Mit dem Nachtzug nach Wacken Railway to Hell

Wer sind die Menschen, die jedes Jahr zum Festival nach Wacken fahren, um sich drei Tage lang mit Heavy Metal zuzudröhnen und im Schlamm zu zelten? 800 von ihnen sind mit dem Nachtzug "Metal Train" aus ganz Deutschland angereist. Jochen Brenner ist mitgefahren.

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Noch auf der Rolltreppe zum Gleis steigt mir ein Geruch in die Nase, nach dem ich mich sehr bald sehnen werde. André, Uwe und Emanuel aus Bruchsal nebeln mit ihrer Frischgeduschtheit Gleis 5 des Heidelberger Hauptbahnhofs ein. Emanuels Haar glänzt von der Spülung und dem sorgfältigen Bürsten. Die letzte Dusche muss vier Tage reichen, erst dann werden sie wieder zurück sein. Aus Wacken in der Nähe von Itzehoe in der Nähe von Hamburg, dem weltgrößten Heavy-Metal-Festival im ungefähr kleinsten Dorf der Erde.

Die drei reisen mit dem "Metal Train" nach Norden, der Zug ist eine Art Sammeltaxi für Wacken-Fahrer. Er bummelt von Stuttgart über Heidelberg, Mainz, Koblenz, Köln, Essen, Kirchweyhe und Harburg nach Itzehoe. Tom hat ihn mit Freunden vor zehn Jahren zum ersten Mal gemietet, seitdem ist er jedes Jahr ausgebucht. Ordner tragen gelbe Westen, Sanitäter rote, Tom erkennt man am Tour-T-Shirt, Bier gibt es in der Zugmitte, rauchen nicht im Abteil, bitte unterwegs nicht aussteigen.

Ich will verstehen, warum jedes Jahr mehr Menschen nach Wacken fahren, 2010 allein 82.000. Sie zahlen 200 Euro für ein Ticket, um drei Tage lang Bands zu hören, die "Black Out Beauty", "Endstille" oder "Grave Digger" heißen. Sie wohnen in Zelten auf einem Acker, duschen nicht und trinken das günstigste Bier. Meistens regnet es.

"Heavy Metal ist ideal zum Runterkommen."

Die Frage nach dem "Warum Wacken?" kann ernsthaft nur ein Metal-Laie stellen, ich weiß das. Auf der letzten CD, die ich mir gekauft habe, spielt Lee Konitz Saxophon, der Mann ist 83 und meine Lieblingsnummer heisst "Kind of Gentle".

Heavy Metal und ich, das sind zwei, die keine Freunde mehr werden. Die Musik ist ziemlich gut gemacht und unter den Metal-Künstlern sind exzellente Instrumentalisten, brülle ich Marko ins Ohr. Das klingt ziemlich hochmütig, merke ich, also schiebe ich schnell eine Frage hinterher. Macht die Musik nicht aggressiv? Auch nicht besser, aber ehrlich.

Marko kommt von der Schwäbischen Alb und sagt "Im Gegenteil. Heavy Metal ist ideal zum Runterkommen." Ich nicke. Warum? Weil ich Marko nicht unterbrechen will und weil Marko mir den Heavy Metal erklären soll. "Die Metalheads sind so geil, weil man da in Wacken etwa übers Feld läuft und sofort Freunde hat", sagt er, er hat da ein Beispiel: "Wenn Dir da mal ein Bier runterfällt, gibt Dir sofort ein Fremder ein Neues aus. Das ist für mich Lebensqualität pur." Er schreit jetzt, weil die Musik wieder eingesetzt hat. Bei den Hip-Hoppern gäbe es doch immer Schießereien, "bei uns wird einfach nur Bier getrunken", sagt er.

Marko ist ein typischer Durchschnitts-Wackener: Um die zwanzig, kein Großstädter, mit einem technischen Beruf im Blick. Und dieser Leidenschaft für Bier. Nur, warum trinken sie dann dieses schale Pils aus Plastikbechern?

"Wenn sie 17 sind, wollen die Kids nicht so sein wie ihre Eltern"

Hinter der Uniform aus schwarzem Metal-T-Shirt, langem Haar und Vollbart hätte ich bei Männern wie Marko und den vielen anderen, die ich um Rat frage, mehr Heavy-Metal-Weltanschauung erwartet, ein bisschen mehr Wut auf das System, und dass einer mal "antibürgerlich" sagt, "Gegenbewegung" oder "kommerzfrei". Aber vielleicht ist die Zeit vorbei, in der auch in so geschlossenen Systemen wie dem Heavy Metal Zugehörigkeit immer politisch war. "Wenn sie 17 sind, wollen die Kids nicht so sein wie ihre Eltern", sagte der Frontmann von Motörhead mal, Lemmy, er ist inzwischen 65. "Deshalb hat meine Generation auch diese ganzen Buchhalter zur Welt gebracht."

