Russlands Hauptstadt "Moskau, cool!"

Trotz Wirtschaftskrise überrascht Moskau Besucher mit unbändiger Energie. Ein vorurteilsfreier Blick auf das "New York des Ostens" würde Kalten Kriegern und Putin-Verstehern guttun.


Yuri Kozyrev/ Noor/ DER SPIEGEL

Zwei Stunden war ich schon durch Moskau geirrt, als mich ein schlimmer Verdacht beschlich. "Aragwi", "Praga", "Usbekistan", diese klangvollen Namen der besten Restaurants der Sowjetunion hatte ich im Russischkurs in Deutschland gelernt. Womöglich aber waren sie die einzigen Restaurants in der Hauptstadt der östlichen Supermacht, schoss es mir jäh durch den Kopf.

Es war ein Samstag im Juni 1990, mein erster Tag in Moskau. Die Stadt war grau und niedergedrückt von einer schweren Wirtschaftskrise. Die Menschen hofften auf Veränderungen und waren zunehmend enttäuscht über die mangelnden Erfolge von Michail Gorbatschows Perestroika, dem Umbau der Wirtschaft.

Auf damals neun Millionen Einwohner kamen nur wenige Hundert Restaurants. Die Zentrale des kommunistischen Weltreichs war eine Servicewüste mit unfreundlichen Verkäuferinnen und grimmigen Kellnern. Den Zutritt zu einem Restaurant in der Gorki-Straße musste ich mir mit einem Bestechungsgeld erkaufen, obwohl zwei Drittel der Tische leer waren.

Schwimmen in Sichtweite des Kreml

Am Mittag dieses heißen Juni-Tages suchte ich nach Abkühlung und machte mich auf zum "bekanntesten Schwimmbad der Sowjetunion", wie es in meinem Reiseführer hieß. Es war 1958 von den Kommunisten anstelle der in den Dreißigerjahren abgerissenen Christus-Erlöser-Kathedrale errichtet worden. Mit seinem blätterndem Putz und rissigem Beton erinnerte mich das Bad an eine Kulisse aus einem Endzeitfilm. Es hatte geschlossen. Bestimmt wegen Baufälligkeit, dachte ich und beschloss, in Sichtweite des Kreml in der Moskwa zu schwimmen. Schnell bildete sich eine Menschentraube. Wiktor, der später mein Trauzeuge werden sollte, kam auf mich zu und sagte in kehligem Englisch: "Du siehst so glücklich aus. Du musst ein Ausländer sein."

In der Rückblende symbolisieren diese beiden Szenen für mich den Ausgangspunkt eines gewaltigen Wandels, den Moskau in den 25 Jahren seit dem Zerfall der Sowjetunion durchgemacht hat. Kulinarisch hat Moskau zu anderen Weltstädten wie London aufgeschlossen. Die Bedienungen sind freundlich und schnell. Der Mehltau der letzten Jahre des Kommunismus ist einer unbändigen Energie gewichen, einer meist positiven, mitunter aber auch brutalen.

Ein Ausländer aus dem Westen ist in der Stadt mit ihren inzwischen 12,5 Millionen Einwohnern nichts Besonderes mehr. Moskau hat mehr als 80 Nationalitäten. Es ist das New York des Ostens.

Würde ich heute in Sichtweite des Kreml die Moskwa durchschwimmen, müsste ich zumindest mit unangenehmen Fragen der Polizei rechnen.

Moskau glitzert und wird Wirtschaftskrise und Sanktionen zum Trotz von Monat zu Monat bunter, die Geheimdienste und Polizei aber gehen hart gegen Kreml-Gegner vor.

Wenn mich Freunde und Bekannte besuchen, ärgern sie sich über die Rücksichtslosigkeit der Moskauer, die ihnen in der effektivsten U-Bahn der Welt die Türen vor der Nase zu schlagen, und über eine Metropole, die Fremde arrogant an sich abperlen lässt, wenn diese sich nicht auf sie einlassen. Gleichzeitig staunen sie über den Fortschrittsdrang der Moskauer. Vom hochmodernen, neuen Terminal des Flughafens Scheremetjewo fahren sie im Schnellzug mit Wifi ins Zentrum und wundern sich, wie ich die Parkgebühr über mein Handy minutengenau bezahle.

"Gar nicht so schlimm wie gedacht", sagen sie oder: "Wow, coole Stadt. Gibts bei uns in Deutschland alles nicht."

Schlittschuhläufer am Lenin-Mausoleum

Moskau wird zugleich freier und unfreier, nationalistischer und internationaler. Deutschlands führender Osteuropahistoriker Karl Schlögel hat dies als die Gleichzeitigkeit von Dingen beschrieben, die dem Betrachter aus dem Westen eigentlich unvereinbar scheinen. Lenins übergroßes Denkmal steht noch immer am Leninski-Prospekt, der längsten Straße der Stadt, umkreist von Luxuslimousinen, deren Anzahl die jeder anderen europäischen Stadt übersteigt.

Lenins Leichnam ruht am Roten Platz, im Winter lässt die Stadtregierung daneben eine riesige Eislaufbahn errichten. Im vergangenen Jahr trugen 150 Patrioten zur Feier des Weltkriegsendes eine 2000 Quadratmeter große russische Fahne durch die Stadt. Einige der größten Zeitungen der Hauptstadt überschlagen sich Kreml-treu in Anti-Amerikanismus, während Vorort-Villen regelmäßig von den jungen Reichen für eine Kult-Party angemietet werden, die den "American Way of Life" feiern.

"Russland, wohin stürmst du?"

Was bedeutet diese Gleichzeitigkeit des scheinbar Unvereinbaren für die Zukunft dieser Stadt und des größten Flächenstaates der Erde? Die notorischen Kalten Krieger malen Russland von der gnadenlosen Verfolgung der Pussy-Riot-Aktivistinnen über die Annexion der Krim bis zur Intervention in Syrien in den schwärzesten Farben. Chronische Putin-Versteher beschönigen jede noch so dreiste Wahlfälschung, jeden Korruptionsskandal oder jede Schmutzkampagne gegen Oppositionsführer.

Schade, dass in Deutschland weder Kalte Krieger noch Putin-Versteher Negatives und Positives zusammendenken können. Dazu sind sie zu deutsch. Sie können die Ungewissheit nicht ertragen und brauchen absolute Wahrheiten. So wird Russland meist nur in Zerrbildern wahrgenommen. Für den Anfang könnte ein vorurteilsfreier Blick auf die russische Hauptstadt Abhilfe schaffen.

Prognosen, wohin Moskau und das östliche Riesenreich treiben, sind heute so schwer wie im 19. Jahrhundert. Damals ließ Nikolai Gogol (1809-1852) seinen großen Roman "Die toten Seelen" mit den Worten enden: "Russland, wohin stürmst du? Gib Antwort!" Der große Schriftsteller kam zum Schluss: "Es gibt keine Antwort." Es gibt sie bis heute nicht.

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