Mohrs Herzschlag Eine Nacht mit dem Röchelmonster

Wenig Personal, strapazierte Ärzte und ein Haufen quakender Patienten: Klinikaufenthalte sind kein Spaß. Selbst ein herzensguter Kranker wie ich kann die Geduld verlieren, wenn die Nachtruhe im Klinikbett durch Keuchen, Stöhnen und Bellen gestört wird.


Hamburg - Nicht unerwartet, aber beängstigend: An einem Frühlingsabend gerät mein Herz vollends aus dem Tritt. Mein Puls ist in Aufruhr, jeder zweite, dritte Schlag kommt außer der Reihe. Meine Ruhefrequenz steigt von 50 Schlägen in der Minute rasant auf über 80, mein Blutdruck wechselt im Viertelstunden-Takt von normal auf viel zu hoch und wieder zurück.

Nein, das ist nicht das übliche Vorhofflimmern. Als mir zwei Mal schwarz vor Augen wird und ich fürchte, ohnmächtig zu werden, rufe ich den Notarzt. Ich bin allein zu Hause und bei meinem operierten, von schweren Rhythmusstörungen geplagten Herzen gibt es in solchen Fällen nur eines: 112 wählen! Meine Ärzte haben es mir immer wieder eingebläut.

Die Notärztin und ihr Team kommen schnell und bringen mich in wenigen Minuten in die Notaufnahme einer Hamburger Großklinik. Es ist 20.45 Uhr. Ich werde in eine fensterlose Kabine hinter einem Vorhang gebracht. Sofort erscheint ein zuvorkommender Pfleger, schreibt ein EKG, legt einen venösen Eingang in meinem rechten Arm und nimmt Blut ab. Nicht einmal fünf Minuten später werde ich samt Bett in ein Krankenzimmer mit so genannter Monitorüberwachung geschoben.

In solch einem Zimmer ist jeder Patient über drei Kabel, die auf seiner Brust verklebt sind, permanent mit einem kleinen Computer und einem Monitor verbunden. Um den rechten Oberarm ist ein automatisch arbeitendes Blutdruckmessgerät geschlungen. Der Bildschirm zeigt in orangefarbenen Zeichen das aktuelle EKG, die Pulsfrequenz und den Blutdruckwert an. Sämtliche Daten werden von hier aus in das zentrale Überwachungszimmer der Ärzte und Pfleger übertragen. Geraten irgendwelchen Werte in einen kritischen Bereich, löst das Gerät augenblicklich Alarm aus.

Tätowierte und Touristen

Mit mir sind zwei weitere Patienten in dem kleinen Raum gefangen, die Entfernung zwischen den Betten beträgt nur gut eine Armlänge. Der Mann direkt neben mir, mit schwerer Raucherstimme und verblassten Tätowierungen auf den Unterarmen, sieht sich auf dem an eine Wand montierten Fernseher ein Fußballspiel an, während er sich gleichzeitig lautstark mit seiner Frau, seiner Tochter und, so scheint es, seinem Schwiegersohn unterhält.

Bei dem anderen Kranken, vermutlich ein Tourist, stehen ein älterer Mann und eine junge Frau am Bettende und reden italienisch aufeinander ein. Im Zimmer lässt sich kein Fenster öffnen, dafür steht die Tür immer wieder sperrangelweit auf, vom Flur dringen Stimmengewirr und allerlei Lärm herein.

Die nächsten eineinhalb Stunden passiert gar nichts. Teilweise schaue ich das Fußballspiel mit an, bin aber kein Fan und starre zwischendurch lieber an die Decke. Um 22.15 Uhr kommt eine Ärztin. Sie hört mich ab, höflich, aber wortkarg, fragt mich zu meinen Symptomen und der Krankheitsgeschichte meines Herzens. Ohne eine Diagnose zu stellen, "gut ist der Herzschlag nun wirklich nicht", geht sie wieder. Auf meine hinter ihr hergerufene Frage "Was passiert mit mir? Sie melden sich wieder?", antwortet sie mit einem kurzen "Ja".

"Dem geht es richtig dreckig"

Gegen 23 Uhr wird der Patient neben mir aus dem Zimmer gerollt, seinem Nachfolger geht es, das erkennt auch ein Laie wie ich, richtig dreckig. Es besteht Verdacht auf Herzinfarkt, vor allem aber – er kriegt kaum Luft. Der rundliche Mann zwischen 50 und 60 röchelt, hechelt, pfeift, hustet nicht nur, nein, er keucht, er stöhnt, er bellt, wenn er versucht einzuatmen. Seine Lungen scheinen bei jedem Atemzug zu bersten.