Der "Metal Train" selbst verströmt die Aura der alten Bundesrepublik und ihrer Bahn: geschlossene Sechserabteile, Klo mit Gleisbettentleerung, und wenn er hält, kann man auf der bahnsteigabgewandten Seite die Tür aufmachen. Außenminister Genscher ist früher mit ihm zu Terminen gefahren, sagt Tom, der Organisator. So wie die Metalheads aus den Fenstern winken, erinnern sie in ihrer Euphorie an die DDR-Flüchtlinge, die Genscher mit dem Zug hat ausreisen lassen.

Gegen ein Uhr nachts bahnt sich in den beiden Party-Wagen des "Metal Train" kein Höhepunkt an, denn Metalheads feiern konstant, auf hohem Niveau. Ihre gute Laune ebbt zwischen Stuttgart und Itzehoe niemals ab, das sind elf Stunden und 53 Minuten Fahrt, und genau solange trinken sie auch Bier.

Draußen in der Nacht fliegen jetzt, gegen zwei, ein paar Häuser vorbei, die nah am Gleis gebaut sind. Ich stelle mir vor, wie ein älterer Mann am Fenster steht, über die Jahrzehnte gewohnt an die Bahnstrecke und den Lärm, den sie bringt. Und wie er aufschreckt, weil ein 500 Meter langer Höllenzug auf ihn zurollt, gefüllt mit 800 Metalheads in Hochstimmung, beschallt von Metallica, Motörhead und Slayer. Ob ihm einer glaubt, dem er die Story am nächsten Tag erzählt? Dass sein Haus ein Zug passierte, an dessen Fenstern langhaarige Männern standen, "Wacköööön" riefen und mit Bierdosen warfen?

Die Metalheads sind fürsorgliche Tänzer

Es ist drei, DJ Mike legt jetzt auf, was die Metalheads lieben. Am besten kommen die Nummern an, bei denen die Mitsingquote hoch ist. Klassiker von Black Sabbath, Metallica, Megadeth, Anthrax.

Gegen vier sind an Bord zwei Tanzstile verbreitet: Die "Luftgitarre" bringt den Vorteil, auch nach vielen Bieren noch sicher ausgeführt werden zu können. "Bangen" geht ziemlich in den Kopf - ich habe es auf dem Klo ausprobiert. Nur die wenigen Mädchen hüpfen ein bisschen zur Musik, und jedes Mal, wenn der "Metal Train" eine Weiche passiert, schwappt die Menge nach links oder rechts, und nicht wenige verlieren das Gleichgewicht. Das ist nur schlimm, weil der Boden inzwischen klebt wie ein Lolli. Die Metalheads sind fürsorgliche Tänzer, sie richten die Gefallenen schnell wieder auf.

Vor allem die Männer, deren Körper das Bier formte, haben jetzt, um fünf, ihre schwarzen Metal-T-Shirts wie Pfadfinder um die Hüften gebunden. Und in einem muss ich Marko recht geben, dem Mann, der mir den Heavy Metal erklären sollte: Kennenlernen ist kein Problem im "Metal Train". Ich lasse mich von Martin aus der Schweiz umarmen, er hält mir sein Bier an die Lippen und sagt: "Trink mal was."

Die Stunden bis acht verschwimmen. Dann spannen Bahnarbeiter in Harburg eine alte Dampflok vor den "Metal Train", sie zieht die Waggons die letzten Kilometer bis Itzehoe. In den Abteilen stapeln sich jetzt die erschöpften Metalheads, grotesk ineinander verschraubt, schlafend, schnarchend, delirierend. Das helle Morgenlicht macht die Zerstörungen der Nacht sichtbar. Abteiltüren sind aus der Verankerung gelöst, gequetschte Finger notdürftig geschient, und in der Morgensonne trocknen langsam die Kotzespuren an der Zugverkleidung neben den Fenstern ein.

Ich sehe, wie Menschen an der Bahnlinie kurz vor Itzehoe ihre Kameras rausholen, um die alte Dampflok zu fotografieren. Und wie sie ihre Apparate sinken lassen, als sie sehen, welche Last die Lok hinter sich herzieht.

