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20. Februar 2013, 06:32 Uhr

US-Missbrauchsskandal und Konklave

Kardinal Mahony soll draußen bleiben

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Systematisch soll Kardinal Roger Michael Mahony sexuellen Missbrauch in seiner Diözese verheimlicht haben. Dennoch darf er zum Konklave nach Rom fahren und einen neuen Papst wählen. Ein Skandal, finden progressive Katholiken und fordern einen Reiseverzicht.

Kardinal Mahony darf dabei sein. Er ist einer der 117 Wahlberechtigten, die nach dem Rücktritt von Benedikt XVI. einen neuen Papst wählen dürfen. Er freue sich schon sehr auf das Konklave im März, ließ der emeritierte Erzbischof wissen. Schon bei der Wahl Joseph Ratzingers im Jahr 2005 sei der Heilige Geist fast greifbar gewesen, schreibt er in seinem Blog: "Da gab es keine weltlichen Stimmen oder Einflüsse. Es war unglaublich."

Doch mit den profanen Stimmen ist das so eine Sache. Man hat sie nicht im Griff. Und sie erheben sich gerade unüberhörbar.

"Bleib zu Hause, Kardinal Mahony", fordern empörte Gläubige des Netzwerks Catholics United. Die Teilnahme Mahonys werde das Konklave mit einer "dunklen Wolke" überziehen. Er solle "das Richtige tun" und angesichts seines skandalösen Verhaltens beim Missbrauchsskandal auf seinen kirchenfinanzierten Trip nach Europa verzichten. Mit einer Petition verleiht die Gruppe der etwa 43.000 den US-Demokraten nahe stehenden Christen ihrem Anliegen jetzt Nachdruck.

Noch bevor er sich überhaupt auf den Weg nach Rom macht, muss Roger Michael Mahony am 23. Februar vor Gericht als Zeuge aussagen. Es geht - wenig überraschend - um den Missbrauchsskandal in der Erzdiözese Los Angeles, der er von 1985 bis 2011 vorstand. Mahony soll in den achtziger Jahren massive Vertuschung betrieben und mutmaßliche kircheninterne Sexualstraftäter vor Zugriffen von Polizei und Justiz geschützt haben.

Schutz der Kirchenhierarchie

Anfang 2011 war der in die Kritik geratene Geistliche von seinem Bischofsamt zurückgetreten - offiziell aus Altersgründen. Ende Januar 2013 entband ihn sein Nachfolger José Gomez wegen des umstrittenen Umgangs mit den Missbrauchsfällen plötzlich von allen Ämtern. Auch Weihbischof Thomas Curry musste zurücktreten. Er soll in den achtziger Jahren gemeinsam mit Mahony gezielt pädophile Priester vor staatlicher Strafverfolgung geschützt haben.

Die "New York Times" zitierte aus einem Brief aus dem Jahr 1986. Darin schreibt Kardinal Mahony an ein Therapiezentrum in New Mexico, in dem der Geistliche Peter G. untergebracht war, der mindestens ein Dutzend Jungen missbraucht haben soll. ''Ich glaube, wenn Monsignor G. wieder hier in der Erzdiözese auftauchen sollte, können wir mit strafrechtlichen und zivilrechtlichen Verfahren rechnen", schreibt Mahony. G. blieb wo er war, wurde nie angeklagt und ist inzwischen gestorben. Einem seiner illegal eingewanderten Opfer soll er gedroht haben, ihn bei den Behörden zu verpfeifen, sollte er ihm nicht zu Willen sein.

Nach jahrelanger gerichtlicher Auseinandersetzung hatte sich die Erzdiözese Los Angeles erst im vergangenen Monat einer gerichtlichen Anordnung gebeugt und 12.000 Dokumente veröffentlicht, die belegen, dass Mahony in den achtziger Jahren tatverdächtige Priester aus dem Bundesstaat oder ins Ausland bringen ließ, um sie vor Strafverfolgung zu schützen. Mindestens 122 Geistliche sollen in den Akten auftauchen.

Dennoch unterstützt Gomez jetzt die Entsendung Mahonys nach Rom - und das ist den Aktivisten von Catholics United ein Dorn im Auge. "Anstatt die Würde der Missbrauchsopfer zu verteidigen, hat Erzbischof Gomez beschlossen, in erster Linie die Hierarchie zu schützen", heißt es auf der Website der Organisation.

Vergeblich im Vatikan angeklopft?

José Gomez steht dem Geheimbund Opus Dei nahe, gilt als wertkonservativ, positioniert sich klar gegen Abtreibung und Sterbehilfe. Er liebt die stillen Töne und hält sich im Hintergrund, gestaltet von dort aus beharrlich die Erzdiözese nach seinem Gusto. Die veröffentlichten Kirchenpapiere über den Missbrauch nannte er in einem Brief an seine Gemeinden "brutal und schmerzlich".

Es gibt aber auch Stimmen, die Mahony in Schutz nehmen: Die "Los Angeles Times" berichtete am vergangenen Freitag, dass der Erzbischof 1993 aktiv versucht habe, Missbrauchsdelikte aktenkundig zu machen. Demnach habe er mehrmals auf den Fall des Priesters Kevin B. hingewiesen, der mindestens acht minderjährige Jungen betrunken gemacht und dann missbraucht haben soll - manchmal während des Gebets.

Der Zeitung zufolge verjagte Mahony den Priester aus seiner Gemeinde und versuchte, ihn aus dem Amt zu katapultieren. Vergeblich. Kevin B. beschwerte sich im Vatikan. Obwohl Mahony daraufhin bei der Glaubenskongregation und anderen Stellen in Rom anklopfte, sei er in der Sache nie angehört worden, heißt es. Der Fall wurde verschleppt, B. erst zehn Jahre später seines Amtes enthoben.

Arroganz und Unverfrorenheit

In Italien lancierte die katholische Wochenzeitung "Famiglia Cristiana" eine Online-Umfrage: "Soll Mahony zum Konklave oder nicht?" Viele Leser zeigten sich angewidert von den erneuten Querelen: "Was für ein Elend diese Kirche! Was für ein Trauerspiel!", schrieb eine enttäuschte Elena K. am Dienstag auf der Website der Zeitung. "Die Arroganz und Unverfrorenheit des Kardinals Mahony hat uns gerade noch gefehlt!"

Papst Johannes Paul II. nannte Mahony einst scherzhaft "Hollywood", weil er nach Kräften mit den Medien kokettierte. Mahony hatte ein liberales Image, er demonstrierte für Arbeiterrechte, unterstützte Frauen in der Kirche und setzte sich für Latinos ein, die inzwischen 70 Prozent der katholischen Gläubigen in der Erzdiözese Los Angeles ausmachen. Die ist mit 4,5 Millionen Katholiken in 120 Städten die größte des Landes.

Im Jahr 2007 hatte Mahony federführend ein Abkommen mit den 550 Missbrauchsopfern geschlossen. Den Betroffenen wurden insgesamt 660 Millionen Dollar Schmerzensgeld gezahlt.

Noch Anfang Februar entschuldigte sich Mahony in seinem Blog für die Fehler der Vergangenheit. Am Montag dann verdüsterte sich die Stimmung. Mahony bemühte einen Vergleich mit dem von allen verlassenen Jesus, der für die Menschen am Kreuz starb und "wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt wurde". Still habe der Herr sein Leid ertragen - "niemals gegen Missverständnisse aufbegehrt, niemals wütend werdend bei falschen Anschuldigungen". Und eben das sei so schwer für die Menschen: "Es ist mit Sicherheit schwer für mich auf meiner Reise."

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