Mohrs Herzschlag Cool bleiben, Sensenmann!

Der Tod ist für den herzkranken Joachim Mohr immer wieder eine sehr konkrete Angelegenheit. Dabei hat er keine Lust, sich mit dem eigenen Abgang zu beschäftigen - ihm würde genug Interessantes für ein paar Jahrhunderte Leben einfallen.

Friedhof in Heidelberg: Ich brauche nicht das ewige Leben, aber so ein halbes
dapd

Friedhof in Heidelberg: Ich brauche nicht das ewige Leben, aber so ein halbes


Sterben muss jeder - gefühlt fast immer zu früh. Und da wir ohne unseren Willen auf die Welt kommen, dürfen wir auch bei unserem Abgang nicht mitbestimmen. Das Leben ist eben ungerecht. "Ich habe keine Angst vor dem Tod, ich möchte nur nicht dabei sein, wenn's passiert", sagt Woody Allen.

Auch ich wurde dummerweise geboren, ohne dass mich jemand fragte, ob es mir gerade in den Kram passt. Für mich als schwer Herzkranken wäre ein späteres Jahrhundert womöglich angenehmer gewesen: bessere Medizin, mehr Herzschläge, längeres Leben.

Vielleicht um 2300: Die dann praktizierenden Ärzte hätten für mein so anfälliges Herz eventuell nur noch ein Schmunzeln übrig. Die verschiedenen Missbildungen meines Pumpmuskels - unter anderem das Loch zwischen den Vorhöfen, die Extraverbindung zur Lunge, der zu geringe Platz - wären per Genoptimierung kurz nach der Befruchtung automatisch erkannt und durch einen "Protonensuprafibrillator" oder eine andere Wunderwaffe in Sekundenbruchteilen geheilt worden.

Vielleicht wäre ich allerdings auch in einem der in Zukunft zahlreichen Slums am eisfreien Nordpol zur Welt gekommen. Dort wäre ich dann nur 25 Jahre alt geworden. Nun gut, niemand kennt die Zukunft.

Konkrete Gefahr

Sterben ist für mich als Schwerkranken nicht nur ein Thema für trübsinnige Gedankenspiele, sondern eine konkrete Gefahr. Der Tod stört mich dabei weniger. Wer hat schon Angst vor dem Alles-ist-vorbei? Dann ist es eben dunkel im Tunnel.

Furcht habe ich, wie Woody Allen, allein vor dem Sterben. Wobei Woody Allen jetzt auch schon 75 Jährchen auf dem Buckel hat und das finale Kofferpacken damit näher rückt. Ich mit meinen 48 Jahren bin ja statistisch auch schon auf dem Rückflug.

Zu wissen, dass irgendwann das eigene Ende naht, zu erkennen, dass ich bald den Löffel abgeben muss - igittigitt! Wohl jeder träumt davon, in einer Nacht schnell und bequem für alle Ewigkeiten wegzudämmern.

Philosophen und Hobby-Denker pflegen gern Argumente wie "Gäbe es den Tod nicht, man müsste ihn erfinden" oder "Ein ewiges Leben wäre zum Sterben langweilig". Welch ein Quatsch! Mir würde schon genug Interessantes für ein paar Jahrhunderte mehr einfallen.

Ein halbes ewiges Leben

Im Mittelalter haben sich die Menschen, die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei schlappen 40 Jahren, womöglich auch gesagt: "80 Jahre alt werden, das muss doch total langweilig sein. Was soll man nur die ganze Zeit tun?" Heute wissen wir: Der Mensch ist anpassungsfähig, er hat sich exzellent an die doppelte Lebenszeit gewöhnt.

Mir gefällt die von dem englischen Schriftsteller Julian Barnes vorgeschlagene Abgangsvariante: "Zu sterben, wenn uns danach ist, wenn wir genug haben: noch 200, 300 Jahre so weitermachen, und dann selbst 'Na los, bring es hinter dich' sagen dürfen." Ich brauche nicht das ewige Leben - aber so ein halbes oder ein viertel, das wäre schon nicht schlecht.

Keiner verliert gern, besonders nicht das Leben. Ich bewundere Leute, die mit Gelassenheit, im Reinen mit sich und der Welt ihr Sterben so nebenbei ertragen können. Ob mir das einmal gelingt? Ich bezweifle es, fühle mich dabei aber nicht allein. Auch Goethe war, schenkt man dem Tagebuch seines Arztes Glauben, in seinen letzten Tagen "von entsetzlicher Angst und Unruhe beherrscht".

