Montagsdemo in Sachsen Im Demonstrationsbrei steckengeblieben

In Leipzig wollten Montagsdemonstranten erstmals mit Fackeln über den Ring ziehen. Ausgerechnet in der Gedenkwoche zum Novemberpogrom. Doch die Leipziger Zivilgesellschaft nahm das nicht hin.
Aus Leipzig berichet Fabian Hillebrand
Leipzig seit sieben Jahren montags: Demonstranten im Stau

Leipzig seit sieben Jahren montags: Demonstranten im Stau

Foto: LISI NIESNER / REUTERS

»Wir drehen jetzt um«, ruft die Frau in ein Megafon, die die Montagsdemonstration angemeldet hatte. »Nein, wir bleiben hier«, ruft ein Mann, ebenfalls mit erhobener Stimme. »Ich als Versammlungsleiterin sage euch jetzt, wir gehen zurück«, ruft die Frau.

»Widerstand, Widerstand«, dröhnte es um sie herum. Die Situation ähnelte ein wenig der Szene mit der Judäischen Volksfront und der Volksfront von Judäa aus dem Monty-Python-Film »Das Leben des Brian«. Nur, dass hier niemandem zum Lachen zumute war.

Etwa 1300 Menschen kamen am Montagabend zur Demonstration in Leipzig. Sie nennen ihr Ansinnen heroisch »Leipzig steht auf«, sie trugen Schilder auf denen »Ami go Home« und »Corona ist eine Lüge« stand. Sie sangen das italienische Protestlied »Bella Ciao« und skandierten Parolen wie: »Habt ihr 'ne Meise, runter mit den Preisen«. Nun standen sie vor allem herum, vor ihnen auf dem Ring hatten sich 500 Gegendemonstranten auf die Straße gesetzt, sie blockierten den Weg. Die anderen mussten sich nun fragen: Bleiben oder gehen? Es war nicht das erste Mal, dass ein solches Schauspiel auf dem Ring aufgeführt wird.

Menschen der Initiative von »Leipzig steht auf«

Menschen der Initiative von »Leipzig steht auf«

Foto: IMAGO/B&S/Bernd März / IMAGO/Bernd März

In Leipzig kann man seit sieben Jahren an so ziemlich jedem Montag mehrere Demonstrationen besuchen. Es begann im Januar 2015 mit Pegida, die sich in Leipzig Legida nennt, weiter ging es mit Demos gegen die Coronamaßnahmen der Regierung, dann kamen die Impfgegnerinnen und -gegner. Nun ist es der Protest gegen die deutsche Unterstützung der Ukraine, den »heißen Herbst«, wie sie die lauwarmen Tage jetzt nennen. Manchmal, manche sagen, viel zu oft, vermengen sich all diese Themen zu einem einzigen Demonstrationsbrei.

Man könnte denken, das geht schon so lange so, das sei alles kein Grund mehr zur Aufregung. Die gab es aber im Vorfeld der Montagsdemonstrationen an diesem Montag dann doch. Aus zwei Gründen: Zum einen wollten viele Rechte an diesem Tag ein Jubiläum feiern. Vor genau zwei Jahren kam es zu einer der größten Demonstrationen der »Querdenker« in Leipzig seit der Wende. Mehr als 45.000 Menschen waren damals nach Leipzig gekommen, zu viele für den Augustusplatz. Die Protestler strömten auf die umliegenden Straßen, die Polizei war vollkommen überfordert, Journalisten wurden angegriffen, »Wir sind das Volk«-Rufe tönten über den Ring. Mit der Vorstellung, einen solchen Erfolg erneut feiern zu können, mobilisierten die Rechten in den sozialen Netzwerken.

Und dann war da noch das mit den Fackeln: »sechs bis acht« davon wollten die Rechten mitnehmen. Kurz vor dem Jahrestag der Novemberpogrome sorgte das in der Leipziger Zivilgesellschaft für Empörung. Zumal der Zug vorbeiführen sollte an Stolpersteinen und einer Leipziger Synagoge.

Zu viel für das Bündnis »Leipzig nimmt Platz« – die logische Gegenposition zu »Leipzig steht auf«. Das Aktionsnetzwerk rief zu Blockaden auf. Denn die Stadt hatte ursprünglich den Aufmarsch der Rechten mit Fackeln genehmigt. »Erst auf öffentlichen Druck hin hat die Versammlungsbehörde die Fackeln beim rechten Aufmarsch verboten«, so Irena Rudolph-Kokot vom Aktionsnetzwerk. Trotzdem waren einige Fackeln zu sehen, als die Rechten vom Augustusplatz loszogen. Lange liefen sie aber nicht. Denn das Aktionsnetzwerk hatte an seinem Aufruf festgehalten, die Rechten zu blockieren.

Menschen der Initiative von »Leipzig nimmt Platz«

Menschen der Initiative von »Leipzig nimmt Platz«

Foto: IMAGO/B&S/Bernd März / IMAGO/Bernd März

Ohne besonders viel Mühe setzten sich 500 Menschen gegen 19:45 Uhr auf den Ring. Dort wollten die Rechten eigentlich entlangmarschieren und sich als die Erben der friedlichen Revolution inszenieren, so wie vor zwei Jahren. Um ihr Missfallen an dieser Vereinnahmung auszudrücken, hatten Vertreter der Nikolaikirche und der Thomaskirche vorher Banner an ihre Gemäuer gehängt: »22 ist nicht 89«, stand dort zu lesen, und: »Wir leben in keiner Diktatur«.

Neben den sitzenden Menschen waren große Abbilder von Stolpersteinen auf die Straße geklebt. »Kein Vergeben, kein Vergessen« stand auf ihnen. Die Sitzblockaden auf dem Ring zwangen die Rechten zum Umdrehen. Zumindest der Teil von ihnen, der sich entschied, der Versammlungsleiterin zu folgen. Die anderen wollten »Widerstand« leisten und sich nicht von den Versammlungsbehörden »gängeln« lassen. Aber ohne Anführerin standen sie auch nur noch ein wenig in der Gegend herum und verließen dann in kleinen Gruppen den Ring.

Seit Anfang September fanden in ganz Deutschland mehr als 4400 Demonstrationen wie die in Leipzig statt – insgesamt gingen bundesweit pro Woche mehr als 100.000 Menschen auf die Straße. Bezüge waren immer die Coronapolitik, der Ukrainekrieg oder die Klima- und Energiekrise. Der größere Teil dieser Kundgebungen aber, so eine Erhebung der »Welt am Sonntag« auf Basis von Zahlen der Versammlungsbehörden, fand in Ostdeutschland statt.

Auch in Leipzig werden die Proteste weitergehen. Diesmal mussten die Demonstranten umdrehen. Aber für die nächsten Montage sind erneut Kundgebungen angemeldet. Und wieder wird es Gegenreden geben.

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