Mohrs Herzschlag Der Power-Test für das Herz

Den Frust über seine Herzkrankheit will Kolumnist Joachim Mohr mit Sport bekämpfen. Doch vor dem ersten Training muss er sich einem Gesundheitscheck unterziehen. Dort heißt es treten - und testen: Was hält sein Herz aus?

Kolumnist beim Gesundheitscheck: Strampeln bis zur Erschöpfung
Katrin Mohr

Kolumnist beim Gesundheitscheck: Strampeln bis zur Erschöpfung


Halb liegend, halb sitzend bin ich auf einem Ergometer gefangen. Auf meinem Oberkörper kleben zehn Elektroden für ein EKG, am rechten Oberarm sitzt eine sich automatisch aufblasende Blutdruckmanschette, eine schwarze Maske presst sich über meinen Mund und meine Nase. Kabel und Schläuche hängen an mir herunter.

Ich komme mir vor wie ein Profi-Sportler im Trainingslager-Check. Mein Herzschlag und mein Blutdruck sollen gemessen, meine Atemluft eingefangen und analysiert werden. Zum ersten Mal seit mehreren Jahren werde ich versuchen, bis an meine körperliche Leistungsgrenze zu gehen. Ich soll körperlich so richtig die Sau rauslassen.

Es war ein herber Rückschlag vor einigen Wochen: Nach über einem Jahr der Ruhe hat sich mein krankes Herz wieder dem Chaos hingegeben - mitten in der Nacht hatte ich schwere Herzrhythmusstörungen. Wie schon so oft konnten nur Elektroschocks unter Narkose den irren Puls beenden. Meine morbide Blutpumpe, die mich schon mein Leben lang quält, hatte wieder zugeschlagen.

Ich geriet in Panik, hatte Angst - vor allem aber wurde ich wütend und zornig. Wird dieser grausame Kleinkrieg mit meinem Herzen denn nie enden? All die Operationen, die zahllosen Arztbesuche, die Abertausende von Tabletten, warum kann, verdammt noch mal, mein Herz nicht normal schlagen?

Mit Anfang 20 zum ersten Mal auf der Intensivstation

Ich fühlte mich meinem Herzleiden mal wieder so machtlos ausgeliefert. Deshalb beschloss ich, meinen Frust und meine Verzweiflung zu bekämpfen - mit Sport. Radfahren, Joggen, Gymnastik, Krafttraining für und gegen mein krankes Herz.

Als Kind und Teenager spielte ich im Verein Tischtennis, trieb Leichtathletik. Zahllose Nachmittage verbrachte ich auf dem Bolzplatz. Dann, Anfang 20, zwangen mich meine Herzrhythmusstörungen erstmals auf eine Intensivstation, ich musste mich am offenen Herzen operieren lassen, mein Klinik-Marathon begann. Und schlagartig war Schluss mit Rennen, Spurten, Springen, Kämpfen.

Jahre später startete ich als Freizeit-Läufer durch. In meinen besten Zeiten schaffte ich eine Stunde, dreimal die Woche. Ganz locker, ohne persönliche Rekordversuche. Dann, vor rund fünf Jahren, ging es meinem Herz ganz besonders schlecht, gleichzeitig wurde ich Vater - und wieder war es mit dem Sport vorbei.

Nun will ich ein Comeback! Ich möchte den Spaß, mich körperlich zu verausgaben, wieder entdecken. Will mir nach sportlicher Anstrengung wieder müde, aber glücklich den Schweiß von der Stirn wischen.

Schafft das Herz die Rückkehr zum Sport?

Doch einfach die Laufschuhe schnüren, das Kapuzen-Sweatshirt überwerfen und losstürmen - das könnte bei meinem missgebildeten Herz lebensgefährlich sein. Vor dem Neustart muss ich mich durchchecken lassen. Das gilt ja genauso für Herr und Frau Mustermann, wenn sie die vergangenen Jahre vor allem auf der Couch verbracht haben, sich jetzt aber in Trainingsanzüge quetschen wollen. Meine Frage lautet: Ist die Saug-Druck-Pumpe in meinem Brustkorb noch gut genug für eine glorreiche Rückkehr in die Sportwelt?

Auf dem Untersuchungsprogramm im "Medizinischen Versorgungszentrum Prof. Mathey, Prof. Schofer" in Hamburg stehen: Blutabnahme, Lungenfunktionstest, EKG in Ruhe, EKG unter Belastung und eine Spiroergometrie. Bei der Spiroergometrie wird meine Atmung analysiert, während ich mich anstrenge. Unter anderem werden das Atemvolumen, die Atemfrequenz und die Sauerstoffaufnahme erfasst.

Eins, zwei drei - auf Kommando trete ich in die Pedale. Alle zwei Minuten erhöht die Maschine die Belastung: 50 Watt, 100 Watt, 150 Watt... Ich strample, kämpfe, stöhne - bis ich keine einzige weitere Umdrehung mehr schaffe. Puhh!

Was ist das Ergebnis? Mein Puls steigt auch bei größter Anstrengung nicht über 90 Schläge pro Minute. Durch eines meiner Medikamente, einen Betablocker, ist kein schnellerer Herzschlag drin. Mein Herz ist sozusagen chemisch gedrosselt. Trotz dieser niedrigen Frequenz liegt mein Blutdruck aber mit Spitzenwerten von 180 zu 90 gut.

"Solange Sie sich wohl fühlen, bewegen Sie sich!"

Die Vitalkapazität meiner Lunge, wenn ich einatme, liegt bei 78 Prozent des für mich errechneten Sollwertes, die maximale Ausatmung bei 81 Prozent. Die Erklärung ist wohl: Durch meine Trichterbrust hat meine Lunge zu wenig Platz.

Die üblichen Blutwerte sind, wie die Ärzte so schön sagen, im Normbereich. Ich habe kein Übergewicht, rauche nicht, trinke keinen Alkohol. Also: Der Trainingszustand könnte besser sein, aber einer neuen großen Karriere als Freizeitsportler steht nichts im Wege.

Mein niedergelassener Kardiologe Manfred Geiger rät mir: "Solange Sie sich wohl fühlen, bewegen Sie sich!" Natürlich gelten für mich all die Tipps, die auch gesunde Menschen beachten sollten: langsam mit dem Sport beginnen, die Leistung nur behutsam steigern, sich nie bis zur Erschöpfung verausgaben - aber regelmäßig trainieren, am besten dreimal die Woche. Geiger bietet mir sogar an, die ersten Male gemeinsam mit mir zu joggen.

Nun gibt es kein Zurück mehr. Das Training soll meinen Körper und meine Seele stärken. Ich will siegen - und mindestens 100 Jahre alt werden!



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jp' 01.11.2011
1. ...
---Zitat--- Solange Sie sich wohl fühlen, bewegen Sie sich! ---Zitatende--- Das ist die absolute Standardantwort bei allen Sportbedingten Problemen, die ich jemals hatte! Eigenes Körpergefühl > Ärztlicher Rat Eine Frage hätte ich, inwiefern bringt der Sport denn etwas, wenn das Herz nicht schneller schlagen kann? Ist da für das Kardiovaskuläre System ein Unterschied, zwischen laufen und auf dem Sofa liegen, wenn die Herzfrequenz gleich ist? Ansonsten bleibt nurnoch, dem Autor viel Erfolg zu wünschen.
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