Mord am Märchenkönig "Gleich werden Sie dem Tod begegnen"

Sie wollen den Sarg des Königs öffnen, die Leiche untersuchen lassen: Der skurrile bayerische Geheimbund der "Guglmänner" versucht seit Jahrzehnten nachzuweisen, dass Ludwig II. ermordet wurde. Wer die Kapuzenträger treffen darf, wird Zeuge einer unheimlichen Inszenierung.

Sie sind zu dritt, kommen durchs Dickicht wie Schatten. Sie tragen lange schwarze Roben, dazu je zwei brennende Pechfackeln, deren Stiele sie zum Kreuz verschränken. Im Halbkreis stellen sie sich um mich auf, mustern mich durch die Schlitze ihrer Henkerskapuzen.

Hinter uns glitzert der Starnberger See, seichte Wellen plätschern ans Ufer. Ein paar Meter weit kann man in den See hineinschauen, silbrig schimmert sein Grund.

Weiter hinten, in der Tiefe, liegt seit 122 Jahren ein Geheimnis. Und ein Stück der bayerischen Seele. "Das ist der Ort", flüstert mir einer der Männer zu. "Gleich werden Sie dem Tod begegnen."

Unser Treffpunkt liegt im Wald, nahe der Gemeinde Berg. Die drei Männer gehören einem Geheimorden an, dessen Mitglieder seit dem finsteren Mittelalter den Särgen von Königen vorangeschritten sind. Guglmänner nennen sie sich. Ihre grausigen Kutten sollen daran erinnern, dass alle Irdische vergänglich ist. Media in vita in morte sumus, lautet ihr Wahlspruch: Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben.

Es ist ein ganz bestimmter Todesfall, der die Guglmänner umtreibt: der von Ludwig II., Märchenkönig und Erbauer von Schloss Neuschwanstein.

Seit 122 Jahren rätselt Bayern nun schon, was dem König an jenem regnerischen 13. Juni 1886 am Starnberger See widerfahren ist. Offiziell heißt es, er habe Selbstmord begangen. Manche sagen, der König sei beim Schwimmen an einem Herzinfarkt gestorben, und viele, auch die Guglmänner, sind überzeugt: Es war Mord.

Zur Stützung dieser Theorie versucht der Geheimbund, Beweise beizubringen. Zum diesjährigen Todestag forderte sie obendrein, Ludwigs einbalsamierte Leiche solle im Glassarg durch München getragen werden, damit das Volk seinen König noch einmal sehen könne. Die Forderung verhallte ungehört, hatte es zuvor aber immerhin in den bayerischen Lokalteil der "Bild"-Zeitung geschafft.

Was geschah in der Todesnacht wirklich?

Im Wipfel einer Buche krächzt eine Krähe. Weißgraue Wolken ziehen über den See hinweg. Ein Guglmann, der sich H. nennt, geht am Ufer entlang. Die anderen zwei stellen sich links und rechts neben mich. An einem Gebüsch hält H. inne. Er schaut auf die Uhr. Es ist zehn vor Sieben.

Genau um 18.51 Uhr blieb in der Todesnacht die Uhr des Königs stehen, etwa zur gleichen Zeit hörte sein Herz auf zu schlagen. H. zeigt auf den See und beginnt zu erklären, was nach Gugl-Theorie in der Mordnacht geschah.

Der König rennt in Wasser, plötzlich knallen Schüsse

Am 10. Juni 1886 hat das bayerische Kabinett den sich zunehmend verschroben gebärdenden König entmündigt - dessen Bauwut hat das Land an den Rand des Ruins gebracht. Seitdem ist Ludwig auf Schloss Berg praktisch ein Gefangener.

Am Abend des 13. Juni, so erzählen es die Guglmänner, macht Ludwig mit seinem Nervenarzt Dr. Gudden einen Spaziergang. Als die Männer sich dem See nähern, löst sich aus dem Uferschilf ein Kahn. An Bord: Ein Fischer namens Jakob Lidl, der dem König zur Flucht verhelfen soll.

Der König schubst Gudden weg, rennt ins Wasser. Gudden läuft ihm nach. Ludwig erreicht das Boot und will sich an Bord ziehen. Plötzlich knallen Schüsse, der König sackt tot zusammen. Lidl stößt die Leiche ins Wasser und flieht. Gudden rennt zurück ans Ufer. Noch ein Schuss, Gudden fällt tot in den Lehm.