Stichwort Gottvertrauen

Es schadet der eigenen Menschenbildung natürlich nicht, sich ab und zu ein paar tiefsinnige Gedanken zu machen - Gedanken-Jogging hält angeblich ja den Geist lebendig: Wo kann unsere Existenz herkommen? Ist ein Leben nach dem Tod denkbar? Oder ist unser Dasein nur ein kleines biochemische Experiment? Nicht mehr als eine ziemlich instabile Verbindung von Atomen im unendlichen Raum?

Stichwort Gottvertrauen: Wer an das ewige Leben glaubt, der stirbt leichter. Angeblich. Für den Rest der Menschheit gilt der Satz des britischen Biologen Richard Dawkins: "Das Universum schuldet uns weder Mitgefühl noch Trost, es schuldet uns kein schönes warmes Gefühl in unserem Inneren." Nicht einmal am Ende des Lebens.

Mir fällt nur eine Strategie ein, mit dem Sensenmann umzugehen: Solange ich seinen Atem noch nicht im Nacken spüre, verschwende ich nicht allzu viele Gedanken an ihn. Gefragt ist die Kunst des Verdrängens.

Manche Momente in meinem Leben mit meinem kranken Herzen waren lebensbedrohlich, andere mit großen Torturen verbunden, es gab entwürdigende und zutiefst hoffnungslose Augenblicke. Trotzdem konnte ich immer weiter leben. Warum? Mein Gehirn hat vieles einfach beiseite geschoben und auf fabelhafte Weise verdrängt.

Also ist mein persönlicher Rat mit Blick auf den eigenen letzten Vorhang: Solange Sie noch leben, machen Sie das Beste aus diesem Experiment! Es gibt genug zu tun. Der Rest wird sich ergeben. Cool bleiben, Sensenmann!

