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Bizarre Orte: Das Restaurant im Nirgendwo

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Mitten in Deutschland Der letzte Wirt

Sie nennen ihn den "Asterix vom Niederrhein" - Matthias Langhoff ist der letzte Wirt einer verschwundenen Ortschaft. Sein Dorf wurde plattgemacht, durch eine Industrielandschaft aus Beton und Stahl ersetzt. Zwischen gigantischen Schloten steht sein Restaurant. Besuch an einem einsamen Ort.

Im "Walsumer Hof" ist die Zeit scheinbar stehengeblieben: Die hölzerne Wandverschalung glänzt dunkelbraun, die Bestuhlung ist rustikal. Netze unter der Decke und maritime Dekors weisen den Ort als Fischerkneipe aus - auch das ein Anachronismus sondergleichen am Rand des heutigen Ruhrgebiets.

"Eiche brutal" würde man den Stil in hippen Großstadt-Kreisen nennen und spätestens auf dem Absatz kehrtmachen, wenn man im schummrigen Licht das von der Decke hängende "Asbach Uralt"-Schild entdeckt. An diesem Tresen, ahnt man, hat sich kaum etwas verändert, seit dort die Großväter heutiger Gäste saßen.

Als ich ein Kind war, saßen dort noch Rheinschiffer, alte Bauern und Steiger von Schacht Walsum. Wenn es derb wurde, sprachen sie ein Platt, das die Nähe zu Holland verriet. Vor der Kulisse des Rheindeichs thronte das Gasthaus wie ein inoffizielles Rathaus des sogenannten Oberdorfes, Standort des Schachts, aber auch letztes Überbleibsel des ursprünglichen Niederrhein-Dorfes, das die Stadt Duisburg sich Mitte der Siebziger einverleibte. Bis in die Achtziger hinein lebten dort vor allem die Alteingesessenen, die Katholiken, die letzten der niederrheinischen Bauern am Ruhrgebietsrand.

Vor der Tür liegt das, was vom Oberdorf übrig ist: Nichts

Vor ein paar Jahren ist das Dorf verschwunden. Eine Industrielandschaft aus Beton und Stahl steht da heute, so weit der Blick reicht. Menschenleer und monumental, direkt vor der Tür der Kneipe ein mächtiger, strahlend neuer Kraftwerksblock. 105 Meter türmt sich der Kessel auf, 180 Meter hoch der Kühlturm, 300 Meter hoch der Schornstein. Direkt in der Werkseinfahrt liegt der "Walsumer Hof", Kneipe und Restaurant, in Familienbesitz seit 1838. Ein klassisches, uraltes Wirtshaus, dem sein Umfeld abhandengekommen ist.

Man sagt, im Ruhrgebiet habe man die Städte um die Industrie herum errichtet, aber das stimmt nicht immer: Manchmal baut man die Industrie auch darauf. Über Generationen gewachsene Strukturen können über Nacht verschwinden. Die Straßen der Kindheit. Die Ankerpunkte der Biografien ganzer Familien. Wahre soziale Netzwerke.

Ab Mitte der Neunziger kauften die ortsansässigen Industriebetriebe immer mehr Grundstücke im und rund ums Oberdorf auf. Die Ruhrkohle-Tochter Steag, heute Evonik, plante Erweiterungen. Die Papierfabrik Norske Skog brauchte Raum, der Getränke-Großvertrieb Hövelmann auch. Der Charakter des Wohngebiets wandelte sich mehr und mehr zum Gewerbe- und Industriegebiet. Ab 2006 begann der Konzern Hitachi im Auftrag von Evonik, das Oberdorf komplett zu planieren. Auf seiner Fläche zog der Kraftwerksbau-Spezialist einen spektakulären 750-Megawatt-Kraftwerksblock hoch, unter dem die Straßenzüge des alten Dorfs verschwanden.

Nur vereinzelte Gebäude stehen heute noch in der Nähe des Schachts, der seit seiner Schließung 2008 selbst auf dem Weg zur Ruine ist, und eben der "Walsumer Hof" , das Relikt einer einst florierenden Ortschaft.

Einer der bizarrsten Orte der Republik

Die Wirtschaft ist eines der populärsten Fischrestaurants am Nordrand des Ruhrgebiets - und definitiv einer der merkwürdigsten Orte der Republik. Über einen Mangel an Kundschaft kann Wirt Matthias Langhoff nicht klagen: "Da gibbtet einen richtigen Tourismus", erzählt er, "die Leute wolln dat ma selba sehn, weilse dat irgendwo im Fernsehn gesehen oder gelesen haben."

Langhoff ist in den regionalen Medien bekannt als "Asterix vom Niederrhein". Ihm gefällt der Vergleich, auch wenn Freunde ihn "Matthias, der Fischmarder", nennen. Asterix passt, weil auch der im Widerstand gegen einen übermächtigen Gegner stand. Langhoff entstammt einer niederrheinischen Gastronomie-Dynastie, auch seine drei Brüder sind Gastronomen. Er ist der Wirt des Stammhauses in neunter Generation - und das bedeutet ihm etwas.

