Mohrs Herzschlag "Pulsierendes Chaos"

SPIEGEL-Redakteur Joachim Mohr verdankt sein Leben der modernen Medizin, immer wieder haben ihm Ärzte mit ihrem Können das Leben gerettet. Eine persönlich-medizinische Überlebensgeschichte.


Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben. (Albert Einstein)

Der Kampf mit meiner Krankheit beginnt am 9. August 1962. An diesem Tag werde ich im Kreiskrankenhaus in Kirchheim unter Teck am Rande der Schwäbischen Alb geboren. Mein Schicksal ist es, mit einem gefährlichen Herzfehler, einem Loch in der Herzscheidewand zwischen dem linken und rechten Vorhof, auf die Welt zu kommen.

Herzoperation in Leipzig: Schlag auf Schlag
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Herzoperation in Leipzig: Schlag auf Schlag

Wann ich das erste Mal Herzrhythmusstörungen habe, kann ich nicht sagen. In meiner Erinnerung quälen mich diese lästigen Attacken jedenfalls schon immer: Blitzartig fängt mein Puls an zu rasen, von einer Sekunde zur nächsten pumpt mein Herz wild, chaotisch, als wäre es dem Irrsinn verfallen. Hämmernd, geradezu gewalttätig folgt dann Schlag auf Schlag.

Seit ich denken kann, leide ich an einem schwerkranken Herzen. Für die meisten Menschen ist das Herz das Zentrum ihrer Lebenskraft, das Organ, das niemals eine Pause macht. Für mich ist mein Herz keine störungsfrei arbeitende Blutpumpe, sondern Risikofaktor Nummer eins in meinem Leben, eine potentiell tödliche Gefahr.

Kardiologen werden von meiner Kindheit an gezwungenermaßen zu engen Freunden von mir, Arztpraxen und Kliniken zu meinem zweiten Zuhause. Realistisch geschätzt, trete ich in meinen bisher knapp fünf Lebensjahrzehnten rund hundert Herzspezialisten gegenüber, in kleinen und großen Praxen, in verschiedenen Krankenhäusern, in unterschiedlichen Städten und sogar in mehreren Ländern. Keinen einzigen suche ich freiwillig auf. Dabei wollen sie alle mein Wohl - und ich will überleben.

Ohne die moderne Medizin wäre ich längst tot

Es besteht kein Zweifel: Ohne die moderne Medizin wäre ich längst tot, nicht nur einmal, sondern schon mehrfach gestorben. Nur dank des medizinisch-technischen Fortschritts vor allem des 20. Jahrhunderts bin ich am Leben.

In meiner Jugend gelingt es mir noch, meine leidigen Herzrhythmusstörungen selbst zu therapieren: Ich sauge so viel Luft wie möglich in meine Lungen und presse den Brustkorb mit Gewalt zusammen, bis es schmerzt. Dieses Vasalva-Manöver, so nennen es die Mediziner, zwingt mein Herz, wieder regelmäßig zu schlagen.

Einmal im Jahr lasse ich ein EKG schreiben, doch das ist meist unauffällig, da ich meine Anfälle nicht für den Zeitpunkt des Arztbesuchs bestellen kann. Mit zunehmendem Alter werden meine Herzprobleme verschwinden, prophezeien mir die Medizinmänner. Doch das ist ein großer Irrtum.

Das Gegenteil tritt ein, mein Herz wird bedrohlich für mich. Im Frühjahr 1983, zu Beginn meines Studiums, helfen gegen meine Rhythmusstörungen in zwei Fällen nur noch schnelle Trips auf die Intensivstation des nächstgelegenen Krankenhauses. Die dortigen Ärzte spritzen mir verschiedene sogenannte Antiarrhythmika. Erst diesen Medikamenten gelingt es, meinen Puls zu zähmen und meinen Herzmuskel wieder regelmäßig zucken zu lassen.

