Missbrauchsskandal Lügde Haben noch mehr Jugendämter versagt?

Im Missbrauchskomplex Lügde soll nach SPIEGEL-Informationen die Rolle von 20 weiteren Jugendhilfebehörden überprüft werden. Dort wurden womöglich weitere Opfer betreut – und nicht geschützt.
Tatort Campingplatz (Archiv): Einige Täter sind verurteilt, die Aufarbeitung des Behördenversagens dauert an

Tatort Campingplatz (Archiv): Einige Täter sind verurteilt, die Aufarbeitung des Behördenversagens dauert an

Foto: Guido Kirchner/ DPA

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Bei der Aufklärung des Behördenversagens im Missbrauchsfall Lügde geraten immer mehr Jugendämter in den Blick des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses im nordrhein-westfälischen Landtag. Nach SPIEGEL-Informationen hat der Ausschuss jetzt die Jugendamtsakten von 23 Städten angefordert, in denen Opfer der Missbrauchstäter vom Campingplatz in Lügde leben. Darunter sind die Städte Wuppertal, Gütersloh, Detmold, Paderborn und Aachen. Dies geht aus dem Beweisbeschluss des Ausschusses hervor, der dem SPIEGEL vorliegt.

Die Parlamentarier wollen überprüfen, ob es auch dort in Jugendämtern Versäumnisse und Fehler gab und möglicherweise von ihnen betreute Kinder deshalb nicht geschützt wurden. Damit könnte das Behördenversagen im Fall Lügde noch viel umfassender sein als bislang angenommen. Nach dem Beschluss werden die betroffenen Städte darauf hingewiesen, dass jede Vernichtung oder Löschung von Akten sowie von Daten aus Telefon- oder Social-Media-Kommunikation untersagt ist. Laut Urteil gegen Andreas V. und Mario S., die zu 13 und zwölf Jahren Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt wurden, wurden 32 Kinder von ihnen missbraucht, Mädchen, aber auch einige Jungen.

Seit 2019 überprüft der Untersuchungsausschuss »Kindesmissbrauch« im Landtag in Düsseldorf die Arbeit der Jugendämter im Fall Lügde. Sie wollen aufklären, warum der schwere sexuelle Missbrauch über Jahre geschehen konnte, obwohl etliche der Kinder, darunter die Pflegetochter des inzwischen verurteilten Haupttäters Andreas V., von Jugendämtern betreut wurden. Trotz mehrerer Hinweise auf Missbrauchsverdacht und Kindeswohlgefährdung griffen sie nicht oder nur unzureichend ein. Bislang hat sich der Untersuchungsausschuss vor allem mit den Jugendämtern in Hameln-Pyrmont und Lippe beschäftigt, die für die Pflegetochter von Andreas V. zuständig waren.

Inzwischen wurden aber auch Unregelmäßigkeiten im Jugendamt Höxter aufgedeckt, das sich um Opfer des zweiten Haupttäters Mario S. gekümmert hatte. Gegen eine Jugendamtsmitarbeiterin aus Höxter wird nach ihrer Aussage im Ausschuss inzwischen ermittelt. Sie hatte mehrere Vermerke zu Vorgängen im Jahr 2017 erst im Februar 2019 gefertigt und in die entsprechende Akte eingefügt, nachdem der Missbrauchsskandal öffentlich geworden war. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Jugendamtsmitarbeiter in Hameln-Pyrmont und Lippe wegen Verletzung der Fürsorgepflicht und in zwei Fällen auch Aktenmanipulation wurden Anfang 2020 eingestellt.

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