Nach Kohlebeschluss Das totgeglaubte Dorf

Ein Dorf im Rheinland sollte im Tagebau verschwinden, die meisten Anwohner sind weggezogen. Jetzt darf Morschenich bleiben. Was macht das Hin und Her der Politik mit den Menschen?
Von Lea Hensen, Morschenich

Irgendwann sah sie das Loch in der Hecke und die Reifenspuren im Gras. Ein Fahrzeug war wohl durch den Garten gefahren. Vielleicht ein Bagger? Jetzt geht es los, da war sie sich sicher, so erzählt sie es heute. Jetzt werden die Mauern eingerissen.

Das war vor einem halben Jahr. Seitdem kontrolliert Dagmar Gerden häufig, ob das Haus noch steht. Das Haus in Morschenich, in dem sie und ihre Familie gewohnt hatten. Bevor sie es an den Energiekonzern RWE verkaufen mussten, weil es auf Kohle gebaut ist. Jedes Mal, wenn sie nun um die Straßenecke fahre, so sagt sie, rechne sie mit dem Schlimmsten.

Ist das Dorf jetzt gerettet?

Doch das Haus steht noch immer, in einem Dorf, das tot geglaubt war. Morschenich sollte im Tagebau Hambach verschwinden. Der Ort liegt im Rheinischen Braunkohlerevier, auf halber Strecke zwischen Köln und Aachen. Der Großteil der fast 500 Anwohner ist weggezogen. Seit Januar ist alles wieder anders, da kam die Nachricht: Der Tagebau macht einen Bogen um Morschenich. Das Dorf ist gerettet. Aber so einfach ist es wohl nicht, dafür ist es zu spät.

Wer sein Heim auf Grund errichtet, aus dem sich Kohle fördern lässt, muss im Zweifelsfall weichen - so wollte es die Politik über Jahrzehnte, so regelt es das deutsche Bergrecht. Doch jetzt ist das Ende der Kohle beschlossen. Die Politik hat auf öffentlichen Druck reagiert: Was vom Hambacher Forst noch übrig ist, darf bleiben. Weil das Dorf an den Wald grenzt, wird auch Morschenich verschont. Das zumindest ist jetzt der Plan.

In der Region haben sie viele Dörfer sterben sehen, mehrere Zehntausend Menschen mussten wegen der Braunkohle umziehen. Einen Fall wie Morschenich aber gab es noch nicht: Ein Dorf wird fast vollständig umgesiedelt und bleibt dann doch von den Baggern verschont.

Der Tagebau rückte immer näher

Seit den Siebzigerjahren sahen die Anwohner den Tagebau näher rücken. Irgendwann wussten sie, dass ihre Heimat verschwinden würde. Sie bauten neue Häuser, begannen ein neues Dorfleben, alles wurde umgesiedelt: die Kirche, das Vereinshaus, die Gräber der Eltern. Jetzt müssen die Menschen erkennen, dass das unnötig war. Wie gehen sie damit um?

Wie wird emotionaler Wert berechnet?

Als RWE im Jahr 2009 die Morschenicher informierte, dass sie umziehen müssen, sträubte sich alles in Dagmar Gerden gegen das fünf Kilometer entfernte Dorf mit neuen Häusern, neuer Kirche, neuem Park und neuem Namen. Die Familie entschied sich dagegen, nach "Neu-Morschenich" zu ziehen.

Aber wie wird emotionaler Wert berechnet?

Verkaufen mussten sie trotzdem. RWE-Vertreter kamen vorbei und erstellten Gutachten. Berechneten den Sachwert, den Entschädigungswert. Aber wie wird emotionaler Wert berechnet? Dagmar Gerden, 46, war in dem Haus aufgewachsen, hatte es von den Eltern übernommen und ihr ganzes Leben darin verbracht. Ihr Mann Jürgen, 49, mehr als sein halbes Leben. Drei Söhne hatten sie darin aufgezogen. Sie fuhr zur Bezirksregierung nach Köln und legte Einspruch ein. Sie bat RWE um eine Klausel im Vertrag. Ob sie, nur für den Fall, dass der Konzern das Dorf nicht benötige, ihr Haus zurückkaufen könne? RWE lehnte ab. Sie fühlte sich belächelt.