Der arme Kerl wird an eine blubbernde Sauerstoffmaschine angeschlossen und erhält zusätzlich ein Inhaliergerät. Immer wieder in den nächsten Stunden huschen Pflegekräfte herein und verabreichen ihm Medikamente. Trotzdem quält er sich - dröhnend. Noch nie habe ich jemanden so verzweifelt um Luft ringen hören. Mehrmals in der Nacht befürchte ich, dass mein Bettmachbar erstickt.

Aber erst einmal ist Mitternacht, und ich habe keinen Arzt mehr gesehen. Niemand hat mir gesagt, was mit meinem Freund, dem Herz, wohl los, und was mit mir geplant ist. Ich rufe einen Krankenpfleger und bitte darum, vom EKG abgehängt zu werden, damit ich auf die Toilette kann. Der hagere Mann um die 50 bringt mir statt dessen eine Flasche zum Wasserlassen. Er habe zu wenig Zeit um mich loszumachen, auf der Station sei viel los, außerdem müsse er dafür einen Arzt fragen, und das sei jetzt schwierig.

Schlafen? Keine Chance!

Ich liege hellwach auf dem Bett. Mittlerweile ist es gegen halb zwei Uhr. Mein geliebtes Herz schlägt nach wie vor alarmierend unregelmäßig. In Schüben steigt Angst in mir hoch: Werden die Mediziner meinen lebenswichtigen Pumpmuskel wieder in Ordnung bringen? Wird er überhaupt jemals normal arbeiten? Was steht mir noch bevor?

Ich zwinge mich nur Ruhe und zähle die Längsstriche an der Musterung der Zimmerdecke. Schlafen? Keine Chance! Der italienische Tourist schnarcht jetzt schwer – hat er ein Schlafmittel bekommen? -, der Mann mit der Atemnot und seine Apparaturen veranstalten ein grausam rasselndes Getöse. Ich lasse mir Ohrstöpsel kommen, nutzlos.

Kurz vor drei Uhr bitte ich einen Pfleger um eine Schlaftablette, erhalte jedoch die erstaunliche Auskunft, dass es dafür jetzt zu spät sei. Meine Anmerkung, dass ich noch keine einzige Sekunde geschlafen habe, wird mit einem Schulterzucken quittiert. Mein Wunsch, einen Arzt zu sehen, als unerfüllbar bezeichnet. Alle seien im Einsatz, morgen früh bei der Visite käme die Stationsärztin, und, "keine Sorge", zu meinem eigenen Schutz stünde ich ja unter EKG-Dauerkontrolle.

Ich entwickle ein kleines Spiel: Ich versuche exakt alle zehn Minuten auf die Uhr zu sehen, so genau wie möglich zehn Minuten abzuschätzen. Gar nicht so einfach. Trotzdem will die Zeit nicht vergehen. Ich erkläre die Nacht zu einer besonders langen Joggingstrecke und sage mir: "Jede Sekunde ist ein Sieg!" Nach so langem Wachliegen nervt das Bett: Die Decke ist zu warm, das Kopfteil zu hoch, das Kissen knotig. Ich uriniere wieder in die Bettflasche.

Gegen vier Uhr erscheint eine neue Schwester und stellt mein automatisches Blutdruckmessgerät so ein, dass es mich nicht mehr alle 15 Minuten irre macht, sondern nur noch einmal in der Stunde anspringt. Eine echte Verbesserung!

Entlassung auf eigenes Risiko

Ein paar Minuten nach fünf Uhr habe ich bei meinem „Fühle-zehn-Minuten"-Spiel noch auf die Uhr geschaut, dann erst wieder gegen sechs. Hey, ich muss geschlafen haben! Eine Krankenschwester zapft mit Blut ab.

Gegen halb acht wird das bemitleidenswerte Röchel-Monster neben mir aus dem Zimmer gerollt. Das Frühstück kommt. Ich kann die Ruhe im Zimmer kaum fassen, wunderbar.

Um halb zehn Uhr endlich Visite: Zwei Ärztinnen, auch die vom Abend zuvor, können mir leider nicht sagen, was meine Pumpe stört. Aber es sei nicht damit zu spaßen, wie mein Herz schlage, betonen sie. Deshalb müsse ich unbedingt stationär in die Kardiologische Abteilung aufgenommen werden, „um alles weitere abzuklären“.

Ich lehne ab und entlasse mich auf eigenes Risiko. Vom Krankenhaus fahre ich mit einem Taxi direkt zu meinen niedergelassenen Kardiologen. Der Arzt begrüßt mich mit dem Spruch "Sie sehen müde aus".

