Mohrs Herzschlag Alles Helden

Sie rennen, kämpfen, siegen - und sind ungedopte Helden. Für den chronisch herzkranken Joachim Mohr sind Sportler, die trotz Transplantation Höchstleistungen vollbringen, echte Vorbilder. Bei den Deutschen Meisterschaften hat er einige getroffen.


Hamburg - Wenn mein krankes Herz mich so ärgert und quält, dass ich im Kampf gegen mein chaotisches Pumporgan nachzulassen oder gar aufzugeben drohe, dann versuche ich manchmal, mich an Vorbildern wieder aufzurichten.

Nehar Nurlu, Karl Handschuch und Dieter Kiltz (v. li.): "Wenn von 100 Patienten, die sich zur Transplantation melden, 99 sterben, dann bin ich der, bei dem es klappt."
Joachim Mohr

Nehar Nurlu, Karl Handschuch und Dieter Kiltz (v. li.): "Wenn von 100 Patienten, die sich zur Transplantation melden, 99 sterben, dann bin ich der, bei dem es klappt."

Als chronisch Kranker komme ich immer wieder in kritische Situationen, in denen ich einen stärkeren Willen und mehr Wagemut als der gesund-fidele Durchschnittsbürger brauche. Hin und wieder helfen mir dabei Helden aus der Wirklichkeit.

So habe ich vor kurzem an einem Samstag die Deutschen Meisterschaften für Transplantierte und Dialysepatienten besucht. Schon zum 30. Mal trafen sich Menschen mit Spenderherzen, Spendernieren, Spenderlebern oder auch Spenderlungen und solche, die an der Dialyse hängen, zum sportlichen Wettbewerb. Auf der Jahnkampfbahn im Hamburger Stadtpark wurde gerannt, gesprungen, geworfen und um Medaillen gekämpft.

Dort trifft man dann ganze Kerle wie Dieter Kiltz, 64, der seit achteinhalb Jahren mit einem fremden Herz lebt. Zu seinem großen Bedauern konnte er dieses Jahr nur beim 3000 Meter Walking teilnehmen, weil er sich beim Training für die Kurzstreckenrennen den Fuß verletzt hatte.

Oder Nehar Nurlu, 45. Er besitzt seit 1991 die Leber eines Spenders und nahm am 200-, 400- und 800-Meter-Lauf teil. Er sah die Deutschen Meisterschaften allerdings vor allem als Training, denn sein großes Ziel dieses Jahr ist die Weltmeisterschaft in Australien in der letzten Augustwoche. Dort will er seinen Titel als Weltmeister im 400-Meter-Lauf verteidigen.

Getroffen habe ich bei den Meisterschaften auch Karl Handschuch. Ihn habe ich bereits Ende 2008 in einer Reha-Klinik in Timmendorfer Strand an der Ostsee kennen gelernt. Der Mann ist 71 Jahre alt, sieht aber Jahre jünger aus. Auf den ersten Blick ist zu erkennen: Der ist topfit, nur Muskeln, kein Gramm Fett.

Sportverzicht nach Nierenverpflanzung?

Eine Sportskanone war Carlo, er hat mir am Ende unserer gemeinsamen Krankenhauszeit das Du angeboten, tatsächlich sein ganzes Leben lang. Er war Berufssoldat bei der Luftwaffe, Sportoffizier, Marathonläufer. Mitte der siebziger Jahre absolvierte er sein letztes 42-Kilometer-Rennen in 2 Stunden und 54 Minuten.

Doch dann kam die Krankheit. Seine Nieren fingen an, ihm Schwierigkeiten zu machen. Er litt an Glomerulonephritis, sein Körper produzierte zu viele weiße Blutkörperchen, die sich in der Niere festsetzten und diese verstopften.

Nach zwei Jahren sind seine beiden Nieren zerstört. Karl Handschuch muss, um zu überleben, an die Dialyse. Mehrmals die Woche lässt er sein Blut maschinell reinigen, vier bis fünf Stunden lang.

Nierentransplantationen sind in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch eine Seltenheit und riskant, doch Handschuch entscheidet sich dafür. Er wollte die Einschränkungen seines Lebens durch die Dialyse nicht weiter ertragen. "Wenn von 100 Patienten, die sich zur Transplantation melden, 99 sterben, dann bin ich der, bei dem es klappt." Das hat er sich damals gesagt.

Im Juni 1978 pflanzen ihm Mediziner am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ein Spenderorgan ein. Sein Mut wird belohnt: Die neue Niere wird nicht abgestoßen, sie leistet gute Arbeit.

Karl Handschuch ist glücklich, nur eine Auflage der Ärzte stört ihn enorm - er soll keinen Sport mehr treiben. Vor rund drei Jahrzehnten lautete das unumstrittene Credo der Mediziner für Transplantationspatienten: Sich schonen, schonen, schonen.

Karriere nach der Transplantation

Handschuch will dieses Verdikt nicht akzeptieren. Bereits einige Monate nach der Operation fängt er langsam wieder mit Sport an: 100 Meter laufen, 100 Meter gehen, 100 Meter laufen, 100 Meter gehen, immer abwechselnd.

Dann erfährt Handschuch von den Transplant Olympics, den Weltspielen für Transplantierte. Im Sommer 1979 reist er mit sieben weiteren Deutschen nach Portsmouth in England zum Wettkampf und siegt im 50 Meter Brustschwimmen. Karl Handschuch ist jetzt 42 Jahre alt, besitzt eine Spenderniere und hat seine erste Goldmedaille gewonnen.

In den folgenden Jahren baut Handschuch die Sportvereinigung für Menschen mit transplantierten Organen in Deutschland und den Weltverband mit auf, reist zu Wettkämpfen rund um die Welt und gewinnt in verschiedenen Sportarten insgesamt über 20 Medaillen. 2008 wird er im Alter von 71 Jahren Erster bei den Weltspielen im Golfen, jetzt organisierte er bei den Deutschen Meisterschaften ein kleines Golftunier.

Neben dem Sport schafft Handschuch auch im Beruf Besonderes: Wegen seiner schweren Krankheit verließ er die Bundeswehr und machte mit über 40 Jahren noch eine Lehre zum Steuerfachgehilfen. Beim Militär war er Transport- und Logistik-Stabsoffizier gewesen, im zivilen Leben wurde er ein erfolgreicher Speditionsunternehmer im Osten Deutschlands mit zeitweise bis zu 140 Angestellten.

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