Über 200 Schläge pro Minute

Damals hatte ich Vorhofflimmern mit einer Kammerfrequenz von über 200 Schlägen pro Minute. Langfristig kann ein Mensch mit solchen Herzrhythmusstörungen nicht überleben. Irgendwann bilden sich Blutgerinnsel in den Herzkammern, die ausgeschwemmt werden und zu einem Schlaganfall führen. Außerdem zerstört eine Dauerfrequenz von 200 und mehr Pumpvorgängen je Minute den Herzmuskel. Eventuell ruft das Vorhofflimmern auch ein Kammerflimmern hervor, was ohne sofortige Behandlung grundsätzlich tödlich endet.

In jenem Frühjahr 1983 konnte mein Herz nur dank starker Herzmedikamente wieder normal arbeiten. Ohne medizinische Hilfe, bei dauerhaften schnellen Herzrhythmusstörungen, hätte ich unausweichlich Wochen oder Monate später das Zeitliche gesegnet.

Im April 1983 unterziehe ich mich an der Universitätsklinik Tübingen der ersten von später zahlreichen Herzkatheteruntersuchungen. In der Leistengegend stechen die Ärzte eine Hohlnadel in eine der Beinschlagadern und schieben von dort aus eine Sonde bis ins Herz. So können die Kardiologen die lebenswichtige Pumpstation in meiner Brust von innen genauestens analysieren. Ich bin während der kleinen Entdeckungsreise bei Bewusstsein und kann auf einem Bildschirm das Innere meines Herzens betrachten.

Die Diagnose ist niederschmetternd: Vorhofseptumdefekt mit starkem Linksrechts-Shunt. Das bedeutet, dass ich zwischen den beiden Vorhöfen des Herzens eine Öffnung habe, die dort ganz und gar nicht hingehört. Und durch diese Öffnung fließt permanent Blut, was es überhaupt nicht soll. Das Loch müsse durch eine Operation geschlossen werden, erklären mir die Mediziner. Dies sei die einzige Chance, zu verhindern, dass ich mit 30 Jahren ans Bett gefesselt oder tot sei.

Hätte es die Möglichkeit, das Herz mit Hilfe eines Katheters zu untersuchen, nicht gegeben, wäre meine Missbildung nicht entdeckt worden - mit katastrophalen, wohl tödlichen Folgen.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Dumme Fragen 28.07.2009
1. Tja...
Zitat von sysopSPIEGEL-Redakteur Joachim Mohr verdankt sein Leben der modernen Medizin, immer wieder haben ihm Ärzte mit ihrem Können das Leben gerettet. Eine persönlich-medizinische Überlebensgeschichte. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,638591,00.html
Die moderne Medizin... Eine Erfolgsgeschichte... Nur blöde, wenn die Mediziner vergessen einem zu sagen, dass eine Chemotherapie zeugungsrelevante Nebenwirkungen haben kann... Dann läuft man auch schon mal quasi als Zombi durch die Gegend, oder, als Evolutionsbiologe das ganze betrachtend, sollte man sich schon als tot aber noch nicht beerdigt fühlen..
sehnenriss 28.07.2009
2. bin mir sicher,
daß ich diesen Beitrag schon vor 2 Jahren mal gelesen habe.
goom88 29.07.2009
3. ab in die Apothekenrundschau
Zitat von sysopSPIEGEL-Redakteur Joachim Mohr verdankt sein Leben der modernen Medizin, immer wieder haben ihm Ärzte mit ihrem Können das Leben gerettet. Eine persönlich-medizinische Überlebensgeschichte. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,638591,00.html
...also ehrlich, nachdem über viele Monate ein Kollege seine Erfahrungen mit Hepatitis schilderte ersetzt SPON jetzt den Redaktionsplatz "Meine Krankengeschichte" durch Hrn. Mohr. Nichts gegen diese Herren und schon garnicht will ich ausdrücken, ich würde sie nicht bedauern - aber in meinem direkten Umfeld kenn ich Schicksalsschläge von mindestens gleicher Tragweite. Nur sind die dort Betroffenen leider nicht mit dem SPIEGEL verbandelt und haben nicht die Chance Betroffenheit im grossen Stil zu erzeugen. Geht es hier wirklich noch um Information oder nur um Gefühlsmanipulation (das gehört doch eher ins Goldene Blatt)
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