Mohrs Herzschlag Warten auf den Schrecken

Es ist ein Rückschlag für Joachim Mohr, und er ist brutal: Erst vor wenigen Monaten ließ sich der SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist - er ist chronisch herzkrank - Gewebe veröden, um endlich das lebensgefährliche Rasen des Muskels in den Griff zu bekommen. Jetzt sind die Rhythmusstörungen plötzlich zurück.
Risikofaktor Herz: "All diese Jahre des Kampfes und einfach kein Ende"

Risikofaktor Herz: "All diese Jahre des Kampfes und einfach kein Ende"

Foto: Corbis

Es fühlte sich an wie eine Explosion mitten in meinem Körper - brutal, rücksichtslos, hinterhältig. Kurz nach vier Uhr mitten in der Nacht wache ich auf und spüre innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde, dass mein Herz wie irre raste. Ein Schock, Panik pur: Ich habe wieder Herzrhythmusstörungen!

Augenblicklich ergreift mich Verzweiflung: Mehrere Jahrzehnte kämpfe ich schon elendig mit meinen kranken Herzen, verschiedene Operationen habe ich hinter mich gebracht. Ende vergangenen Jahres erst haben Kardiologen der Hamburger Asklepios Klinik St. Georg tief in meinen Herzkammern Gewebe verödet mit dem Ziel, den Irrsinn meines Pulses, meine Herzrhythmusstörungen, für immer zu beseitigen. Nun scheint wieder einmal alles umsonst, alles vergebens!

Ich sitze am Bettrand und versuche, durch Atemübungen das Chaos in meinem Brustkorb in den Griff zu bekommen. Doch die Versuche sind nutzlos. Ich weiß es schon, bevor ich damit beginne. Es wird mir wieder nur der Weg in die Klinik bleiben, es wird wieder einmal ernst.

Am nächsten Morgen gegen zehn Uhr betrete ich, wie schon viel zu oft zuvor, die Notaufnahme des Hamburger St. Georg Krankenhauses. Es folgen schnell die üblichen Untersuchungen, EKG inklusive. Nach einer Stunde werde ich auf eine kardiologische Station verlegt.

Unter welcher Art Rhythmusstörung ich akut leide, können die Mediziner nicht genau bestimmen: wahrscheinlich Vorhofflimmern, es kann sich aber auch um eine so genannte atriale Tachykardie handeln. Die Blutpumpe in meinem Brustkorb schlägt jedenfalls, während ich ruhig im Bett liege, mit einer Frequenz zwischen 150 und 160 Schlägen pro Minute. Zu schnell, zu unregelmäßig.

Am Nachmittag erscheint Karl-Heinz Kuck, Chef der Kardiologie der Klinik. Seine Analyse ist wenig erquicklich: Der neue Rückfall zeige, dass der letzte Eingriff an meinem Herzen nicht zum gewünschten Ziel geführt habe. Er schlägt deshalb noch eine Katheterablation vor, also einen weiteren Versuch, künstliche Narben in meinen Herzkammern anzulegen, um meine Rhythmusstörungen zu eliminieren. Vier Ablation habe ich bereits über mich ergehen lassen.

Ich will und muss ihm glauben, denn er ist einer der renommiertesten Experten für die Behandlung von Herzrhythmusstörungen, er war schon oft mit Kathetern in meinem Herzen, er kennt meine Blutpumpe wie kein anderer.

Wann es losgehen soll? Jetzt gleich! Kurz sieht es so aus, als ob ich noch an diesem Spätnachmittag gegen fünf Uhr auf dem Operationstisch lande. Doch nach einer Viertelstunde stellt sich heraus, dass dafür die Kapazitäten fehlen. Also morgen früh, gleich um halb acht. Nach dem Abendbrot rasiere ich mir sauber beide Leisten. Darüber und über die linke obere Brust wollen Kuck und sein Team morgen wieder einmal zu meinem Herzen vordringen.

Ich fühle mich zerschlagen, ausgelaugt und entkräftet. All diese Jahre des Kampfes und einfach kein Ende: mehrere angeborene Herzfehler, eine OP am offenen Herzen, zahlreiche Kathetereingriffe, rund 30 so genannte Elektrokardioversionen, bei denen mit Hilfe eines Elektroschocks das Herz wieder in regelmäßige Bahnen gezwungen wurde. All die Medikamente, all die Klinikaufenthalte.

Ich klammere mich verzweifelt an die Hoffnung, dass der Eingriff morgen früh klappt. Dieses Mal muss es hinhauen! Dass ich, wenn vielleicht auch nur für ein paar Jahre, Ruhe vor meinem Herzen habe. Dass ich endlich einmal wieder diese Gefühl genießen kann, das ich schon gar nicht mehr kenne: gesund zu sein.

Am nächsten Morgen wache ich auf und spüre es augenblicklich: Meine Herzrhythmusstörungen sind verschwunden, mein Puls ist normal. Einfach so.

Ich weiß nicht, ob ich jubilieren oder toben soll. Die Operation wird abgeblasen -aber nur für den Moment. Die Ärzte sind sich sicher, dass bald ein neuer Anfall über mich hereinbrechen wird. Dann soll ich operiert werden. Ein Eingriff ist am erfolgversprechendsten, wenn er während eines Anfalls vorgenommen wird.

Ich muss warten. Warten auf den Schrecken, ohne die Hoffnung zu verlieren.

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