Gegen 20 Uhr werden die Mörder dem Doktor Kratzspuren zufügen und die beide Leichen 40 Meter weiter nördlich in den See werfen. Soweit die Theorie der Kapuzenträger.

An dieser Stelle, an der heute ein Gedenkkreuz im Wasser steht, werden die Toten später gefunden. Der preußische Geheimdienst wird zu Protokoll geben, dass Ludwig über seine Entmachtung in tiefen Gram versunken war. Dass er sich im Wahn ertränken wollte. Dass Gudden noch versuchte, den König aufzuhalten und sogar mit ihm kämpfte. Dass schließlich der König den Doktor erdrosselte und sich dann in den nassen Freitod stürzte.

"Man müsste schon die Leiche untersuchen"

So steht es auch in den Geschichtsbüchern - obwohl mehrere Beweisstücke dieser Version widersprechen: In einer graphologisch geprüften Notiz schreibt Bootslenker Lidl, dass Fußspuren am Tatort nachträglich gefälscht worden seien. Guddens Uhr bleibt erst 72 Minuten nach der des Königs stehen, obwohl beide Uhren laut einem Gutachter aufgezogen waren und einwandfrei funktionierten.

Auch in der offiziellen Tatortskizze des Bezirksbautechnikers Hofrat Haertinger vom 15. Juni 1886 (siehe Grafik) weist nichts darauf hin, dass König und Doktor gekämpft hätten - eher darauf, dass Lidl die Königsleiche bei seiner Flucht einige Meter über den Seegrund schleifte, ehe er sie ins Wasser schmiss.

Viele Ludwig-Forscher bestätigen die Mordtheorie - führen aber zum Teil andere Quellen an. So beruft sich der Historiker Peter Glowasz in seinem neuesten Ludwig-Buch* unter anderem auf eidesstattliche Erklärungen von Nachfahren mehrerer Mord-Zeugen. Den Uhrenbeweis und die Notiz des Fischers hält auch er für historisch glaubwürdig.

Die Tatortskizze, aus der die Guglmänner den genauen Tathergang rekonstruiert haben, sei indes "wenig aussagekräftig". "Die Skizze kann gefälscht sein, zudem kann man sie in viele Richtungen auslegen", schreibt Glowasz. Generell interpretieren die Guglmänner ihm zu viel in Quellen hinein. "Es gibt mehrere Punkte in der Guglmann-Theorie, bei denen Fakten zu Mythen gemacht werden."

Besonders befremdlich findet Glowasz eine Gugl-These, wonach das Fürstenhaus Wittelsbach, dem Ludwig entstammte, die Leiche des Königs in den dreißiger Jahren verschwinden ließ, um zu verhindern, dass sie auf Befehl Hitlers untersucht würde.

Eine Hand legt sich auf meine Schulter, ich zucke zusammen. H. bedeutet mir, mich hinzusetzen. Er setzt sich auch. Er nimmt die Henkerskapuze ab.


* Peter Glowasz: "Der Tod am Starnberger See: Die Aufklärung der Todesursache König Ludwigs II. von Bayern", Glowasz-Verlag.

Wie H. zum Gugelmann wurde

H. ist vielleicht 60 Jahre alt. Er hat kurzes, graumeliertes Haar und ein braungebranntes Gesicht. Der Kragen eines weißen Hemds schaut unter der Kutte hervor. H. ist Akademiker, auch die anderen beiden Guglmänner gehen gutbürgerlichen Berufen nach, haben zum Teil Familie, leben in Einfamilienhäusern im Grünen.

H. erzählt, wie er sich schon als Fünfjähriger für den Märchenkönig begeisterte. Wie ihn der Spiegelsaal im Schloss Herrenchiemsee beeindruckte, mit seinen verschnörkelten Deckengemälden, vergoldeten Kandelabern und Götterstatuen. Wie er als Laienschauspieler immer wieder den König spielte. Wie ihm vor 30 Jahren jemand in der Münchner U-Bahn eine geheimnisvolle Einladung zusteckte.

"Den Guglmännern kann man nicht beitreten wie einem Tennisclub", erläutert H. "Der Orden sucht sich seine Novizen selbst aus." "Königstreu" müsse man sein, über einen untadeligen Ruf müsse man verfügen und nach ritterlichen Tugenden wie hoher Minne und christlicher Barmherzigkeit leben. Die Zahl der Guglmänner liege "im dreistelligen Bereich". Es gebe Aufnahme- und Erkennungsrituale, doch es sei bei Höchststrafe verboten, darüber zu sprechen.

