Mode und Schönheitsideale "Männer mögen keine dürren Frauen!"

Warum dürfen Models in Kolumbien weiblich sein, während in Paris und New York nur Hungerhaken über den Laufsteg staksen? Stefan Eckert muss es wissen, er arbeitete als Modedesigner für Wolfgang Joop und Alexander McQueen. Ein Gespräch über Ideale.

AFP

SPIEGEL ONLINE: Herr Eckert, warum dürfen die Models in Kolumbien noch Rundungen haben?

Eckert: Das dürfen sie in Deutschland theoretisch ja auch.

SPIEGEL ONLINE: Auf der Berliner Fashion Week und auch auf der in Paris sah das aber anders aus. Die Models dort sind dünn.

Eckert: Um diesen Look zu verstehen, muss man zurückgehen in die neunziger Jahre, in die Zeit des Grunge. Damals konnte man zum ersten Mal nicht nur schmuddelig herum laufen, sondern auch spindeldürr sein. Die eigentlichen Stars in dieser Zeit waren ein radikaler Gegenentwurf zum perfektionsorientierten Mainstream. Jungs sollten zuvor so aussehen wie der amerikanische Quarterback. Mädchen wie Barbie. Die Helden des Grunge waren für die Jugendlichen endlich erreichbar, weil sie persönlich waren und in ihrer Kunst authentisch. Man definierte sich damals hauptsächlich über eine gesellschaftskritische Attitüde, Grunger wären nie auf die Idee gekommen, Diät zu halten, um so ihren Stars näher zu sein. Der Grunge war eine Befreiung. Dann wurde es leider schick, so dünn zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Aber waren die Stars des Grunge nicht oft auch nur so dünn, weil sie kurz vor dem Herointod standen?

Eckert: Das gab es natürlich auch.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit den Sechzigern? Da gab es Twiggy. Die war doch auch schon dünn.

Eckert: Auch ihren Erfolg muss man im Kontext betrachten. Es wäre zu simpel, ihren Erfolg auf ihr zartes Äußeres zu reduzieren. Twiggy strahlte zu einer Zeit, in der es zum guten Ton gehörte, politisch aktiv und Teil der Friedensbewegung zu sein. Auch hier ging es in erster Linie um eine gewisse Haltung. Die 68er, die Anti-Kriegshaltung. Dünn sein allein war eben noch nie ein Ideal.

SPIEGEL ONLINE: Das ist eine gewagte These. Für viele Frauen gilt dünn sein als Ideal, weil sie glauben, Männer stehen darauf.

Eckert: Männer mögen keine dürren Frauen. Definitiv. Männer lieben Frauen mit weiblichen Formen. Aber die Frauen kapieren das nicht. Die denken: je dünner, desto besser. Meine Freunde finden das aber alle nicht schön. Ich auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: High-Fashion-Mode wird aber doch vor allem für Dünne gemacht. Sind Modedesigner wie Sie daran schuld, dass alle so schlank sein wollen?

Eckert: Das ist völliger Quatsch. Was entworfen wird, das bestimmt die Nachfrage. Mode muss ja auf einen Zeitgeist treffen, sonst ist sie sinnlos. Also liegt mindestens genau so viel Schuld bei denen, die die Kleider kaufen. Ich denke, die Gründe für Magersucht liegen tiefer. Das sind gesellschaftliche Gründe, der Schrei nach Liebe. Und wer sich zu Tode hungern will, der hungert sich auch ohne enge Kleider tot. Manche Menschen koksen sich tot, manche saufen sich tot, manche hungern sich tot. Nein, da liegen die Gründe definitiv tiefer. Zudem, es gibt genug Idole, die nicht ganz schlank sind: Lady Gaga zum Beispiel hat einen guten Einfluss auf die Mode. Oder Beyoncé. Das sind doch moderne, schöne Frauen und die haben auch Brüste und einen Hintern.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie für Ihr Label Size-Zero-Kleider entwerfen?

Eckert: Nein. Meine Kollektion beginnt bei Größe 36/38. Ich suche auch immer Models mit einem natürlichen B oder C-Körbchen. Bei den meisten Agenturen ist das ein Problem. Für die Berliner Fashion Week 2010 musste ich ziemlich lange suchen, um geeignete Models zu finden. Zudem raunten manche Besucher im Publikum, als meine Modelle einliefen. Andererseits bin ich auch dagegen, kleine Kleidergrößen zu verbieten. Das ist doch wie Zensur in einer Diktatur. Die Mode muss frei sein.

SPIEGEL ONLINE: Gefallen Ihnen die Frauen aus Kolumbien?

Eckert: Ja, denn sie verkörpern ein realistisches Frauenbild, soweit sie ihre Schönheit der Natur verdanken. Ästhetische Operationen lehne ich ab.

SPIEGEL ONLINE: Hätten die kolumbianischen Models eine Chance auf den internationalen Laufstegen?

Eckert: Die auf den Bildern? Die würden nicht in die Kleider passen, um auf der Pariser Fashion Week zu laufen.

SPIEGEL ONLINE: In Madrid sind 2007 Models von der Modewoche ausgeschlossen worden, weil sie zu starkes Untergewicht hatten. Hat dies seitdem zu einem allgemeinen Umdenken in der Modebranche geführt?

Eckert: Es hat zu überhaupt keinem Umdenken geführt.

Das Interview führte Nora Gantenbrink



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