Mohrs Herzschlag Wie schön es sein kann, krank zu sein

Wer wie ich jeden Tag mit einer schweren Krankheit ringt, der hat ab und zu die Schnauze voll, dem reicht’s, dem stinkt’s, den kotzt es an. Und dann rede ich mir mein krankes Herz einfach schön - und es funktioniert!

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Mein ganzes Leben führe ich schon einen ziemlich lästigen Kampf mit meinem oft widerspenstigen Herzen. Von Beginn an hatte es ein nicht vorgesehenes Loch in der Herzscheidewand. Doch trotz Operation in den frühen achtziger Jahren macht die zentrale Versorgungseinrichtung meines Körpers bis heute einfach nicht, was sie soll: gleichmäßig und ruhig schlagen. Stattdessen pocht meine Pumpe auf ihrem eigenen Willen und neigt spontan zu purem Chaos, zu verschiedensten Herzrhythmusstörungen.

Der Elbstrand am Hamburger Hafen: "Die großen Schiffe vorbeiziehen sehen - welche Momente großen Glücks!"
DPA

Der Elbstrand am Hamburger Hafen: "Die großen Schiffe vorbeiziehen sehen - welche Momente großen Glücks!"

Ob das nun unser aller Chef ganz oben, ein Fitzelchen meiner Gene oder irgendeine geheime Strahlung aus dem All veranlasst hat, ich weiß es nicht. Manchmal neigt die Schöpfung ja zu erstaunlichem Durcheinander.

Ich komme jedenfalls immer wieder etwa in den Genuss von hübschem Vorhofflimmern, manchmal auch Vorhofflattern, beides zwingt mich zu Ärzten und in Krankenhäuser, lässt mich haufenweise Medikamente schlucken und hat schon weitere Operationen und Eingriffe an meinem Herzen verschuldet.

Das freut doch den Besitzer des Herzens!

Wer jeden Tag mit einer schweren Krankheit ringt, der hat ab und zu einfach die Schnauze voll, dem reicht’s, dem stinkt’s, den kotzt es an, der hat keine Lust mehr, keine Nerven, dem hängen die ganzen Scherereien und der Kummer zum Hals heraus. Manchmal verfluche ich mein Herz und wünsche das ganze Universum in Schutt und Asche - mindestens!

Da ich mein zügelloses Herz jedoch selbst nicht heilen kann und mir auch das In-Schutt-und-Asche-legen nicht gelingen will, muss ich meiner Krankheit auch etwas Gutes abgewinnen. Das erleichtert es, das dämliche Schicksal zu ertragen. Wer einen Feind nicht besiegen kann, der muss ihn zu seinem Freund machen, lehrt das Sprichwort nicht umsonst.

Was ist toll an meinem kranken Herz?

Was sind also die Pluspunkte in diesem mühsamen Kampf mit meinem Herzen? Was bleibt unter dem Strich Positives übrig? Hey, was ist toll an meinem kranken Herz?

Ich war gerade einmal 22 Jahren, als ich damals an der Universitätsklinik Tübingen am offenen Herzen operieren wurde und mich mit dem Tod auseinandersetzen musste. Die OP war zwar kein Vabanquespiel, aber die Gefahr bestand durchaus, von der irdischen Bühne abzutreten. Meine Mediziner nannten das in den Gesprächen immer so nett "die Mortalitätsrate".

Was bliebe von mir, wenn ich nicht mehr aus der Narkose aufwachen würde? Existiert da etwas nach dem Tod? Wie folgenreich wäre mein Sterben für meine Eltern, für meine Freunde? Hätte ich manches anders machen sollen bis dahin in meinem Leben? Im Nachhinein würde ich natürlich liebend gern auf die Erfahrung einer Herzoperation verzichten, auf das Nachdenken über den Tod aber auf keinen Fall.

Auch um zu lernen, mit Enttäuschung und Rückschlägen umzugehen, war meine Krankheit schon ein wahrlich spannendes Training. Im Jahr 2001 etwa vollzogen Hamburger Ärzte bei mir eine sogenannte Ablation. Dabei wird mit Hilfe von Kathetern, die über die Leisten und den Hals ins Herz geführt werden, Gewebe innerhalb der Herzkammern verödet. Das Ziel ist, die elektrischen Impulse, die mein Herzjagen auslösen, zu unterbinden.

Zwei Mal starb die Hoffnung, gesund zu werden

Bereits einige Monate nach dem Eingriff war allerdings klar: Es hat nicht geklappt. Ein Jahr später starteten die Mediziner der gleichen Klinik einen neuen Versuch - und mussten ihn wegen unvorhersehbarer Schwierigkeiten mittendrin abbrechen. Zwei Mal war die Hoffnung da, gesund zu werden, zwei Mal blieb sie unerfüllt.

Ich musste immer wieder lernen, solche Niederlagen zu ertragen, ohne den Kopf zu lange hängen zu lassen. Scheitert ein Versuch, gibt es eben einen neuen. Einen starken Willen zu entwickeln, wenn es drauf an kommt entschlossen und entschieden zu sein. Mein krankes Herz hat mich gelehrt, diszipliniert zu sein, sich im Griff zu haben.

Aber auch mit anderen Menschen zu fühlen, die krank, einsam oder aus anderen Gründen verzweifelt sind, Empathie für die Geschundenen und Verlorenen zu spüren – wer selbst in trostlosen Lagen war, dem fällt das leichter.

Insbesondere hat mir mein krankes Herz aber Realismus diktiert. Weder verklären noch dramatisieren hilft, wenn es ums Überleben geht. Nur wer einen nüchternen und klaren Blick auf sich selbst und die Welt besitzt, kann sich in schwierigen Lagen richtig entscheiden.

Schiffe anschauen, mit Freunden grillen - was für ein Glück!

Und wohl auch durch manch hässliches Erlebnis mit meiner Krankheit kann ich mich sehr an Kleinigkeiten freuen: Mit meiner Frau und unserer kleinen Tochter am Elbstrand in Hamburg die großen Schiffe vorbeiziehen sehen, mit Freunden in meiner Heimatstadt am Rande der Schwäbischen Alb in den Abend zu grillen - welche Momente großen Glücks!

Ob ich nun das Gefühl habe, jede einzelne Minute meines Lebens bewusster als andere Menschen zu leben? Nein, natürlich nicht. Ein normaler Dienstagmorgen ist für mich ebenso nur ein Dienstagmorgen. Auch für einen Kranken ist das Leben oft nur profan.

Doch all diese angeblich positiven Auswirkungen meiner Herzkrankheit auf mein Leben - rede ich mir mein Gebrechen einfach nur schön? Suche ich das Gute im Schrecken, nur weil ich sonst mein Leiden nicht ertrage? Keine Ahnung, vielleicht. Mein Herz lässt mir ja keine andere Wahl.

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