Mohrs Herzschlag Genial, mit kleinen Fehlern

SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Joachim Mohr hält den menschlichen Körper für eine geradezu geniale Schöpfung. Wären da nur nicht all diese nervenden Produktionsmängel: Was tun, wenn man mit einem "Montagsherz" ausgestattet ist?

Michaelangelos "Schöpfung": "Mein Herz ist gefährlich, wo kann ich mich beschweren?"
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Michaelangelos "Schöpfung": "Mein Herz ist gefährlich, wo kann ich mich beschweren?"


Der Mensch ist zweifelsfrei ein Wunderwerk der Natur, ein biochemisches Geschöpf von unfassbarer Komplexität. Nicht umsonst verschlang die Entwicklungs- und Produktionszeit dieses phänomenalen Wesens auch schlappe vier Milliarden Jahre. So lange musste die Evolution feilen, um aus Einzellern im blubbernden Urschlamm den heutigen menschlichen Körper zu formen. Dieser besteht, nur ein einziger, wiederum aus bis zu 100 Billionen Zellen. Achtung: nicht Millionen, nicht Milliarden, sondern Billionen. Wer nachzählen will, sollte am Schluss irgendwie auf eine 1 mit 14 Nullen kommen - 100.000.000.000.000.

Müsste ein Werbeprospekt den ebenso kniffeligen wie kunstvollen Aufbau einer menschlichen Kreatur rühmen, es böten sich jede Menge Daten, um etwa interessierte Wesen aus fernen Galaxien zu beeindrucken:

- In jeder Sekunde werden bei einem Menschen zwischen 10 und 50 Millionen Zellen aufgebaut und abgebaut. In gewisser Weise erneuert sich der Mensch andauernd selbst. Leider reicht es noch nicht zum ewigen Leben.

- Die Gesamtlänge aller menschlichen Nervenfasern entspricht der Strecke von der Erde zum Mond und wieder zurück.

- Es werden etwa zwei Millionen rote Blutkörperchen gebildet - pro Sekunde. Ein Leben lang.

- Der Mensch kann rund 640 Muskeln anspannen. Zum Stirnrunzeln benötigt er 43, zum Lachen reichen 15.

- Mit dem Ziel der Fortpflanzung bilden sich bei einem jungen Mann rund 1000 Samenzellen pro Sekunde. Durchschnittlich flitzen in einem Milliliter Samenflüssigkeit 60 Millionen Spermien umher. Und nur eine kann es schaffen!

Auch über die für mich als Herzkranken besonders faszinierende Blutpumpe in der Körpermitte lässt sich wunderbar schwärmen:

- Jeden einzelnen Tag pumpt ein menschliches Herz etwa 7000 Liter Blut durch den Körper.

- Äußerst flexibel kann es seine Schlagzahl bei einem Erwachsenen zwischen 60 und 180 Schlägen pro Minute variieren.

- Wird jemand 70 Jahre alt, schlägt die Druck- und Saugpumpe circa drei Milliarden Mal - ohne eine einzige Pause.

Das Abenteuerlichste an dieser Leistung aber ist: Damit die Maschine Mensch reibungslos läuft und sich in einer stetig verändernden Welt zurechtfindet, arbeiten alle Zellen, Nerven, Muskeln, Organe permanent zusammen, tauschen in Bruchteilen von Sekunden unzählige Informationen aus, wägen ab und entscheiden.

Stellen Sie sich einen Augenblick während des Frühstücks eines Menschen vor: Die Augen betrachten einen Artikel in der Lokalzeitung, ein Teil des Gehirns ver- arbeitet die Buchstaben zu einem verständlichen Text. Gleichzeitig sortiert ein anderes Gebiet dieses Gehirns die Aufgaben, die der Mensch an diesem Morgen im Büro erledigen will. Im selben Moment führen seine rechte Hand und sein rechter Arm einen Becher Kaffee zum Mund, die linke Hand hält die Zeitung. Der Unterkiefer mahlt Stücke eines Brötchens klein, die Speichelproduktion läuft auf Hochtouren. Im Magen werden Brötchenteile und ein Joghurt chemisch zerlegt.

Zur selben Zeit schlägt das Herz, tun Lunge, Leber, Nieren ihren Dienst. Im Hintergrund werkeln alle möglichen Drüsen, Botenstoffe werden losgeschickt und empfangen. Das Gehirn speichert neue Eindrücke und löscht alte. Haare und Nägel wachsen. Und das ist nur eine winzige Auswahl der parallel ablaufenden Prozesse im menschlichen Körper.

Also, das Lebewesen Mensch ist schon ein spektakuläres Ding! Mit ein paar Einschränkungen allerdings, wie ich finde. Bei der permanenten Weiterentwicklung haben sich leider Mängel eingeschlichen.

So frage ich mich, warum der Mensch den Blinddarm zwar nicht braucht, an einer Entzündung desselben aber sterben kann. Dass auf die ersten die zweiten Zähne folgen, ist ja eine durchaus innovative Idee der Natur, aber warum Zähne kriegen und verlieren fast immer mit Schmerzen verbunden sein muss, ich weiß es nicht.