Langhoff ist ein Hüne, ein dickköpfiger, resoluter Hektiker, der das, was er zu sagen hat, so schnell herunterrattert, wie man das nur am Ruhrgebietsrand kann. Er trägt das Pütt-Hemd, die Kluft der Kohle-Arbeiter, die einst auch die Rheinschiffer und Fischer trugen und die dem Fischerhemd der Friesen zum Verwechseln ähnelt. Was seine seltsame Sonderstellung als Don Quijote vom Rheindeich ihm bedeute, will ich wissen, und er springt auf: "Komma mit", rattert er und rennt los, "ich zeich dia dat!"

Er verschwindet im engen Korridor hinter der Theke, vorbei an der Kegelbahn, den Toiletten und hinaus in den Biergarten. "Komm, dat musse von weita hinten sehn", sagt er und rennt vor, auf den Deich zu. Als wir uns umdrehen, sehen wir sein Lieblingsbild: Kühlturm dräut über Gaststätte.

Rückzugsgefechte

Langhoff lacht grimmig. Als er zu erzählen beginnt, pendelt er zwischen Wut, Galgenhumor und Schadenfreude. Fast kaputtgegangen sei er in diesen Jahren, als "die Lkw sich hier stauten, dat kein Gast mehr durchkam". Regelrecht gemobbt worden sei er, bis hin zu anonymen "Tipps an die Steuer".

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Aber es gehe "schon lange nicht mehr ums Geld. Für Kohle tut sich sowat keiner an". Worum denn? "Herzblut", sagt Langhoff.

Aufgeben? Gibt es nicht. Am Anfang, sagt er, hätten viele versucht, sich zu wehren gegen das Sterben des Orts. Und jetzt? "Sind alle weg. Ich glaub aber nicht, dat die damit glücklich geworden sind." Wenn die Wurzeln gekappt sind, geht Identität verloren.

Auch er führt letztlich ein Rückzugsgefecht. Den Fehler, sagt Langhoff, habe Ende der Neunziger der Vater gemacht, als er den Grund verkaufte. Aber damals war nicht abzusehen, dass die Bagger gleich 700 Jahre Ortsgeschichte plätten würden. Immerhin: Langhoff senior verband den Verkauf mit einem langfristigen Pachtvertrag - auch die Pläne der Steag waren damals offenbar so konkret noch nicht.

Dem Junior gelang es zuletzt, noch einmal eine Verlängerung des Pachtvertrags um fünf Jahre auszuhandeln. Vielleicht schaffe er das sogar noch einmal, hofft Langhoff. Wenn es gelingt, dann darum, weil Evonik ja "dat eine oder andere Problem" habe. Ein fast schon niedliches Understatement - was Evonik in Walsum erlebt, ist ein bundesweit beachtetes Desaster.

Das kraftlose Kraftwerk

Der Walsumer Kraftwerksblock 10 schafft es immer wieder in die Medien . Er sollte der Prototyp einer umweltfreundlicheren Kraftwerkstechnik werden, doch am Netz hängt er noch immer nicht: Rohre in dem 800-Millionen-Euro-Bau sind undicht wie Siebe, unterschiedlichen Angaben zufolge fand man bei zwei Probeläufen zwischen 2000 und 3000 Lecks. Auch der Kessel könnte wegen Materialfehlern noch vor dem Start renovierungsbedürftig sein, die Turbine wurde bereits ausgebaut, nach Berlin verschifft und repariert.

Ein finanzielles und politisches Desaster, weil auch an acht weiteren Kraftwerken des Walsum-Typs ähnliche Schäden entdeckt wurden. Eigentlich sollten sie helfen, die Atomstrom-Lücke zu schließen. Jetzt heißt es, dass sich der Betriebsbeginn in Walsum und bei bisher drei weiteren Kraftwerken um mindestens zwei Jahre verzögern wird. Schon hofft eine Bürgerinitiative darauf, das Kraftwerk doch noch verhindern zu können. Der nie in Betrieb genommene Atommeiler im nahen Kalkar zeigt schließlich, dass sich aus Kühltürmen auch ganz tolle Freizeitparks machen lassen.

Als Langhoff von den Problemen der Kraftwerksbauer erzählt, grinst er.

Walsumer hassen das Kraftwerk

Denn für die Menschen in Walsum ist der Kraftwerksbau ein weiterer Beweis, dass "die da oben" ohnehin machen, was sie wollen. Hauptsache, die Schlote dampfen. Am niederrheinischen Rand des Ruhrgebiets fressen sich Industrie und Armutsgürtel noch immer unerbittlich weiter. Strukturwandel? Klar, dank Zechenschließung und Entlassungen "auffer Hütte", vor allem vom Tarifgehalt zu Hartz IV.

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Früher haben die "Ruhris" es geschluckt, wenn die Industrie ihre Stadtteile fraß. Heute aber funktioniert der alte Deal nicht mehr: Lebensqualität gegen Arbeit. Wenn heute Werke Wohnorte fressen, dann sinkt die Lebensqualität, ohne dass es zum Ausgleich genug Arbeit gäbe.

Die, die dieser Prozess erwischt, wandern immer häufiger ab. Keine Stadt des Ruhrgebiets schrumpft schneller als Duisburg. Lebten dort 1990 noch 535.000 Menschen, waren es zehn Jahre später noch 488.000. Tendenz: weiter fallend.

Und Langhoff? Was wird er tun, wenn er die Wirtschaft schließen muss? "Dann", sagt der letzte Wirt vom Oberdorf, "haue ich hier ab. Weit weg. Dann ist hier keine Heimat mehr."

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