Mohrs Herzschlag Die Kunst des Verdrängens

Opponieren, meditieren oder kämpfen? In Zeiten heftiger Schmerzen und fieser OPs hilft allein seliges Vergessen, mit einer chronischen Krankheit klarzukommen. "Ich liebe es, zu verdrängen!", sagt Joachim Mohr, seit seiner Geburt schwer herzkrank.


Meine Hände werden feucht, eine innere Unruhe ergreift mich, ich habe das Bedürfnis, tief durchzuatmen - am liebsten würde ich sofort wieder gehen.

Freud vs. Dörner: „An den Mist denke ich nicht mehr“
AP/ Sigmund Freud Museum

Freud vs. Dörner: „An den Mist denke ich nicht mehr“

Es gibt Tage, da packt mich eine klitzekleine Phobie: eine Abneigung gegen Wartezimmer und Krankenhäuser. (Für die Aversion gegen Kliniken gibt es sogar einen aus dem Griechischen abgeleiteten Fachbegriff: Nosokomiophobie).

In den vergangenen Wochen musste ich zweimal für einige Tage in ein Krankenhaus - ich hatte einen Kreislaufkollaps wegen eines sehr aggressiven Magen-Darm-Virus, und mein krankes Herz schlug nicht, wie es sollte, ich kämpfte mit einer Bradykardie, einem zu langsamen Puls. Nach den Klinikstopps folgte der obligate Hausarztbesuch, dann konsultierte ich meinen Kardiologen, eine Hautärztin und den Orthopäden. In solchen Zeiten reicht es mir: Ich hasse ärztliche Warte- und Behandlungsräume, wenn sie zu meinem Lebensmittelpunkt werden.

Zwar erinnern die Zimmer der Damen und Herren Doktoren heute kaum noch an weiß gekachelte Eingangshallen von Schlachthöfen, gern sind die Praxen und Kliniken in lindgrün, zartgelb oder auch einem Hauch von rosa gehalten. Und wenn man Glück hat, liegen nicht nur abgegriffene Lesezirkel-Exemplare billiger Sensationsheftchen zur Ablenkung bereit, sondern auch das eine oder andere lesenswerte Magazin. (Mich würde ja schon immer interessieren, ob es zwischen der Qualität der ausgelegten Zeitungen und der Qualität des Arztes einen signifikanten Zusammenhang gibt. Ich vermute: ja.)

Trotzdem: Wartezimmer bleibt Wartezimmer, Behandlungsraum Behandlungsraum. Und manche Untersuchung oder Therapie ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Was soll ich also gegen mein aufflammendes Unwohlsein an solchen Orten tun? Meditieren, Beruhigungspillen einwerfen, kleine Voodoo-Puppen von Ärzten und deren Gehilfen malträtieren?

Cool bleiben und auf das clevere Hirn hoffen

Mein Rat an mich selbst ist banal: Ruhe bewahren und mir klarmachen, dass ich vieles sehr bald wieder vergesse. Schon in wenigen Stunden, spätestens jedoch in Tagen, in schlimmen Fällen in einigen Monate werde ich mich nur noch an einzelne Aussagen des Arztes entsinnen oder an einen besonders unangenehmen Augenblick eines Eingriffs. Meine Erinnerung wird nur noch bruchstückhaft, schemenhaft sein. Die meisten konkreten Eindrücke werden aus meinem Bewusstsein verschwunden sein, sich aufgelöst haben – einfach weg.

Welch wunderbare Leistung unseres Gehirns, Unangenehmes und Schreckliches - zumindest teilweise - verdrängen zu können. Ich liebe es!

Welche Gedanken verbinde ich mit meiner Herzoperation während meiner Studienzeit? Die ersten Tage nach der Narkose hatte ich abscheuliche Schmerzen. Eine Zeitlang lag ich in einem Acht-Mann-Zimmer, das mit zehn Kranken belegt war - an Ruhe und Schlaf war nicht zu denken. Die Rückschau auf die Schmerzen ist abstrakt, das Leiden konkret nachfühlen, das geht nicht - wie gut. Auch die Verzweiflung, keinerlei Privatsphäre zu besitzen und wie in einem Gefängnis mit unbekannten Männern in einen Raum gesperrt zu sein, ist noch präsent, doch nur gleich einem stillen Dokument. Die damalige Hoffnungslosigkeit eins zu eins abrufen, funktioniert nicht – eine Gnade.

Manche Momente in meinem Leben mit meinem kranken Herzen waren lebensbedrohlich, andere mit großen Torturen verbunden, es gab entwürdigende und zutiefst hoffnungslose Augenblicke. Trotzdem konnte ich immer weiterleben. Warum? Mein Gehirn hat vieles einfach beiseite geschoben und auf fabelhafte Weise verdrängt.

Das Trauma "wegleben" oder analysieren?

Unser aller Couchpate Sigmund Freud hat vor mehr als einem Jahrhundert gewarnt, dass der Mensch Ereignisse zwar in sein Unterbewusstsein verbannen könne, diese Dinge dann in schädlicher Art wieder an die Oberfläche drängen würden - traumatische Erfahrungen seien oft die Ursache seelischer Störungen. Seit damals streiten die Gelehrten, was mehr hilft: schmerzliche Erfahrungen einfach zu verdrängen ("An den Mist denke ich nicht mehr") oder sie in Gesprächen oder einer Therapie ausführlich zu analysieren. Ich stehe auf der Seite des Psychiaters Klaus Dörner, der es für den Normalfall hält, dass Menschen Schicksalsschläge "wegleben" und "wegnormalisieren", wie er es nennt. (Ich kann bei mir auch keine schweren seelischen Schäden erkennen – aber ich mag mich täuschen, fragen Sie meine Frau.)

Vor einigen Jahren wurde in einer Studie an 116 Herzinfarktpatienten in drei israelischen Krankenhäusern untersucht, welche Kranken eine posttraumatische Störung entwickelten und welche gut gelaunt die Kliniken verließen. Die, die sich nur wenig mit ihrer Krankheit beschäftigten, verfügten über die besseren Prognosen.

Klar, ich bin kein Traumaexperte. Doch habe ich eine längere Phase ohne Herzrhythmusstörungen und ohne Klinikaufenthalt, vergesse ich manchen Schrecken schnell. Einmal lag ich im baden-württembergischen Göppingen in ziemlich miserablem Zustand auf der Intensivstation, der Krankenhauspfarrer schaute vorbei und richtete tröstende Worte an mich. An den Geistlichen erinnere ich mich heute noch, alles andere habe ich vergessen. Herrlich - ein Hoch auf die Kunst des Verdrängens!

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