verhöhnung." Man habe es versäumt, sich mit den Opfern an einen Tisch zu setzen.

Die katholischen und evangelischen Organisatoren des Kirchentags wehren sich gegen die Vorwürfe. Auf ein Protestschreiben von Denef antwortete Ellen Ueberschaer, die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags, die Veranstaltung in München sei durchaus "eine Plattform für eine öffentliche Auseinandersetzung auch zum Thema sexueller Missbrauch" - aber "nicht der Ort, an dem unmittelbar etwas geändert wird".

"Wir haben uns das sorgfältig überlegt"

Theodor Bolzenius, Sprecher des Ökumenischen Kirchentags, sagte SPIEGEL ONLINE, eine Veranstaltung mit Tausenden Besuchern biete nicht den Rahmen, um individuelle Schicksale zu erörtern. "Je größer die Veranstaltung, desto weniger bietet sie einen Raum, um einzelnen Fällen nachzugehen." Man wolle in den Diskussionen "eine besondere Tiefe erreichen. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, einzelne Betroffene nicht miteinzubeziehen, um sie vor Voyeurismus zu schützen". Außerdem sei die Zeit zu knapp: Für die Diskussionen sind je 90 Minuten angesetzt. Zu wenig, um neben der juristischen, der politischen und der psychologischen Perspektive die Sicht der Opfer einzubeziehen, sagt Bolzenius. "Wir haben uns das sorgfältig überlegt."

Der Sprecher verweist darauf, dass Ursula Enders, Leiterin und Mitgründerin des Vereins Zartbitter, aufs Podium geladen wurde, um die Interessen der Opfer zu vertreten. Doch das reicht weder dem Aktivisten Denef noch den Betroffenen im Netzwerk Snap. Sie fühlen sich durch Enders nicht repräsentiert. "Das ist ein völlig falscher Ansatz", sagt Denef. Man habe nach all den Jahren des Schweigens und Vertuschens eine Begegnung auf Augenhöhe verdient. "Die Vertreterin einer Opferschutzorganisation hat mit den Betroffenen zunächst einmal nichts zu tun. Wir haben eine eigene Stimme und wollen gehört werden. Wir können uns selbst vertreten." Denef hatte angeboten, als Vertreter von NetzwerkB auf dem Podium mitzudiskutieren. Eingeladen hat man ihn nicht.

"So, wie es jetzt ist, geht es nicht weiter"

Das Argument der Organisatoren, die Opfer durch die Einladungspolitik schützen zu wollen, lässt auch Snap nicht gelten. Der Verband vermutet andere Gründe: "Solange die Betroffenen schweigen, werden sie nicht unangenehm", sagt der Sprecher der Organisation. "Die unbequemen Opfer, die sich vielleicht zudem nicht besonders gut ausdrücken können, will man nicht dabei haben."

Die Kirchen legen Wert darauf, dass das Thema bei dem Treffen in München keineswegs ausgespart wird. Papst Benedikt hat zur Eröffnung die Missbrauchsfälle verurteilt - "es gibt das Unkraut gerade auch mitten in der Kirche und unter denen, die der Herr in besonderer Weise in seinen Dienst genommen hat", schrieb er in seinem Grußwort. Und der evangelische Präsident des Ökumenischen Kirchentags, Eckhard Nagel, forderte auf einer der Podiumsveranstaltungen am Donnerstag eine "Kultur des Hinsehens": "Jetzt, wo das Ungeheuer sichtbar geworden ist, müssen wir es bekämpfen."

"Man hat in der Vergangenheit den Schutz der Kirche über den Schutz der Betroffenen gestellt", sagt Kirchentagssprecher Bolzenius. "Aber jetzt stehen die Opfer wirklich im Vordergrund."

Denef entgegnet: "So, wie es jetzt ist, geht es nicht weiter." Er will in München protestieren.