Ein ernster Schwachpunkt: das Immunsystem. Es soll uns vor den hinterhältigen Angriffen feindlich gesinnter Krankheitserreger schützen. Zwar bemüht die Abwehreinheit sich jeden Tag nach Kräften, aber regelmäßig sind ihr die Feinde überlegen. Du, liebes Immunsystem, kleine Erfolge sind ja ganz nett, aber wir müssen unsere Feinde vernichten! Alle! Für immer!

Was mich besonders ärgert: Bei der Produktion des einzelnen Menschen wird immer wieder geschlampt, regelmäßig scheint die Qualitätskontrolle zu versagen. So besteht ein Fuß aus 26 Knochen, zahlreichen Muskeln und Sehnen. Es handelt sich um ein äußerst durchdachtes Körperteil, mit dem man ein Leben lang gehen und laufen können sollte. Warum ich persönlich allerdings Senk-, Spreiz-, Knick- und Sonst-was-Füße habe, keine Ahnung. Sie scheinen mir jedenfalls nicht dauerhaft zur Fortbewegung geeignet.

Und fast hätte ich es vergessen - mein Herz! Eine Zumutung, eine Katastrophe, ein Desaster: ein angeborenes Loch, wo keines hingehört, eine zusätzliche Verbindung zur Lunge, die sonst niemand hat, und Rhythmusstörungen, die wirklich keiner braucht. Echt minderwertiger Standard, unbestreitbar miserable Ausführung, ein Montagsherz!

Liebe Natur, mein Herz ist gefährlich, lebensgefährlich! Was soll das? Wo kann ich mich beschweren? Wer ist verantwortlich?

Auszug aus: "Das Loch in meinem Herzen. Ein Lob auf die moderne Medizin". Droemer Verlag, München; 224 Seiten; 16,95 Euro



insgesamt 11904 Beiträge
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Seite 1
Interessierter0815 27.01.2010
1.
Zitat von sysopZusatzbeiträge, Kopfprämie, Gesundheitsfonds - im deutschen Gesundheitssystem herrscht Chaos. Politik, Krankenkassen und Lobbyisten ringen um Leistungen und Beiträge. Wie aber könnte eine gerechte, ausgewogene und vor allem finanzierbare Gesundheitsversorgung aussehen?
Korruption wohin das Auge auch sieht. Wohin wird das GesundheitsSYSTEM wohl steuern? Die 3. klassengesellschaft schreitet weiter und weiter, bald werden sicherlich alle "wertlosen" markiert und sollen froh sein, wenn es noch ein kanten Brot gibt und evt. eine rote Pille oder Tiergrippenimpfung.
genugistgenug 27.01.2010
2.
Zitat von sysopZusatzbeiträge, Kopfprämie, Gesundheitsfonds - im deutschen Gesundheitssystem herrscht Chaos. Politik, Krankenkassen und Lobbyisten ringen um Leistungen und Beiträge. Wie aber könnte eine gerechte, ausgewogene und vor allem finanzierbare Gesundheitsversorgung aussehen?
ABWÄRTS - wie alles andere wo unsere Politker und Bürokraten, die Kaste der Schmarasiten, ihre Finger drin haben. Die Frage wie ein gerechteres System aussehen könnte, ist überflüssig. Denn bis das durch alle Instanzen durch ist, sind unsere Enkel schon Großeltern.
Interessierter0815 27.01.2010
3. Großeltern?
Zitat von genugistgenugABWÄRTS - wie alles andere wo unsere Politker und Bürokraten, die Kaste der Schmarasiten, ihre Finger drin haben. Die Frage wie ein gerechteres System aussehen könnte, ist überflüssig. Denn bis das durch alle Instanzen durch ist, sind unsere Enkel schon Großeltern.
Welcher vernünftige Mensch möchte in diese asoziale Gesellschaft Kinder setzen? Nene, sich alleine durchzuboxen wird schon hart genug.
saul7 27.01.2010
4. +++
Zitat von sysopZusatzbeiträge, Kopfprämie, Gesundheitsfonds - im deutschen Gesundheitssystem herrscht Chaos. Politik, Krankenkassen und Lobbyisten ringen um Leistungen und Beiträge. Wie aber könnte eine gerechte, ausgewogene und vor allem finanzierbare Gesundheitsversorgung aussehen?
Das Tragische an der Entwicklung unseres Gesundheitssystemes ist, dass die dafür verantwortlichen Politiker keine Antwort für deren Lösung finden können und sich die Schuld für ihr Versagen gegenseitig zuschieben. Das ist verantwortungsloses Handeln.
Stefanie Bach, 27.01.2010
5.
Zitat von saul7Das Tragische an der Entwicklung unseres Gesundheitssystemes ist, dass die dafür verantwortlichen Politiker keine Antwort für deren Lösung finden können und sich die Schuld für ihr Versagen gegenseitig zuschieben. Das ist verantwortungsloses Handeln.
Norbert Blüm trifft es sehr genau: "Man kann aus Schaden klug werden. Man muss es aber nicht. Mit der Kopfpauschale ging die CDU in der Bundestagswahl 2005 baden. 2009, nach der Bundestagswahl, versucht sie es wieder mit dem einkommensunabhängigen Beitrag zur Krankenversicherung, der für alle gleich hoch sein soll." Koalitionsvertrag - Fehlstart schwarz-gelber Geisterfahrer (http://www.plantor.de/2009/koalitionsvertrag-fehlstart-schwarz-gelber-geisterfahrer/)
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