Mohrs Herzschlag Ist Ihre Pumpe noch fit?

Die Herzinsuffizienz, auch Herzschwäche genannt, ist eine gefährliche, oft zu spät erkannte Krankheit. Macht der Patient nichts dagegen, wird sie mit jedem Tag schlimmer. SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Joachim Mohr, selbst herzkrank, sagt, auf welche Warnzeichen man achten sollte.

Lebensmotor Herz: Die chronische Herzschwäche beginnt meist schleichend
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Lebensmotor Herz: Die chronische Herzschwäche beginnt meist schleichend


Für die meisten Menschen ist das Herz das Zentrum ihrer Lebenskraft, das Organ, das niemals müde wird. Für mich ist mein Herz Risikofaktor Nummer eins in meinem Leben, keine störungsfrei arbeitende Blutpumpe, sondern eine potentiell tödliche Gefahr.

Durch meine verschiedenen Rhythmusstörungen gerät mein Herz immer wieder böse aus dem Tritt, stolpert, holpert, taumelt. Aus eigener Entscheidung stehen geblieben ist es aber noch nie - toi, toi, toi.

Trotzdem hat mein Herz schon einmal zwischen 20 und 30 Minuten nicht geschlagen: Während meiner Herzoperation, bei der ein Loch in der Wand zwischen dem linken und rechten Vorhof geschlossen wurde. Auf Befehl der Ärzte und mit Hilfe von Medikamenten hat es eine fast halbstündige Pause eingelegt. Und anschließend wieder - sehr nett, vielen Dank! - angefangen zu schlagen.

Bisher stottert mein Lebensmotor immer wieder bedenklich, aber er läuft. Bei einem maladen Herzen wie meinem kann im Laufe der Jahre aber auch eine bösartige Herzschwäche drohen. Dabei wird der menschliche Motor schwächer und schwächer und schwächer - bis er plötzlich stillsteht.

Eine sogenannte Herzinsuffizienz ist eine ernste, oft aber zu spät diagnostizierte Krankheit. Rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Herzschwäche, jedes Jahr erkranken rund 300.000 Patienten neu daran, 50.000 sterben jährlich.

Die Pumpkraft des Herzens nimmt dabei so sehr ab, dass nicht mehr genügend Blut und damit nicht ausreichend Sauerstoff und Nährstoffe durch den Körper befördert werden. Gehirn, Nieren, Leber, aber auch Muskeln und all die anderen wichtigen Orte im menschlichen Leib werden unterversorgt. Das schadet der gesamten Maschine Mensch - und zerstört sie.

Ohne Behandlung endet der Fall zwei Meter unter der Grasnarbe

Die chronische Herzschwäche beginnt meist schleichend. Es fällt einem schwerer, bergauf zu gehen. Muss man rennen, kommt man schnell aus der Puste. Beim Treppensteigen macht man plötzlich gern mal eine kleine Pause - puhhh!

Oft sind Wassereinlagerungen an den Knöcheln und am Schienbein ein Zeichen für ein schwächer werdendes Herz. Diese Problemzonen kann auch der Laie erkennen: Drückt man mit dem Finger rein und es bleibt eine Delle, ist Gefahr im Verzug.

Auch wer nachts oft Wasser lassen muss, sollte nicht nur über seine Blase, sondern auch sein Herz nachdenken. Und das ist kein Spaß.

Für Hobby-Mediziner gilt auf jeden Fall: Wer unter ungewöhnlicher Atemnot leidet, muss zum Arzt. Denn hinter der Herzschwäche versteckt sich immer eine andere Krankheit. Zu einem schwachen Herzen kann ein vorausgegangener, auch unbemerkt gebliebener Herzinfarkt führen, aber auch Bluthochdruck, defekte Herzklappen, angeborene Herzfehler, Herzmuskelentzündungen. Oder einfach zuviel Alkohol und Drogen.

Meine Freunde die Kardiologen können eine Herzinsuffizienz meist schnell diagnostizieren, eine Ultraschalluntersuchung des Herzens und ein EKG geben erste Hinweise.

Warum es so wichtig ist, frühzeitig zum Arzt zu gehen? Die chronische Herzschwäche hat eine äußerst ärgerliche Eigenschaft: Macht der Patient nichts, wird sie mit jedem Tag schlimmer, garantiert. Es gibt keinen Stillstand. Und sie rückgängig zu machen, ist äußerst schwierig. Ohne Behandlung endet sie fast immer ein bis zwei Meter unter der Grasnarbe.

Bei Herzschwäche keine Schonung, sondern Action

Dabei hat die Medizin von heute verschiedene Therapien im Angebot: Als erstes wird ein Arzt natürlich versuchen, die zugrunde liegenden Missstände zu beheben. Also etwa einen zu hohen Blutdruck zu senken oder eine undichte Herzklappe zu operieren. Dann gibt es Medikamente, die den Herzmuskel stärken, Schrittmacher, die der ganzen Maschine helfen.

Vor allem kann jeder selbst etwas tun - sich bewegen. Früher galt: Bei Herzschwäche muss der Patient vor allem eines, sich schonen. Heute wissen die Mediziner, dass gepflegte Action, also sportliches Spazierengehen, Wandern, Radfahren auch dem kranken Herz neue Kraft geben kann. Mit gutem Training lässt sich die Leistung um 10 bis 25 Prozent verbessern - bei Kranken!

Ich persönlich muss immer daran denken, dass meine Herzrhythmusstörungen die Saug-Druck-Pumpe in meinem Brustkorb ziemlich schädigen können. Und dass meine Medikamente, die meine Rhythmusstörungen verhindern sollen und die ich schon seit Jahrzehnten nehme, meinen Herzmuskel deutlich schwächen.

Deshalb steige ich auch heute wieder nicht ins Auto oder die S-Bahn, sondern brause mit dem Fahrrad nach Hause. Gut 30 Minuten radeln mit der Nase im Wind - morgens und abends. Eine kleine Fitnesseinheit für mein geliebtes Herz.

Einen "Herzschwäche-Test" und weitere Informationen zum Thema Herzinsuffizienz gibt es bei der Deutschen Herzstiftung unter www.herzstiftung.de



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