Moschee-Neubau in Erfurt Man wird hier ja wohl noch beten dürfen

Zwischen Werkstatt und Feuerwache entsteht in Erfurt der erste Moschee-Neubau Thüringens. Zur Grundsteinlegung kommt viel Prominenz, auf der anderen Straßenseite entlädt sich offener Hass. Wie soll das künftig funktionieren?

FILIP SINGER/ EPA-EFE/ REX

Von , Erfurt


Bodo Ramelow geht langsam in die Knie, als das Geschrei wieder beginnt. "Ihr solltet euch schämen", dröhnt es aus den Lautsprechern von der anderen Straßenseite, "ihr Nichtwisser und Trottel da drüben!" Der Linken-Politiker reagiert nicht, bedächtig legt er einen roten Ziegel auf ein aufgemaltes Rechteck.

Ein auffällig sonniger Novembertag in einem auffällig trostlosen Gewerbegebiet im Erfurter Norden. Im Vorort Marbach legt der thüringische Ministerpräsident den Grundstein für eine Moschee - für eine ganz besondere: Zum ersten Mal wird in einem der neuen Bundesländer ein muslimisches Gotteshaus neu gebaut.

Der Widerstand ist gewaltig. Das Verwaltungsgericht in Weimar hatte entschieden, dass die Gegner des Bauvorhabens an diesem Tag direkt vor dem Grundstück demonstrieren dürfen - mit Lautsprecherwagen, mit Transparenten, mit großer Aufmerksamkeit.

Es geht um sehr viel, für alle Beteiligten. Die einen, die Muslime der Ahmadiyya-Gemeinde, wollen nach jahrelanger Planung endlich die Wirren und Widerstände hinter sich lassen. Die anderen, darunter Gruppen namens "Erfurt zeigt Gesicht" und "Pax Europa", wollen ihren Widerstand nach jahrelangem Protest unbedingt fortsetzen.

Wenn der Plan der einen aufgeht, wird binnen einem Jahr Thüringens erster Moschee-Neubau entstehen - mit Gebetsräumen, einer Wohnung für den Imam, einer beleuchteten Glaskuppel und einem acht Meter hohen Minarett. Wenn der Plan der anderen aufgeht, bleiben diese Pläne noch möglichst lange nur Pläne.

Angst ums Abendland

Während die Islamfeinde, bewacht von einem Dutzend Polizisten, sich in rohen Pöbeleien und kühnen Thesen ergehen, begehen die Muslime diesen für sie besonderen Tag mit einer eher unauffälligen, ruhigen Feier. Man könnte meinen: Die einen nehmen ihr Recht auf Meinungsfreiheit wahr, die anderen ihr Recht auf Religionsfreiheit.

Wenn es doch bloß so einfach wäre. Der erste Neubau einer Moschee in einem der neuen Bundesländer gilt den Moscheegegnern als Fanal einer vermeintlichen Invasion des Islam. Glaubt man ihnen, ist im Marbacher Gewerbegebiet das Abendland in Gefahr.

Unklar ist indes, wie Erfurt ausgerechnet von diesem kargen Flecken Erde aus islamisiert werden soll. Schon normale Gemeindearbeit stößt hier an Grenzen: Der Bauplatz liegt in einem Gewerbegebiet im nordwestlich gelegenen Niemandsland der Landeshauptstadt, auf halber Strecke zwischen dem Universitätscampus und dem abgelegenen Marbach.

Würde hier bald ein Muezzin seinen Gläubigen zurufen, sein Ruf reichte wohl nur bis zur nahe gelegenen Autowerkstatt oder dem Gefahrenschutzzentrum auf der anderen Straßenseite. Es dürften also die wenigsten Bürger überhaupt etwas vom Gemeindeleben mitbekommen. Abgesehen davon wird hier gar kein Muezzin rufen: Das Minarett dient lediglich der Zierde, ist bloßes Symbol.

Die Angst der Islamgegner aber ist echt. In der Vergangenheit fiel der Protest entsprechend geschmacklos aus: Mal stellten einige von ihnen große Holzkreuze neben dem Baugrundstück auf, mal einen aufgespießten Schweinekopf mitsamt Blut und Pfoten. Einmal zogen verschleierte Demonstranten durch den Stadtteil, ein andermal inszenierte ein Rechtsextremist in der Innenstadt eine Scheinhinrichtung im Stile islamistischer Terroristen.

Andere Erfurter stellen sich zwischen das Moschee-Gelände und die Islamgegner
DPA

Andere Erfurter stellen sich zwischen das Moschee-Gelände und die Islamgegner

Wohl auch, um von solchen Szenen halbwegs verschont zu bleiben, findet die eigentliche Feierstunde in einem Festzelt statt, außer Sichtweite der Demonstranten. Der Oberbürgermeister ist gekommen, Vertreter aller Landtagsfraktionen außer der AfD, Abgesandte der großen christlichen Kirchen und der jüdischen Gemeinde. Allein die Vielzahl prominenter Besucher ist ein Signal an die Demonstranten auf der anderen Straßenseite.