Gestörte Totenruhe

Gerne und viel spricht H. dagegen über die Protestaktionen der Guglmänner (siehe Bildergalerie). Die bislang dreisteste leistete sich der Orden am 10. Mai 2000 in der Münchner St.-Michaels-Kirche. Sechs Meter unter dem Kirchenschiff befindet sich eine kühle Gruft. In ihr steht zwischen zwei Steinsäulen ein gewaltiger Sarg. Um ihn herum ist der Boden stark abgewetzt, die Luft duftet nach frischen Rosen und Lilien. Auf dem Sarg liegt eine Königskrone. Auf einer Messingplatte steht: "Für Ludwig, den wunderbarsten König – 13.06.1886".

Pro Tag besuchen etwa 50 Menschen die letzte Ruhestätte des Königs. Manche bringen Blumen, andere küssen den Sarg, weil sie glauben, er habe heilende Kräfte. Und einmal, am 10. Mai 2000, kamen, unmaskiert, drei Gugl-Gruftologen und störten die Totenruhe. Die Heimlichtuer hatten eine Komplizin dabei, ein blondes Fräulein mit tiefem Ausschnitt, das den Wächter im Vorraum ablenkte. Die Guglmänner schoben derweil eine Apparatur unter den Sarg und fotografierten ihn von unten.

Anschließend veröffentlichten sie eine vermeintliche Enthüllung im Internet. "Ein Loch ist im Sarg!", schrieben sie, und tatsächlich zeigten die Fotos, dass im Sargboden ein Loch ist. Das deuteten die Guglmänner als Beweis dafür, dass das Haus Wittelsbach den König bereits in den dreißiger Jahren aus dem Sarg entfernt habe, um zu vertuschen, dass sich in seinem Rücken zwei Schusswunden befanden.

"Nach der Machtergreifung Hitlers drohte eine Sargöffnung auf Führerbefehl", erläutert H. "Hätte Hitler den Königsmord beweisen können, hätte er den Freistaat Bayern politisch stark unter Druck setzen können." Den definitiven Mordbeweis vermutet H. eben in Form von zwei Einschusslöchern in Ludwigs Rücken.

Tropfendes Leichenwasser

Seit dem Fotoshooting in der Königsgruft dringen die Guglmänner darauf, den Sarg zu öffnen, nachzusehen, ob die Leiche noch drinliegt, und, wenn ja, die Leiche zu untersuchen. Zwar dürfte inzwischen nicht mehr viel König übrig sein. "Absplitterungen an den königlichen Knochen ließen sich aber wohl noch feststellen", sagt H.

Doch aus der Leichenschau wird nichts, das Fürstenhaus Wittelsbach sperrt sich. "Das katholische Haus Wittelsbach lehnt eine Öffnung des Sargs aus Pietätsgründen ab", sagt Andreas von Majewski, Leiter der Inventarverwaltung des Wittelsbacher Ausgleichsfonds. "Die Totenruhe des Königs darf nicht verletzt werden."

Außerdem, glaubt Majewski, könnte wohl selbst eine Sargöffnung den Guglmännern ihre Mordtheorie nicht austreiben. "Selbst wenn der Sarg geöffnet würde und bei einer Untersuchung keine Mordindizien festgestellt werden könnten, fände sicher irgendwer eine neue vermeintliche Unstimmigkeit, und die Diskussion um die Todesumstände begänne von vorn."

Ohnehin gebe es für das Loch im Sarg eine einfache Erklärung: "Es ist durchaus nicht unüblich, dass Sarkophage an der Unterseite Kondenslöcher aufweisen", sagt Majewski. Durch diese konnte Leichenwasser ablaufen, die sich beim Verwesungsprozess im Sarg zwangsläufig bildet.

H. glaubt nicht an diese Erklärung. Er glaubt, die Guglmänner haben bei ihrer Loch-Analyse mehr gesehen. Zum Beispiel eine verdächtige Lötnaht.

H. steht auf und geht zum See. Er greift hinein und holt eine Handvoll Kieselsteine hinaus. "Es war Mord", murmelt er. "Man müsste nur den Sarg öffnen, um es zu beweisen." In kurzen Abständen wirft er Kiesel ins Wasser.

Für einen Moment bilden sich an der Oberfläche des Sees kleine Wellen. Dann sinken die Steine langsam auf den Grund, und das Wasser ist wieder still.

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