Auf dem Rückweg nach Hause gab sie auf. Weil die Gesundheit der Familie vorgegangen sei, sagt sie heute. Ihre Mutter sei kurz zuvor gestorben, ihre Eltern hätten alles für das Haus gegeben. Nun musste sie es verkaufen. Als Erstes ließ sie die Gräber der Eltern umbetten. Im April 2018 zog die Familie in eine Nachbarstadt.

Dagmar und Jürgen Gerden vor dem Haus, das sie 2018 an RWE verkaufen mussten. Jetzt wollen sie es zurück.

Dagmar und Jürgen Gerden vor dem Haus, das sie 2018 an RWE verkaufen mussten. Jetzt wollen sie es zurück.

Foto: Lea Hensen

Im Spätsommer begannen die Proteste im Hambacher Forst. Die Gerdens liefen bei einer großen Demo mit, sie wollten sich das anschauen. Dagmar Gerden lächelt, wenn sie sich erinnert. Für ihr Haus sei es zu spät gewesen, sagt sie. "Aber schön, zu sehen, was sich bewegte."

Plötzlich bleiben die Bagger stehen

Plötzlich trat ein, womit kaum einer gerechnet hatte. Im Januar 2019 empfahl die Kohlekommission, den Wald zu erhalten. Gerden hatte wieder diesen Gedanken: Wird das Haus vielleicht doch noch verschont? Sie fragte bei RWE nach, RWE äußerte sich ablehnend. Doch ein Jahr später, im Januar dieses Jahr, kam dann die Nachricht: RWE ändert die Pläne für den Tagebau Hambach. "Über Jahre bin ich mit den Gedanken an RWE zu Bett gegangen", sagt Gerden. Und plötzlich bleiben die Bagger stehen?

Die Gerdens wollen zurück. Sie sind bereit dafür zu kämpfen. Das Haus, das ihnen so lange gehört hat, steht am Ortsrand von Morschenich am Ende einer Häuserreihe an einem Feld. Am Horizont kann man den Tagebau sehen. Im Vorgarten sind Beete und Sträucher verwildert, das Gras ist hoch. Die Fenster sind mit Holz vernagelt. Von einem Zaun gibt es nur noch einen Betonsockel. Das Geländer haben wahrscheinlich Plünderer abgeschraubt.

RWE will die Umsiedlung fortsetzen

Auch andere ehemalige Einwohner würden gern ihre Häuser zurückkaufen. Bis auf zehn Gebäude hat der Konzern alle aufgekauft. Auch wenn er den Ort nicht mehr braucht, will RWE weiter umsiedeln, sagt Sprecher Olaf Winter. Weil das für den Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft wichtig sei.

Die Umsiedlung habe die Leute zusammengeschweißt, sagt Georg Gelhausen, Bürgermeister der Gemeinde. Das habe er beim Schützenfest gesehen. Gelhausen will dem Braunkohledorf ein neues Image verpassen. Eine "Stadt der Zukunft" schwebt ihm vor, in der Start-ups nach nachhaltiger Landwirtschaft forschen. Dass diejenigen zurückkehren, die Morschenich bereits verlassen haben, passt nicht zu diesen Plänen. Gelhausens Vorschlag für die Menschen in den zehn Gebäuden, die noch nicht verkauft haben: Wer will, kann noch bis Jahresende ein Grundstück im neuen Ort erwerben. Wer nicht will, bleibt. Enteignen kann RWE die Eigentümer ja nicht mehr.

