Mohrs Herzschlag Wer hat Angst vorm Psycho-Doc?

Sein Leben lang kämpft SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Joachim Mohr mit einer schweren Herzkrankheit. Doch nun hat er zum ersten Mal richtig Angst. Hilfe will er sich bei Psychotherapeuten holen - und wird zunächst bitter enttäuscht.

Verängstigter Mann: Der Gang zum Psychologen fällt oft schwer
Corbis

Verängstigter Mann: Der Gang zum Psychologen fällt oft schwer


Meine Herzkrankheit hat sich vor einiger Zeit spürbar verschlechtert, die "Wie-gut-geht-es-meiner-Pumpe-Kurve" zeigte deutlich nach unten.

Ich hatte häufiger Herzrhythmusstörungen als je zuvor in meinem Leben: Zu dem mich schon seit Jahrzehnten ärgernden Vorhofflimmern gesellte sich noch eine schicke atriale Tachykardie mit einem Puls von teilweise über 200 Schlägen pro Minute und ein sehr lästiger sogenannter Bigeminus, bei dem jeder zweite Schlag außerhalb der Reihe erfolgt.

Ich war zu oft bei meinem Kardiologen, zu oft in Ambulanzen, zu oft im Krankenhaus. Mehrmals hat der Notarzt vor unserem Haus geparkt und mich in den Rettungswagen gepackt. Und nach meiner letzten Katheterablation, bereits der vierten, war es wieder zu einem Rückfall gekommen.

Bei einer Ablation werden von den Leisten und der linken Schulter aus Katheter bis tief in die Herzkammern geschoben, um dort mittels Hitze oder großer Kälte Gewebe zu zerstören und damit Herzrhythmusstörungen auszuschalten. Aber wie gesagt, auch der letzte Eingriff konnte mich nicht gesund machen.

Es ging nicht nur meinem Herzen, sondern auch mir schlecht. Die gefühlte Not war groß. In meinem bisherigen Leben verfügte ich, was meine seit Geburt bestehende Herzkrankheit betraf, über exzellente Nehmerqualitäten. Ich war eine Art medizinische Rampensau. Was notwendig war, ließ ich ohne Murren von Ärztehand an mir geschehen, ansonsten tat ich all das, was andere Menschen eben auch tun. Ohne mich mehr als nötig um mein Leiden zu kümmern.

Im Kopf ließen die Kräfte nach

Nun aber spürte ich zum ersten Mal, wie in meinem Kopf die Kräfte nachließen. Mein Herzleiden fing an, mein Dasein zu bestimmen. Ich bekam erstmals in meinem Leben Angst, ab und zu Panikattacken.

Nun dachte ich ganz pragmatisch: Für dein Herz gehst du zum Kardiologen, also gehst du für deine Psyche zum Psychologen oder Psychotherapeuten. Die Jungs und Mädels von der Psycho-Fraktion sollen dich im Kopf wieder auf Vordermann bringen, dir helfen, deine Ängste locker in den Griff zu kriegen.

Die Idee war gut - sie aber umzusetzen schwierig und geradezu erschreckend. Erst einmal: Wenn Sie sich ein Bein brechen, fahren Sie in ein Krankenhaus und lassen es eingipsen. Wenn Sie, wie ich, aufgrund eines körperlichen Leidens plötzlich mit Ängsten zu kämpfen haben, wissen Sie gar nicht wohin.

Nach einigen Recherchen kam ich auf die Psychosomatische Ambulanz einer Hamburger Klinik. Von einer freundlichen Sekretärin erhielt ich einen Termin. Das Treffen mit einem Arzt an einem Montagnachmittag entpuppte sich allerdings als ziemlich irre.

Ich war platt: Hatte der Mann meine Geschichte nicht verstanden?

Nachdem ich von meiner Herzkrankheit und meinen Sorgen berichtet hatte, erklärte der matte Psychotherapeut, Alter Mitte oder Ende 50, doch ernsthaft, dass mir ein vier bis acht Wochen dauernder stationärer (!) Aufenthalt am besten helfen könne. Die Sache mit meinen Ängsten müsste von meiner Kindheit an ausgeleuchtet werden, in Einzel- und Gruppentherapie. In ein oder zwei Monaten hätte er einen Platz in der Klinik für mich.

Ich war platt: Hatte der Mann einen Hörfehler und meine Geschichte gar nicht verstanden? War er unzurechnungsfähig? Saß ich einem Hanswurst gegenüber? Oder wollte sich der Psycho-Doktor einfach einen Spaß mit mir machen?

Mein Problem ist ein äußerst malades Herz, mehrere angeborene Produktionsfehler der menschlichen Pumpe. Mit diesem Ärgernis lebe ich seit 47 Jahren und hoffentlich noch mal so lange. Psychologisch benötigte ich eine Art Fitness-Training, um geistig neue Kräfte zu sammeln. Die Idee eines mehrwöchigen Klinikaufenthalts war Unsinn, ein Wahnwitz!

So außergewöhnlich schien mir mein Anliegen gar nicht: Menschen mit schweren Operationen, viele Krebspatienten oder andere chronisch schwer Kranke werden häufig psychologisch unterstützt, damit sie mit ihren Krankheiten besser umgehen können.

Als der Arzt allerdings sah, dass ich nicht vorhatte, bei ihm einzuziehen, gab er mir kurzerhand ein einziges Blatt Papier, auf dem kleinkopiert und in alphabetischer Reihenfolge mehrere hundert Psychologen aus Hamburg aufgeführt waren. Ich könne mir ja auch ambulant Hilfe suchen, sagte der Spezialist maliziös. Wer in meinem Fall aber kompetent sei, da habe er keine Ahnung, außerdem hätten die meisten sowieso keine Termine frei. Nebenbei gab er mir noch zu verstehen, dass er so etwas wie Verhaltenstherapie grundsätzlich für Kasperletheater halte.