Mehr zum Thema


insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fritzehü 07.12.2010
1. Cool und ruhig bleiben
Man sollte Berichte über seine Gesundheit nicht zum Objekt seines Broterwerbes machen. Hört sich so an, als ob der Mohr sich auch schon zur Plastination beim Plastinator Gunther von Hagens angemeldet hat.
mitch72, 07.12.2010
2. Mohr's Herzschlag
Auch wenn >>fritzehü
herkurius 07.12.2010
3. Auf Thema antworten
Die Formulierung mit dem Rückflug merke ich (61) mir. Die ist einfach schön:-). Ansonsten finde ich das Gewese um den Tod übertrieben (nicht in dem Artikel, sondern allgemein). Die Leutz vergessen etwas, was auch in dem Artikel angesprochen wird. Ich bin fest überzeugt, die "Zeit" an sich ist nur ein gnädiges Hilfsmittel für das Bewusstsein, sich auf dem Zeitstrahl zu orientieren, den das eigene Ich im Universum einnimmt. Und daher ist ein verplemperter Tag viel schlimmer, als sich klarzumachen, dass der Zeitstrahl nicht nur einen Anfang, sondern auch ein Ende hat, hübsch vorprogrammiert in unseren Genen. In Wirklichkeit wandeln wir Zeitguthaben in Leben um und wenn ein Tag um ist, ist 1/365stel des jährlichen Guthabens unwiderbringlich abgebucht. Ich wollte, bei mir wäre für jedes Dreihundertfünfundsechzigsteljahr dann auch ein Zimmer renoviert oder etwas mehr Honorar auf dem Konto eingetroffen oder ich hätte mit einem Freund Bier gepichelt. Ist aber meistens nicht so. Das ist es, was m i c h betroffen macht. Ein Tag, im Ärger verbracht, gestohlene Stunden, in denen man Behörden oder Geschäften schreiben muss, weil ein Mensch, der seine Zeit bezahlt kriegt, mir Schritte oder Folgen seiner Fehler auferlegt, die ich in meiner freien Lebenszeit wieder ausbügeln soll, ein Tag, an dem man versäumt, die Augen aufzuheben und Gottes herrliche Schöpfung wahrzunehmen (bitte jeder seine eigene Wortwahl dafür einsetzen, ich bevorzuge "negative Entropie" und die beste-aller-Universen Theorie, aber das versteht kein Mensch und es ist auch egal), das alles macht mich fertig. (Zynisch) ... und unser Körper, aber auch unsere Umwelt, macht uns mit zunehmendem Alter den Abschied immer leichter. Ist doch logisch, dass bei konstanter Bevölkerung in der Mitte einer durchschnittlichen Lebensdauer die Hälfte aller Menschen, die man je kannte, schon weg sind, auch die, die einem nahestanden. Und warum ist von der Natur eigentlich die Lebensdauer von ca. 80 Jahren, wenn's gutgeht, vorprogrammiert, wenn z.B. die Schildkröte, die Darwin im vorletzten Jahrhundert von seiner berühmten Forschungsexpedition mitgebracht hatte, erst vor ganz wenigen Jahren im Berliner Zoo mit, glaube ich, 127 Jahren gestorben ist, Amöben unsterblich sind und bestimmte Büsche schon 40.000 Jahre auf dem Buckel haben? Nun, wenn wir nicht alt würden, unsere Nachwelt noch ein paar Jahrzehnte mit weisen Reden langweilen, eh, anleiten könnten und dann abtreten, würden die unsterblichen Omas und Opas die Schrift als moderne Teufelei der assyrischen Steuereintreiber verdammen und im Übrigen mit aufgesetzter Pickelhaube gegen den Erzfeind im Elsass wettern. Sähe verdammt nach "Und täglich grüßt das Murmeltier" aus...
Shivananda 07.12.2010
4. Cool und ruhig bleiben
"Gefragt ist die Kunst des Verdrängens." - Hmm, finde ich persöhnlich nicht gut. Für mich ist der Tod ein Fixpunkt im Leben, der alles relativiert, ein Lehrmeister, der mich fragt, was ist wirklich wichtig in meinem Leben. Ich sehe in der Angst vor dem Tod eine Chance, mehr über mich und das Leben zu erfahren. Verfolgt man die Entwicklung eines Menschen aus einer ganzheitlichen Sichtweise wie z.B. Ken Wilber sie in seine Büchern beschreibt, dann sieht man die existentielle Krise der "Ich-bin-sterblich"-Erfahrung nur als eine wichtige Station der Entwicklung des Bewußtseins. Wer sie vermeidet, steht sich selbst im Wege und wird wahrscheinlich am Ende seines Lebens in arge Bedrängnis kommen, wenn Verdrängen von Tatsachen eingeholt wird, aber Zeit und mentale Fähigkeit nicht mehr reichen, sich damit auseinander zu setzen. Das Thema ließe sich noch weiter ausbreiten, wenn man sich fragt, ob dieses Verdrängen uns nicht auch in die momentane Umweltkrise gebracht hat. Ist es nicht dieses Verdrängen und der Glaube, wenn ich mich nur richtig anstrenge, genug Geld auf mein Konto scheffle, mein Haus so stabil wie möglich baue, mich versichere wo ich nur kann, soviele Resourcen wie möglich in mein Leben investiere ... dass ich dann ewig lebe? Ist es nicht dieses Glück in Dingen suchen, die mich von dem Gedanken des Todes ablenken, die dazu führt, dass wir immer mehr erschaffen, erwerben, erreichen wollen und dabei soviel zerstören? Wenn wir erkennen, dass wir sterblich sind, können wir vielleicht auch erkennen was uns wirklich glücklich macht und erkennen, dass es eine Harmonie in allem gibt, zu der auch der Tod gehört. Ich habe das Gefühl, wir stehen vor einer globalen existentiellen Krise, die eine Chance für uns und unseren Planeten ist. Sie läßt sich vielleicht noch eine Weile verdrängen, aber ich habe das Gefühl, je länger wir damit durchhalten, um so härter wird es uns treffen. Ist nicht einfach, das Thema in wenigen Worten zu fassen, aber der Empfehlung zu Verdrängen möchte ich entgegensetzen, es lohnt sich mit dem Tod auseinander zu setzten und es ist ein wichtiger Schritt für die persöhnliche Entwicklung.
WillyWichtig 07.12.2010
5. Den Tod dutzen? Ja!
Ich verstehe die Denkweise von Herrn Mohr sehr gut. Ich war selbst schonmal klinisch tot, dreimal. Auch das Herz. Die Denkweise über das Leben verändert sich dabei sehr. Ansichten über das Sterben auch. Das bleibt nicht aus. Was bleibt ist der Blick fürs Wesentliche.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.