Mohrs Herzschlag Brutal, schmerzhaft, äußerst kurz

Viele Menschen wünschen sich zurück in die Vergangenheit, weil früher angeblich alles besser war. Zumindest bezogen auf die Medizin ist dies völliger Quatsch. Der herzkranke Joachim Mohr wäre, ein oder zwei Jahrzehnte früher geboren, längst tot.


Früher war alles besser, behaupten viele Menschen gern. Die Leute sprechen dann von den guten alten Zeiten, verklären im Blick zurück das Gestern und stilisieren die Vergangenheit zu einer glücklichen Welt.

Zumindest was die Medizin angeht, war früher gar nichts besser, absolut rein gar nichts! Das Leben war brutal, schmerzhaft und dazu oft äußerst kurz.

Untersuchung eines Patienten, circa 1956: Kurz, schmerzhaft, brutal
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Untersuchung eines Patienten, circa 1956: Kurz, schmerzhaft, brutal

Eine Nasennebenhöhlenentzündung konnte zu einer monatelangen Qual werden, die Kinderlähmung missbildete Tausende junger Menschen, eine kleine Wunde an der Hand führte schnell zu einer Blutvergiftung und damit direkt ins Grab. Gern gestorben ist man auch an Kleinigkeiten, die man heute Magendarmverstimmung nennt, oder an einer schlichten Blinddarmentzündung.

Dass die Hälfte der Kinder einer Familie mehr oder weniger kurz nach der Geburt an irgendwelchen Infekten verschied, keine Seltenheit. Pest- und Choleraepidemien haben die Bevölkerung ganzer Landstriche ausgelöscht, Tuberkulose war eine wahre Geißel der Menschheit. In den vergangenen Jahrhunderten sind die Menschen gestorben wie die Fliegen, und das ist jetzt kein Zynismus.

Wehleidig durfte jemand früher schon gar nicht sein. Gegen Schmerzen half nur Durchhalten, sich mit billigem Fusel volllaufen lassen oder andere Drogen schlucken. Noch im ersten Weltkrieg gab es für viele Soldaten, musste ein Arm oder ein Bein amputiert werden, nur ein Stück Holz in den Mund, damit der arme Kerl sich vor Schmerz nicht die Zunge abbiss.

Auch mit dem Sex war es so eine Sache. Nicht nur, dass es keine Empfängnisverhütung gab, schnell hatte man sich bei dem Spaß auch eine Geschlechtskrankheit eingefangen - die man dann kaum mehr los bekam. An Syphilis starben Tausende. Neben anderen hat sich der Philosoph Nietzsche auf diese Methode verabschiedet. Heute verschreibt der Arzt bei Syphilis ein Rezept für Penicillin, und alles kommt wieder in Ordnung mit dem Fortpflanzungstrieb.

Der medizinische Fortschritt hat mir das Leben gerettet

Die Mediziner haben Impfungen, Antibiotika, Insulin und vieles andere lebensrettende Zeug entwickelt. Wer heute operiert wird, bekommt erst ein nettes Narkosemittel verpasst und dann meist gut verträgliche Schmerzmittel. So ist ein Aufenthalt im Krankenhaus zwar noch keine Urlaubsreise, meist aber auch kein Horrortrip mehr.

Umso schleierhafter erscheint mir, dass Arzneimittelforscher, die Präparate gegen Alzheimer, Rheuma oder Durchblutungsstörungen entwickeln, ein denkbar schlechtes Image genießen, während Umweltaktivisten und Tierschützer fast grundsätzlich als Helden verehrt werden. Aber das nur am Rande.

Mir und meinem kranken Herzen hat der medizinische Fortschritt sehr geholfen - er hat mir das Leben gerettet! Nur ein oder zwei Jahrzehnte früher geboren, wäre ich wahrscheinlich schon in jungen Jahren verstorben, läge heute längst verfault unter irgendeiner Grasnarbe.

Erwischt hätte es mich gleich mehrfach: Mein angeborener Herzfehler, ein Loch in der Herzscheidewand, hätte meinen Herzmuskel im Laufe der Jahre immer mehr geschädigt. Wäre die schädliche Öffnung nicht in meiner Studienzeit durch eine Operation am offenen Herzen geschlossen worden, ich wäre womöglich an einer Herzinsuffizienz gestorben. Als ich 21 Jahre alt war, sagten mir die Ärzte an der Universitätsklinik Tübingen, dass ich ohne OP kaum älter als 30 werden würde.

Weiter forschen!

Zudem leide ich seit meiner Kindheit an verschiedenen Herzrhythmusstörungen. Ohne Medikamente wie sogenannte Antiarhythmika, Betablocker oder Stoffe, die die Blutgerinnung hemmen, hätte mein Vorhofflimmern irgendwann einen schweren Schlaganfall verursacht. Oder eine atriale Tachykardie mit hoher Frequenz über 200 Schlägen pro Minute hätte in einem Herzstillstand geendet. Beides wäre ziemlich blöd gewesen, denn wahrscheinlich tödlich.

Seit einigen Jahren werden Herzrhythmusstörungen mit dem Verfahren der Katheterablation behandelt. Dabei werden Katheter von den Leisten und der Schulter ins Herz geführt und dann Gewebe in den Herzkammern zerstört. Damit sollen die Ursprungsorte von Rhythmusstörungen ausgeschaltet werden. Vier solcher Eingriffe wurden schon an mir vorgenommen. Das war in keinem Fall ein Spaß, ich bin auch nicht gesund, aber es geht mir besser.

Noch handelt es sich in Teilen um ein experimentelles Vorgehen. Noch muss viel erforscht und erst verstanden werden, was die Ursache und Wirkung von Herzrhythmusstörungen betrifft. Aber vielleicht ist ein chaotischer Herzschlag in einigen Jahren so leicht zu behandeln wie heute ein Leistenbruch. Ich wünsche es mir und allen Herzpatienten.

Deshalb weiter forschen! Denken Sie daran: Zumindest in der Medizin war früher nichts besser, aber auch gar nichts.

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