"Das Grundgesetz gilt für alle"

Als einer der ersten tritt Ramelow ans Mikrofon. "Ich habe nichts gegen freie Meinungsäußerung", sagt er, "aber ich lege Wert darauf, dass das Grundgesetz für uns alle gilt." Es gehe nicht um den Islam. Sondern um Religionsfreiheit.

Ramelow vermeidet es, politische Akteure direkt zu erwähnen - aber er dürfte bei vielem, was er sagt, an die AfD unter dem ultrarechten Landeschef Björn Höcke denken. Die Partei mischte sich in das Thema immer wieder ein und machte Stimmung gegen den Islam. Es gab turbulente Bürgerversammlungen und Stadtratssitzungen, trotzdem wurde im Januar die Genehmigung erteilt für den 650.000 Euro teuren Bau - finanziert aus Spenden.

Diese Erfolgsgeschichte hebt auch Abdullah Uwe Wagishauser hervor, der Bundesvorsitzende der Ahmadiyya-Gemeinde. Die muslimische Gruppe sieht sich als liberale Reformbewegung innerhalb des Islam, das hat wohl mit ihrer Geschichte zu tun: In etlichen muslimischen Ländern werden die Gläubigen dieser Strömung verfolgt, viele Anhänger flohen in alle Welt - auch nach Europa. In Deutschland hat Ahmadiyya nach eigenen Angaben etwa 45.000 Mitglieder, in Thüringen sind es einige Dutzend.

Bass gegen den Hass

Wagishauser, Typ pensionierter Englischlehrer, wird in seiner Rede politisch. Er sei stolz auf das Erreichte, sagt er, "mag es den Demagogen und Hetzern gefallen oder nicht." Moschee-Neubauten seien "keine Landnahme-Projekte, wie Herr Höcke immer wieder behauptet". Wagishausers Stimme bebt jetzt regelrecht, als würde all der Stress der vergangenen Jahre mitschwingen. Es gehe einfach darum, sagt er, einen würdigen Ort zum Beten zu errichten.

Wagishauser empört sich über "selbsternannte Islamexperten", einen vermeintlichen "Kampf der Kulturen" und eine "Hassspirale, die sich pauschal gegen alle Andersdenkenden richtet." Noch während er spricht, wird die Gegenseite draußen lauter. Immer häufiger sind nun ganze Sätze der Islamgegner im Festzelt zu verstehen. Solche Sätze: "Freunde, wir sind die Gesunden!"

Daraufhin dreht noch eine weitere Gruppe die Lautstärkeregler auf: Linke Demonstranten, die mit "Lieber ohne Hass"-Schildern eine Art menschlichen Schutzschild vor dem Moscheegelände gebildet haben. Ihr Motto: "Liebe fetzt - Religionsfreiheit ist Gesetz". Die Gruppe hat eine Musikanlage mitgebracht und dämmt nun mit lauten Bässen die akustische Reichweite der Gegenseite ein.

Ein ertragreicher Dialog ist das nicht. Wie sollen die Gläubigen im Erfurter Norden und ihre neuen Nachbarn künftig zusammenleben, wie groß ist die Gefahr weiterer Konflikte oder einer Eskalation der Lage? Wagishauser gibt sich zuversichtlich: Überall, wo in der Vergangenheit Ahmadiyya-Moscheen entstanden seien, habe es nach einiger Zeit ein friedliches Zusammenleben gegeben.

Das wird man ja wohl noch hoffen dürfen.

Ahmadiyya-Muslim-Gemeinschaft in Deutschland
    Die Ahmadiyya-Muslim-Jamaat-Gemeinschaft (AMJ) hat in Deutschland nach eigenen Angaben rund 45.000 Mitglieder und innerhalb der verschiedenen muslimischen Gruppen eine herausgehobene Position: Als erste Gemeinde haben die Ahmadiyyas den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts zuerkannt bekommen, 2013 in Hessen, später auch in Hamburg. Das bedeutet, dass die Ahmadiyyas damit den christlichen Kirchen rechtlich gleichgestellt sind und zum Beispiel Islamunterricht an Grundschulen geben und von ihren Mitgliedern Steuern erheben dürfen. Die Ahmadiyyas haben ihren Ursprung in Indien, viele ihrer Anhänger in Deutschland stammen aus Pakistan. Dort, ebenso wie in anderen muslimisch geprägten Ländern, werden Anhänger der Gemeinschaft unterdrückt und nicht als Muslime anerkannt. Die Ahmadiyyas gelten als friedlich, aber konservativ.


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