Mohrs Herzschlag Nippes für die Seele

Ist das nun Kitsch? Oder Lebenshilfe? Viele Krankenhäuser bieten Patienten Souvenirs zum Kauf an - zur Erinnerung an Blinddarmentnahme oder Darmspiegelung. Herzpatient Joachim Mohr legt ein Bekenntnis zur Klinik-Devotionalie ab.

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Hamburg - Als ich durch die automatischen Schiebetüren des Hauses C der Asklepios Klinik St. Georg in Hamburg trete, fällt mir zum ersten Mal eine kleine Vitrine auf, die dort an zugiger Stelle an die Wand montiert ist.

Souvenir-Jäger: "Der Wunsch, öffentlich zur Schau zu stellen, was man liebt"
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Souvenir-Jäger: "Der Wunsch, öffentlich zur Schau zu stellen, was man liebt"

In dem kleinen Glaskasten wird allerlei Nippes ausgestellt: eine Tasse, ein Kamm, ein Schirm, ein Schlüsselanhänger, ein Handtuch, alles mit dem Emblem der Klinik und ihrem Schriftzug.

Genau, Fanartikel für Patienten und deren Angehörige, Zierrat für alle, die zur Schau stellen wollen, dass sich sie in irgendeiner Weise dem Hospital verbunden fühlen. Und sei es nur, weil sie einen schweren Eingriff überlebt haben.

Man mag das lächerlich finden, es für Quatsch halten. Aber warum? Menschen schmücken sich mit Schals und Jacken in den Farben ihrer Lieblingssportvereine, sie tragen stolz T-Shirts von Universitäten, an denen sie studiert haben - und sogar von solchen, an denen sie nie eingeschrieben waren.

Andere hüllen sich in Kapuzenjacken, gekauft auf der vierten Abschiedstournee einer alternden Rockcombo, die aus quasireligiöser Verehrung nie gewaschen werden dürfen. Trophäenjäger plazieren ach so süße Aufkleber ihrer Urlaubsorte an der Rückseite ihres Autos oder pinnen Plaketten aus Metall an ihren Wanderstock. Manche lassen sich sogar auf immer und ewig Markennamen, Comicfiguren oder einen erklommenen Himalaja-Gipfel in die Haut tätowieren.

Der Wunsch, öffentlich zur Schau zu stellen, was man liebt, wo man war oder auch was man getan hat (oder gern getan hätte), ist heute weit verbreitet in unserer vielfältigen Welt. Was nützt es auch, ein ganz toller Hecht zu sein, wenn es niemand weiß?

Warum also nicht seine innige Bande, freiwillig oder auch nicht, zu einem Krankenhaus präsentieren?

Doch könnten die Merchandising-Experten der Kliniken viel kreativer sein, das Label eines Krankenhauses beinhaltet aus meiner Sicht enormes Potential. Warum nicht T-Shirts mit dem Aufdruck "Meine erste Arthroskopie" für Patienten mit Gelenkproblemen oder "3 Bypässe - I did it!" für Herzkranke. Denkbar wären auch Schriftzüge wie "Freunde des Leistenbruchs e.V." und "Tschüs Blinddarm!"

Vielleicht würden einzelne Patienten die Knochenschraube, die ihnen nach einem Skiunfall eingesetzt und Monate später wieder entfernt werden, gern in Giesharz gegossen auf ihrem Schreibtisch stellen. Oder ein Röntgenbild von der beim Volleyball ausgekugelten Schulter im Andy-Warhol-Design an die Wand im Schlafzimmer hängen.

Sie finden solche Ideen geschmacklos? Nun ja, die Nachfrage bestimmt das Angebot, es käme also auf einen Versuch an. Und nebenbei könnten solche Kleinigkeiten helfen, Krankheiten nicht immer nur ernst zu nehmen. Wer schwer leidet, der muss sich ab und zu auch über seine Qualen erheben, um sie zu ertragen. Und dabei helfen Ironie und auch ein gehöriges Maß Zynismus bestens.

Warum nicht stolz sein auf seine Heldentaten als Patient? Jemand, der sich ein Memento von einer Nierentransplantation bewahrt, beweist wahrscheinlich mehr gesunden Menschenverstand als einer, der stolz ein Foto seines Bungee-Sprungs hortet. Denn freiwillig und ohne bleibenden Nutzen eine Gefahr einzugehen, liegt nahe an der Dummheit. Wer hingegen operiert werden muss, hat meist keine Wahl.

Zuhause in meinem Keller liegt der Herzkatheter, mit dem Ärzte vor einigen Jahren in mein Innerstes vorgedrungen sind. Ich wollte das Hightech-Gerät, das sich schlangenartig von den Leisten aus durch meine Blutbahnen bis in meine Herzkammern schob, unbedingt aus der Nähe betrachten. Ich musste dieses Wunderding der modernen Medizin, mit dem die Operateure sich in meinem Herz von links nach rechts bewegen können, mit dem sie Druck und Sauerstoffgehalt messen, selbst in Händen halten.

Ich wollte es fühlen, dieses Zauberwerkzeug, mit dem die Kardiologen Kontrastmittel in meine Pumpe spritzen oder per Hitze Gewebe zerstören. Und dann habe ich es einfach mitgenommen.

Sicher würde ich den Katheter nicht hinter Glas an die Wand hängen. Aber es ist ein gutes Gefühl, ihn bei mir zu Hause zu haben. Meine Herzkrankheit ist schließlich ein Teil meines Lebens.

Übrigens besitze ich keine Pullis von Rockgruppen, keine Schals von Fußballvereinen, und mein Auto ist aufkleberfrei.

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