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insgesamt 2 Beiträge
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Morten MacFly 15.05.2008
1. Kann ich nur bestaetigen
Meine Frau war Ende letzten Jahres im AKA in Altona (Hamburg). Wir haben dort das gleiche Erlebt - hoffnunglso unterbesetzt, keine Zeit, alle Zimmer voll, keine Informationen etc.. Ich bin wirklich kein Panikmacher, aber das hat mir echt Angst gemacht. Wir waren froh, als wir endlich wieder gehen konnten. Das Schlimme: Diese Situation ist bekannt und keinesfalls ein Einzelfall! Aber nichts passiert. Nun, wenn Krankenhaeuser eben in private, womoeglich profitorientierte Handne kommen, dann gute Nacht. Wehe dem, der krank wird.
Ingmar Eckhardt, 15.05.2008
2. Aktion für automatische Überschriften
Vorweg, ich bin Krankenpflegeschüler, letztes Ausbildungsjahr. Ich kann ihre Erfahrung wirklich gut nachvollziehen, denke kaum dass es viele Krankenhäuser gibt, wo die Personalsituation besser ist. Ich kann nur sagen, dass es uns als Personal genauso belastet. Ich lerne z.B. in der Theorie wie "sehr gute" Pflege funktionieren würde, aber das Zeitbudget sieht so aus, dass man in den meisten Fällen froh ist eine "gute" Pflege zu machen, und selbst dafür reicht manchmal die Zeit einfach nicht. Ändern können das aber nur die Patienten selbst, das Personal ist nicht in der Position von den Kliniken einen höheren Stellenschlüssel zu fordern, oder die Krankenkassen dazu zu bringen eine höhere Vergütung zu bezahlen und die Krankenhäuser zu höheren Stellenschlüsseln zu zwingen. Es braucht Druck der Patienten. Füllen Sie die Feedbackfragebögen der Qualitätssicherungsabteilungen aus, sagen Sie konkret ihre Kritikpunkte, keine falsche Scheu. Treten sie Patientenvertretungen bei, schreiben Sie an ihre Krankenkasse, die Chance dass man mal selbst in diese Situation kommt, ist bei jedem Menschen extrem hoch. Aber es ist ja auch eine Kostenfrage, würden die Menschen ihr Verhalten, ihren eigenen Umgang mit ihrer Gesundheit nicht verändern, würde eine bessere Versorgung Unmengen mehr Geld kosten. Geld was nur die Beitragszahler aufbringen würden. Mehr Effiziens zumindest in den Krankenhäusern die ich kenne ist mMn kaum noch erreichbar, die umfangreiche Pflicht zur Dokumentation wäre nur zu verändern, würde man die Chance der Patienten auf Klage bei Pflege- oder Behandlungsfehlern beschränken. Aber das fände ich ebenfalls den falschen Weg. Nur wenn die Patienten bereit wären den Volkskrankheiten wirklich vorzubeugen (Sport, Ernährung), könnte man etliches Geld sparen z.B. für neue Gelenke (weil 30-40kg abnehmen genauso effektiv bei Gelenkarthrose hilft wie ein neues Gelenk; bloß sagt das kaum ein Orthopäde, weil die Patienten statt abzunehmen dann einfach ins nächste KKH gehen für die OP), und das Geld in die Versorgung von Kranken stecken die ihre Krankheit nicht hätten selbst verhindern können. Ich finds immer wieder schlimm, wenn so viele Menschen mit ihrer Gesundheit so lasch umgehen dass manche Volkskrankheiten epidemischen Charakter annehmen, und durch die dadurch entstehenden Kosten verhindern, dass unverschuldet Kranke ebenfalls eine immer schlechtere Versorgung bekommen. Es könnte dermaßen viel Geld freiwerden, würde man die Leute mit sanftem Druck (erhöhte Kassenbeiträge bei Übergewicht, bei fehlender sportlicher Betätigung, o.ä.) dazu bringen, ihren Krankheiten vorzubeugen, statt die Auswirkungen von allen bezahlen zu lassen, und das Gesundheitssystem für unverschuldet Kranke immer schlechter werden zu lassen. Ein weites Feld. Vllt. sollte man als Patient auch einfach mal die Arztfixiertheit aufheben, die Pflege kommt zu ihnen ans Bett, macht die Krankenbeobachtung, arbeiten damit dem Arzt zu, führt einen großen Teil der Therapie durch, die Pflege, also das man auch mit einer KRankheit gut leben kann, ist in Anbetracht dass viele Sachen nicht durch die Ärzte heilbar sind, ist mMn oft viel wichtiger. In den letzten Wochen des Lebens hilft einem kein verdoppeltes ärztliches Personal. Solange die Patienten so Arztfixiert sind, werden die Manager weiterhin in der Pflege sparen um den ärztlichen Dienst auszubauen.
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