Mohrs Herzschlag Kaum zu glauben

Viele Kranke suchen ihr Heil im Glauben oder gar im Aberglauben. Doch das kann tödlich sein - in Wahrheit hilft meist nur die moderne Medizin, weiß der chronisch herzkranke Joachim Mohr. Gott sei Dank!


Glaube kann Berge versetzen, heißt ein Sprichwort in Anlehnung an eine Stelle aus den Korinther-Briefen der Bibel. Viele kranke Gläubige fühlen sich denn auch mehr in Gottes Händen als in denen ihrer Ärzte.

Gläubige in Lourdes, Papst: Erklärungen im Irrationalen
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Gläubige in Lourdes, Papst: Erklärungen im Irrationalen

So macht die Geschichte manch wundersamer Heilung nicht nur im Internet die Runde. Ob in katholischen Wallfahrtsorten wie dem spanischen Santiago de Compostela oder dem französischen Lourdes, bei Missionsgottesdiensten Evangelikaler oder in Tempeln kleiner Sekten: Immer wieder berichten Menschen mit entrücktem Blick, wie sich angeblich Querschnittsgelähmte aus ihren Rollstühlen erhoben haben, Krebsgeschwüre in Minuten verschwanden und psychisch schwer Kranke wie auf Zuruf zu lebenslustigen Zeitgenossen mutierten.

Es stimmt: Bei Krankheiten zählt, um gesund zu werden, oft nicht allein die Kunst der Ärzte. Nein, auch die richtige Einstellung des Patienten kann helfen, ein körperliches Leiden zu überwinden, eine positive innere Überzeugung unterstützt die Heilung. Diese Erkenntnis ist heute selbst in der Schulmedizin nicht mehr umstritten.

Studien belegen, dass gläubige Menschen, etwa regelmäßige Kirchgänger, länger leben als andere. Ob dies allerdings daran liegt, dass der Herr im Himmel auf seine ihm folgsamen Schäfchen besonders gut aufpasst oder diese aufgrund religiöser Regularien einfach zu einem gesünderen und damit lebensverlängernden Lebensstil neigen, das weiß niemand so genau.

Bleiern, monströs, dämonisch

Krankheiten kommen oft aus dem Nichts, für den Kranken ergeben sie meist keinen Sinn, sie quälen einen ohne erkennbaren Nutzen. Körperliche Leiden wirken auf Patienten häufig bleiern, monströs, dämonisch. Wem der Glaube an einen Gott oder einen die Welt im Inneren zusammenhaltenden Sinn dann Kraft gibt, sein Leiden leichter zu erdulden, der wäre dumm, diese Chance nicht zu nutzen. Glaube kann Energie freisetzen, etwa einen Patient bestärken, seinen Lebensstil radikal zu ändern, mit eigenem Handeln seine Genesung voranzutreiben.

So segensreich ein bejahender Glaube, vor allem an die eigenen Kräfte, wirken kann, so nutzlos ist hingegen Aberglaube. Die Flucht ins Irrationale kann sogar gefährlich sein, im schlimmsten Fall lebensgefährlich. Für die Heilung fast aller Krankheiten empfiehlt es sich, auf jeden Fall auch auf Ärzte, Medikamente, eben auf die moderne Medizin zu setzen - glauben Sie es mir!

Noch vor zwei, drei Jahrhunderten konnte man locker an einem vereiterten Backenzahn, einer Blindarmentzündung oder einer Bronchitis sterben, einfach so, an einem Dienstagmorgen oder Donnerstagnachmittag. Familien bekamen nicht nur zahlreiche Kinder, weil niemand eine Ahnung von Empfängnisverhütung hatte, sondern auch weil viele Babys sehr früh starben. Der Natur den Lauf der Dinge zu überlassen, kann äußerst brutal sein. Heute gibt es - Gott sei Dank, könnte ich jetzt sagen - Antibiotika, Impfungen und andere sensationell nützlichen medizinischen Errungenschaften.

Um aber die furchtbaren Zufälle unserer Existenz, das oft Unfassbare, ertragbar zu machen, versuchen auch noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheinbar vernünftige Menschen Erklärungen im Irrationalen zu finden. Durchaus gebildete Mitglieder unserer menschlichen Gemeinschaft sind überzeugt, dass Sternbilder unser tägliches Schicksal beeinflussen, Energieströme aus der Erdmitte unseren Geist lenken oder frühere Leben unser heutiges Dasein steuern.

Sex des Aberglaubens

Hallo! Aus Verzweiflung darf nicht Irrsinn werden. Im 17. und 18. Jahrhundert gab es in der westlichen Gesellschaft ein Zeitalter, das sich Aufklärung nannte. Seit damals sollte eigentlich die Vernunft das Denken leiten, Wissen und Erkenntnis im Vordergrund stehen, nicht Übersinnliches oder Mystisches. Doch Aberglaube besaß schon immer mehr Sex als Logik, unter anderem weil man für Unsinn weniger denken muss, damit aber besser herumspielen kann.

Die Dummheit wird allerdings zum Wahn, wenn Medikamente nur nach Mondphasen geschluckt werden, Krebsgeschwüre per Telefontelepathie verschwinden sollen, oder überlebensnotwendige Operationen verweigert werden, weil irgendeine höhere Instanz den Eingriff angeblich verbietet. Ich persönlich kriege ja leider nie mit, wie diese Wesen aus anderen Welten ihre Ansichten mitteilen. So ein Pech auch.

Machte es die Menschen gesünder, wenn alle Krankenhäuser der Welt nach Feng-Shui-Grundsätzen gebaut wären, Sie können sicher sein, es gäbe keine anderen Kliniken mehr. Ließen sich durch Handauflegen und ätherischen Gesang Krebsgeschwüre wegzaubern, niemand studierte mehr auch nur ein Semester Medizin. Gäbe es kosmisch aufgeladenes Wasser gegen Haarausfall, Rheuma und Aids, bräuchte es keine pharmazeutische Forschung mehr.

Immens erfolgreiches Wunderzeug

Blöd nur, dass sich all diese angeblich so unendlich hilfreichen und gewichtigen Ansätze nie beweisen lassen, mit keiner wissenschaftlichen Methode, nirgends auf der Welt. Schon ärgerlich. Und wenn all dieses Wunderzeug so immens erfolgreich ist, warum sind dann eigentlich nicht alle Menschen gesund?

Damit Sie mich richtig verstehen: Bei einer Herzkrankheit etwa vermögen autogenes Training, chinesische Qigong-Übungen oder auch Meditation sehr nützlich sein. Es kann dem Patienten helfen, sich und sein Herz zu entspannen, Kräfte zu sammeln, neue Energie zu finden. Und damit einen wichtigen Schritt in Richtung Gesundsein zu tun.

Aber bei meinem angeborenen Herzfehler, einem Loch in der Herzscheidewand, da gab es nur eine Chance: Kardiologen und Chirurgen ranlassen. Meinen Brustkorb aufsägen, mich an die Herz-Lungen-Maschine anschließen und das Loch zunähen. Ohne die Spezialisten der Schulmedizin würde ich heute nicht mehr leben. So einfach und beängstigend ist es, glauben Sie es mir!

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