Marko, den Heavy-Metal-Versteher, finde ich auf dem Bahnsteig nicht mehr. André, Uwe und Emanuel, die frischgeduschten Bruchsaler, heben ihre Biervorräte durchs Abteilfenster nach draußen. Ein letzter Versuch: Warum wirken die Heavy-Metal-Ikonen so martialisch? "Das ist alles eine große Show", sagt André, der Älteste der drei. "Jack Nicholson ist auch nicht böse, bloß weil er in "Shining" mitspielt." Dann verschwinden die drei in der schwarzen Masse.



insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
shokaku 04.08.2011
1. Metal rules the land
Zitat von sysopWer sind die Menschen, die jedes Jahr zum Festival nach Wacken fahren, um sich drei Tage lang mit Heavy Metal zuzudröhnen und im Schlamm zu zelten? 800 von ihnen sind mit dem Nachtzug "Metal Train" aus ganz Deutschland angereist. Jochen Brenner ist mitgefahren. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,778311,00.html
Einfach folgenden Lehrfilm reinpfeiffen, dann weisse bescheid Schätzchen. http://www.youtube.com/watch?v=_MTAW3uwHKE&feature=related
iliketoscore, 04.08.2011
2. boring
so langsam wirds doch echt langweilig. die hunderttausendste reportage eines außenstehenden über die ach so lieben metaller, die gar nicht so böse sind, wie man aufgrund ihrer martialischen t-shirtaufdrucke denken könnte. gewürzt wird der ganze brei mit einem bißchen geschwätz über festivalkultur, das offenbart, dass der praktikant, der den bericht zusammenschreiben durfte, noch nie auch nur in die nähe eines x-beliebigen festivals gekommen ist. schade, dass bei all der geheuchelten symphatie doch nie die perspektive erweitert wird, etwa mal ein fundierter konzertbericht on jemandem geschrieben wird, der die musik wirklich mag oder ein bißchen mehr recherchiert wird, um zu aussagen zu kommen, die über "metaller sind sehr fürsorgliche tänzer" hinausgehen.. stattdessen gibts immmer nur das gleiche schon hundertmal durchgekaute zeug aus wacken - dem mc donalds der metalszene. warum musste cho sung-hyung nur diesen film drehen....
Alternator 04.08.2011
3. Veraltet
@Shokaku: Lieber Mit-Forist, ich muss protestieren. Das von Dir verlinkte Video ist mittlerweile längst überholt, und "True" ist längst nicht mehr akzeptiert, heute ist man episch. Und Pink ist das neue Schwarz. Ansonsten ein sehr informatives Tutorial. Zu den Bildkommentaren der Redaktion: Die Geste mit den von der Faust abgespreizten kleinen und Zeigefingern als "Teufels-Zeichen" zu bezeichnen ist auch bereits seit mehreren Jahren nicht mehr episch, heutzutage bezieht man sich darauf als "Frittengabel of Darkness". (Auch in der Schreibweise "Frittengabel ov Darkness" korrekt.) Insgesammt muss ich sagen, dass keiner besser feiern kann als die Metaller. Friedlicher und witziger ist es nirgends. Update: Mein lokales Metal Authority Council (MAC) teilt mir grade mit, dass Schwarz das neue Pink ist.
T-Rex, 04.08.2011
4. Aaaaaaaaaaaaarrrrr yeah
Zitat von sysopWer sind die Menschen, die jedes Jahr zum Festival nach Wacken fahren, um sich drei Tage lang mit Heavy Metal zuzudröhnen und im Schlamm zu zelten? 800 von ihnen sind mit dem Nachtzug "Metal Train" aus ganz Deutschland angereist. Jochen Brenner ist mitgefahren. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,778311,00.html
Wie kriege ich nur meinen 10 Monate alten Sohn dazu eines Tages nach Wacken zu fahren und nicht auf so eine saugefährliche Loveparade zu rennen ? Am besten wird sein, ich warne Ihn rechtzeitig - vor den brutalen, betrunkenen und ungewaschenen Metall Freaks und vor Wischinfektionen auf Toiletten, die nicht von Sanifair bewirtschaftet werden.
clancy688 04.08.2011
5. Warum Dampflok
Ich bin kein "Metalhead", aber eine Sache würde mich mal interessieren. Vielleicht kann dies mir ja ein kundiger Forist erläutern. ;) Warum eigentlich eine Dampflok für den letzten Teil der Strecke? Hat das technische Gründe, oder geht's hier nur um den Spaß-Faktor? Sowas ist natürlich sicherlich eine extrem coole Sache, wenn man mit ner schönen alten Dampflock nach Wacken fährt. Aber billiger macht's die Sache doch sicher nicht, ist ja immerhin ein Sonderaufwand für die Bahn. THX für alle ernst gemeinten Antworten. ;)
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