Der Tagebau ist an einer Seite bereits nah an das Dorf herangerückt. Die Unterstraße ist die erste Abbiegung hinter dem Ortsschild. Von hier aus blickt man direkt auf das Loch. Ein großer Bagger ragt hervor. Etliche Häuser in der Straße stammen aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Fenster und Türen sind verschlossen, die Briefkästen zugeklebt. Die Häuser stehen seit Jahren leer. Sie sind marode und feucht, Kupferdiebe haben Rohre gestohlen.

Eine Tapete hat sich nicht mehr gelohnt

In einem Reihenhaus brennt Licht. Stephie Klosterhalfen sitzt im Wohnzimmer an einem großen Esstisch. Die Wände hinter ihr sind kahl. Vor Jahren gab es hier einen Rohrbruch, erzählt sie. Eine neue Tapete hat sich nicht mehr gelohnt.

Die 44-Jährige lebt in dem Haus mit ihren vier Kindern, sie gehören zu den letzten, die noch ausharren in dem Dorf. Ihr Haus gehört bereits RWE, sie wartet auf den Neubau. Vor ein paar Jahren zogen Flüchtlinge in die leeren Häuser der Nachbarn. Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, kamen in einen Ort, der weggebaggert werden sollte. Ohne die Flüchtlinge leben in dem Dorf noch etwa 80 Menschen.

Sie träumt von einem Neubau

Klosterhalfen kann es kaum abwarten zu gehen. Von einem Neubau träumt sie schon seit Jahren. Das Haus, in dem sie noch ausharrt, hat sie mit ihrem damaligen Mann gekauft. Die beiden hatten darauf spekuliert, durch die Umsiedlung günstig an einen Neubau zu kommen. Vor drei Jahren ging ihre Ehe in die Brüche. Während um sie herum alle wegzogen, musste sie sich erst mit ihrem Ex-Mann einigen. Die Verhandlungen mit RWE liefen schleppend. Sie hatte den Eindruck, dass der Konzern zögerte, als plötzlich Menschenmassen durch ihre Straße zogen.

Klosterhalfen ist genervt von den Aktivisten im Hambacher Forst. Die sind geblieben, nachdem das Waldstück geräumt worden war, haben sie ein paar Straßen weiter ein Camp aufgeschlagen, im Garten einer alten Dame, die ihr Haus nicht aufgeben will. Klosterhalfen ist wütend auf die jungen Leute. Es mache ihr Angst, wenn sie sich maskierten. Sie verstehe nicht, was sie in dem Dorf noch wollten. Das Kohle-Aus hätten sie doch jetzt erreicht. Draußen auf der Straße hält ein Auto. Die 44-Jährige hält inne, schaut argwöhnisch aus dem Fenster. "Wir passen gegenseitig auf uns auf."

Sie hat sich wieder verliebt. Das neue Haus baut sie jetzt mit ihrem Nachbarn. Joachim Welsch, 40, ist in Morschenich geboren. Er sagt, das vergangene Jahr war anstrengend, ein emotionales Hin und Her, seit im Januar 2019 das Gerücht aufkam, die Umsiedlung werde gestoppt. Da hatten seine Mutter und Großmutter ihre Häuser schon verkauft, für sein eigenes Haus liefen noch die Verhandlungen.

Wozu denn noch bleiben?

Auch jetzt will er weg, wozu denn bleiben? Seine Familie ist umgezogen, das Dach seiner Scheune hat schon lange ein Loch. Der Ort habe sich nicht mehr entwickelt, sagt er, die Kanalisation werde nicht mehr erneuert. Die letzte Kneipe ist geschlossen. Der reguläre Busverkehr eingestellt. Er ist froh, dass RWE die Umsiedlung doch noch fortgesetzt hat. Vor wenigen Wochen hat er den Kaufvertrag unterzeichnet. Aber er will nicht, dass es jetzt zwei Morschenichs gibt. Er will, dass abgerissen wird, was man versprochen hat abzureißen. Dass ein anderer in seinem Haus wohnt, will er nicht dulden. Er fragt: "Wieso sollte der bekommen, was ich nicht erreicht habe?"