Toll, echt hilfreich, super!

Toll, 1-A-Beratung, dachte ich, echt hilfreich, super! Übrigens war nicht nur ich, sondern auch mein Kardiologe fassungslos über die Idee, mich stationär in eine psychiatrische Abteilung einzuweisen, er war geradezu schockiert.

Kurze Zeit später stieß ich auf ein verhaltenstherapeutisches Zentrum, mitten in Hamburg gelegen. Der Leiter und eine Ärztin dort hörten mir ebenfalls zu, dann studierten sie ausführlich die von mir mitgebrachten Arztberichte und hielten erst einmal Rücksprache mit meinem Kardiologen - eigentlich logisch.

Beide waren der Überzeugung, dass mein erfolgreicher Umgang mit meinem Herzleiden in den vergangenen Jahrzehnten für eine enorm stabile Psyche meinerseits spreche, ich nur gerade eine Art Schwächephase hätte. Sie rieten, mich mit einer zeitlich begrenzten ambulanten Verhaltenstherapie auf Vordermann zu bringen.

Hey, das klang vernünftig, da schien jemand nachgedacht zu haben und sich um eine individuelle Lösung zu bemühen. Ich war erleichtert, es schien tatsächlich klar denkende Psychologen beziehungsweise Psychiater zu geben. Der Ansatz half mir auch schon nach kurzer Zeit.

Ich kann nur jedem raten: Augen auf beim Psychologenkauf. Im Einzelfall kann ein stationärer Aufenthalt wichtig und richtig sein, für mich wäre es eine Verrücktheit gewesen.

Auszug aus: "Das Loch in meinem Herzen. Ein Lob auf die moderne Medizin". Droemer Verlag, München; 224 Seiten; 16,95 Euro.



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Seite 1
Interessierter0815 27.01.2010
1.
Zitat von sysopZusatzbeiträge, Kopfprämie, Gesundheitsfonds - im deutschen Gesundheitssystem herrscht Chaos. Politik, Krankenkassen und Lobbyisten ringen um Leistungen und Beiträge. Wie aber könnte eine gerechte, ausgewogene und vor allem finanzierbare Gesundheitsversorgung aussehen?
Korruption wohin das Auge auch sieht. Wohin wird das GesundheitsSYSTEM wohl steuern? Die 3. klassengesellschaft schreitet weiter und weiter, bald werden sicherlich alle "wertlosen" markiert und sollen froh sein, wenn es noch ein kanten Brot gibt und evt. eine rote Pille oder Tiergrippenimpfung.
genugistgenug 27.01.2010
2.
Zitat von sysopZusatzbeiträge, Kopfprämie, Gesundheitsfonds - im deutschen Gesundheitssystem herrscht Chaos. Politik, Krankenkassen und Lobbyisten ringen um Leistungen und Beiträge. Wie aber könnte eine gerechte, ausgewogene und vor allem finanzierbare Gesundheitsversorgung aussehen?
ABWÄRTS - wie alles andere wo unsere Politker und Bürokraten, die Kaste der Schmarasiten, ihre Finger drin haben. Die Frage wie ein gerechteres System aussehen könnte, ist überflüssig. Denn bis das durch alle Instanzen durch ist, sind unsere Enkel schon Großeltern.
Interessierter0815 27.01.2010
3. Großeltern?
Zitat von genugistgenugABWÄRTS - wie alles andere wo unsere Politker und Bürokraten, die Kaste der Schmarasiten, ihre Finger drin haben. Die Frage wie ein gerechteres System aussehen könnte, ist überflüssig. Denn bis das durch alle Instanzen durch ist, sind unsere Enkel schon Großeltern.
Welcher vernünftige Mensch möchte in diese asoziale Gesellschaft Kinder setzen? Nene, sich alleine durchzuboxen wird schon hart genug.
saul7 27.01.2010
4. +++
Zitat von sysopZusatzbeiträge, Kopfprämie, Gesundheitsfonds - im deutschen Gesundheitssystem herrscht Chaos. Politik, Krankenkassen und Lobbyisten ringen um Leistungen und Beiträge. Wie aber könnte eine gerechte, ausgewogene und vor allem finanzierbare Gesundheitsversorgung aussehen?
Das Tragische an der Entwicklung unseres Gesundheitssystemes ist, dass die dafür verantwortlichen Politiker keine Antwort für deren Lösung finden können und sich die Schuld für ihr Versagen gegenseitig zuschieben. Das ist verantwortungsloses Handeln.
Stefanie Bach, 27.01.2010
5.
Zitat von saul7Das Tragische an der Entwicklung unseres Gesundheitssystemes ist, dass die dafür verantwortlichen Politiker keine Antwort für deren Lösung finden können und sich die Schuld für ihr Versagen gegenseitig zuschieben. Das ist verantwortungsloses Handeln.
Norbert Blüm trifft es sehr genau: "Man kann aus Schaden klug werden. Man muss es aber nicht. Mit der Kopfpauschale ging die CDU in der Bundestagswahl 2005 baden. 2009, nach der Bundestagswahl, versucht sie es wieder mit dem einkommensunabhängigen Beitrag zur Krankenversicherung, der für alle gleich hoch sein soll." Koalitionsvertrag - Fehlstart schwarz-gelber Geisterfahrer (http://www.plantor.de/2009/koalitionsvertrag-fehlstart-schwarz-gelber-geisterfahrer/)
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