Mode 2006 Sex kann keine Sünde sein – Schlankheit schon

Der Streit um den Schlankheitswahn auf den Laufstegen dominiert die Modewelt, Heidi Klum sucht und findet ein Supermodel - und man gibt sich sexy, politisch und futuristisch. Und dann feierte auch noch ein Sündenfall Geburtstag.


Hamburg - Es darf glitzern - aber nicht weihnachtlich, sondern metallisch-futuristisch. Der Roboterlook ist einer der Trends, den Modejournalistinnen jüngst bei einer Umfrage des Branchenblatts "Textilwirtschaft" ausgemacht haben. Roboterleggins, kastenförmige Jacken, riesige Brillen und Minis à la Lieutenant Uhura vom Raumschiff Enterprise waren bei den Modeschauen im vergangenen Jahr allgegenwärtig.

Es gab allerdings auch einen scheinbar gegenläufigen Trend: Die Sechziger feiern bei vielen Designern ein Comeback. Swinging London ist angesagt - mit Trapezkleidern, graphischen Mustern, Schwarz-Weiß-Kontrasten und natürlich aufreizenden Miniröcken.

Und farblich? Hell und freundlich soll es sein, ließen uns die Modemacher bei den Schauen fürs nächste Jahr wissen. Das kann dann weiß, beige und sanft-natürlich sein, aber auch grell: ob Grasgrün, Zitronengelb oder Orange - im nächsten Jahr fällt man damit nicht aus dem Rahmen. Beige wird das neue Schwarz.

2006 erlebte eine neue Modehauptstadt. Bislang stand die Londoner Modewoche stets im Schatten der Schauen in Mailand, New York und Paris. Das sollte jetzt anders werden. Nicht zuletzt dank Giorgio Armani. Der 72-jährige Italiener zeigte sich erstmals an der Themse und adelte damit die Veranstaltung. Allerlei Klassisches zeigte der Modemacher - neben seiner jungen Linie "Emporio" auch seine Entwürfe für das Hilfsprojekt "Red". Die Gewinne aus dem Verkauf fließen zu 40 Prozent in einen Fonds zur Aidsbekämpfung in Afrika.

Klum suchte das Supermodel

Armani nutzt außerdem als erster der großen Designer die Bühne der Londoner Schauen, um sich in die große Mode-Debatte einzumischen - den Schlankheitswahn auf den Laufstegen. Armani gab den Medien und den Stilisten die Schuld an einer steigenden Zahl krankhaft dünner Models. "Ich wollte nie zu magere Mädchen verwenden", sagte der Top-Designer. "Niemand glaubt, dass es für ein Mädchen modisch ist, magersüchtig zu sein, und dass sie nichts essen dürfen. Ich nehme nur gesunde Mädchen."

Das hörte die italienische Regierung gern und verabschiedete wenige Monate später gemeinsam mit dem Verband der italienischen Mode und der Vereinigung Alta Moda einen Ethik-Code. Der Code soll die Gesundheit der Models auf den Laufstegen schützen und eine "gesunde Mode" fördern, sagte Gesundheitsministerin Livia Turco. Danach dürfen die Models nicht jünger als 16 Jahre alt sein und der Body-Mass-Index nicht geringer als 18. Der Code soll bereits bei den Prêt-à-porter-Schauen im Januar in Rom und im Februar in Mailand gelten.

Im November war das 21-jährige brasilianische Model Ana Carolina Reston an den Folgen ihrer Magersucht gestorben. Ihr Tod hatte die Diskussion um die Vorliebe der Modewelt für extrem dünne Models wiederaufleben lassen.

Wegen Vorwürfen, sie unterstütze den Schlankheitswahn, stand auch Heidi Klums TV-Show "Germany's Next Topmodel" in der Kritik. Klum suchte mit ihrer Jury dennoch weiter nach dem Supermodel und fand schließlich Lena Gerke. Die blonden Schülerin bekam als Siegerin der Show einen Vertrag bei der Agentur IMG Models und einen Werbevertrag mit dem Modelabel Oui Set.

Eine neue Verbrauchergruppe - mit Gewissen

Überhaupt entdeckt die Modebranche derzeit ihr soziales und ökologisches Gewissen: Nach Karotten heimischer Biobauern und ohne Tierversuche entwickeltem Kajalstift erobert fair produzierte und umweltfreundliche Kleidung die Laufstege und Boutiquen - neuerdings auch in Deutschland. Mit Schlabberlook, Batikbluse und kratziger Wolle hat das nichts zu tun. Hippe Labels wie die niederländische Jeansmarke Kuyichi und der T-Shirt-Hersteller American Apparel, aber auch Modekaufhäuser wie H&M und Peek und Cloppenburg setzen auf Ethik, Moral und Nachhaltigkeit.

Dass U2-Sänger Bono mit seiner Frau Ali Hewson das Label Edun gründete, das ausschließlich unter fairen Arbeitsbedingungen in der Dritten Welt produzieren lässt, erhöht den Promi-Faktor der Mode mit Tiefgang. Bislang ist Mode von Edun allerdings nur in einem Laden in Deutschland zu bekommen, und auch an andere Ökolabels kommen Trendbewusste meist nur in großen Städten oder per Versand heran.

Das Bewusstsein für solche Herstellungsstandards nimmt zu: "Es entwickelt sich da eine ganz neue Verbrauchergruppe, die etwas mehr Geld mit gutem Gewissen ausgeben will", sagt Jana Kern von "TextilWirtschaft".

Und dann war da noch ein runder Geburtstag: Der einzig legitime Nachfolger des Feigenblatts wurde 60. Der Bikini revolutionierte die Mode, den Sex und das Kino. Zum Sündenfall in zwei Teilen kam es 1946. Benannt nach dem ersten Atombombentest der Nachkriegszeit am 1. Juli über dem Bikini-Atoll, detonierte mit dem Bikini eine naive Lust nach Leben, Exotik und Freiheit, die man während der gesamten Kriegsjahre unterdrückt hatte. Eine Lust, die letztendlich in der sexuellen Revolution ihren Höhepunkt erreichte und deren Siegesfähnchen der Bikini immer bleiben wird. Denn mehr noch als ein Kleidungsstück ist der Bikini eine Lebenseinstellung.

Und weil's gar so schön ist, hier noch ein paar Ansichten dieser Lebenseinstellung:

dab/dpa/gms/AFP

Und zum Trendvergleich:
Was 2005 drüber und drunter in war.



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