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We are Lucky: Zu gut, um echt zu sein?

Anonymer Wohltäter Fast zu gut, um wahr zu sein

Es klingt wie ein modernes Märchen: Ein anonymer Millionär verteilt in London Geld an Fremde und fordert sie auf, Gutes zu tun. Zeugen der Aktion gibt es praktisch nicht. Mr. Lucky besteht darauf, dass seine Geschichte wahr ist - doch es gibt Zweifel.

Im April hatte das Blog des Londoner Stadtmagazins "Time Out" Bemerkenswertes zu berichten: Ein anonymer Millionär werde durch die Straßen ziehen und an zehn von ihm ausgewählte Menschen jeweils 1000 Pfund verteilen . Bedingung: Sie müssten mit dem Geld Gutes tun. Was "gut" für sie bedeute, sei ihnen überlassen. Zum Auserwählten werde man ganz einfach, indem man sich selbst gut, nett oder hilfsbereit zeige und sich bereit erkläre, seine Geschichte dann auf einer Webseite  zu veröffentlichen. Ein Altruist, der andere zu Altruisten machen will.

Das ist der Stoff, aus dem Legenden sind. Die von Mr. Lucky geht so: Er sei über 30 Jahre alt und durch Versicherungen "plötzlich" sehr reich geworden. Spontan habe er da zunächst einen Weltraumflug mit Virgin Galactic gebucht. Freunde hätten ihn dazu gebracht, darüber nachzudenken, was man mit dem Geld stattdessen Sinnvolles anfangen könnte. Er habe seinen Flug storniert und begonnen, sein Geld an Menschen zu verteilen - als Anreiz, Gutes zu tun.

Bereits seit August 2011 ziehe er durch die Welt und verteile sein Geld, von dem er zu viel habe, beantwortet Mr. Lucky eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Er wolle Sinnvolles bewirken. Die Geschichte ist so gut, dass man wünscht, sie wäre wahr.

Oder ist es doch nur eine Behauptung? Von August bis März wirkte Mr. Lucky quasi im Verborgenen. Am 19. September 2011 registrierte ein Unbekannter die Domain we-are-lucky.com über Domains By Proxy, einen auf Anonymisierung spezialisierten Dienstleister in Arizona. Am 26. Januar trat Mr. Lucky Facebook bei, zunächst ohne dass viel geschah. Am 9. April folgte die Twitter-Seite zur Aktion - kurz vor den ersten Presseberichten in Großbritannien.

Zu diesem Zeitpunkt hatte es Mr. Lucky in Südafrika, wo er nach eigenen Angaben ein Haus besitzt, bereits in die Medien geschafft. Am 15. März berichtete die Zeitung "Beeld" über Mr. Luckys Aktion  - mit angeblichen Augenzeugen, Fotos und Geschichten von der offenbar schon zu diesem Zeitpunkt mit rund 50 Fällen gefüllten Webseite. Laut Bericht traf sich ein Reporter der "Beeld" mit Mr. Lucky. Was dieser in dem Interview erzählte, fand sich Monate später sehr ähnlich in einer Reportage des britischen "Telegraph"  wieder.

Eine Geschichte ohne Zeugen

Was durchaus daran liegen könnte, dass Mr. Lucky eine Legende entworfen hat, um seine Anonymität zu schützen. Die Reporterin des "Telegraph" wurde Zeuge von Mr. Luckys Verschenk-Aktion. Davon abgesehen hat bisher niemand mit einem der Beschenkten sprechen können. Alle Zitate, alle Geschichten und Fotos der Glückspilze, die man bisher in Medien finden konnte, stammen von der Webseite. Keine Lokalzeitung berichtete. Kein euphorischer Beschenkter jubelte darüber im Web. Warum?, fragen wir Mr. Lucky.

Lucky: "Ich bin mir nicht sicher. Die 'lucky people' haben sich nicht in die Presse gedrängt. Aber es gab eine Menge Berichte über 'We are Lucky' in Südafrika."

Aber kein Facebook-Posting, keinen Blog-Eintrag eines Beschenkten. Es gibt nur einen Edward C., dem am 20. Juni jemand 1000 Pfund in die Hand gedrückt haben soll und der darüber kurz getwittert hat. Und es gibt ein professionell erstelltes YouTube-Video eines afrikanischen Rappers, der sich für eine Geldspende bedankt. Es gibt eine Katherine, die mit ihrer 1000-Pfund-Spende die kleine Hilfsorganisation Mumaso Africa  gegründet haben will.

Und es gibt die Geschichten und Fotos von der Webseite. Es sind schöne Geschichten von oft schönen Menschen, und auch ihre Fotos sind schön. Sie wirken professionell.

Lucky: "Ja, ich bin ein sehr ambitionierter Fotograf. Tatsächlich ist es das, was ich jetzt tun will, nachdem ich meinen alten Job im Juli letzten Jahres aufgegeben habe. Ich nutze eine Canon 5D mit einem fixen 50mm 1.4-Objektiv und mache all diese Fotos, wenn ich diese 'lucky people' treffe oder ihnen das Geld gebe."

Es sind perfekt inszenierte und ausgeleuchtete Porträts. So professionell wie die Webseite, auf der sie veröffentlicht werden .

Die, sagt Mr. Lucky, sei von zwei Freunden entwickelt worden, die sie nun für ihn pflegten und die Fotos bearbeiteten. Er meint den Webdesigner Kris Cook von der virtuellen Web-Agentur too&flow , die "We are Lucky" in ihren Referenzen führt , sowie Jared Woods, der sich selbst als "Internet-Hure und generell als Legende" beschreibt. Woods scheint spezialisiert auf schräge interaktive Konzepte, Cook ist ein gefragter Designer, Künstler und Fotograf. Fragen von SPIEGEL ONLINE zur Rolle der Agentur beantworteten beide nicht.

Dabei machte erst die Professionalisierung mit Web-Auftritt und schicken Einladungskarten, mit Kommunikationskanälen und interaktiven Momenten die Aktion sichtbar und spannend. Inzwischen inszeniert Mr. Lucky mit diesen Mitteln eine regelrechte Schnitzeljagd um seine 1000-Pfund-Spenden - mit Hilfe der Medien. "We are lucky" sei wieder in der Stadt, berichtete das Magazin "Time Out" im Juni. Und diesmal zündete die Geschichte.

Es wirkt: Die Aktion bewirkt Gutes - mit oder ohne Geld

Die "Times" berichtete, "Business Insider", der "Telegraph", die Webseite von UK-Fundraising - von der Publikums- über die Wirtschaftspresse bis hin zu Non-Profit-Webseiten war das Interesse geweckt. Seitdem nahm das Publikums- und Medieninteresse beständig zu. Die Popularität und Vernetzung der Twitter-, Facebook- und Webseite wächst. Indische Medien berichteten, südamerikanische, deutsche, russische und griechische. In einer ganzen Reihe von meist per Facebook geführten Interviews hat Mr. Lucky" respektive @wearelucky1 nun Gelegenheit, seine Geschichte zu erzählen. Er sagt, es mache ihn glücklich, die Freude anderer zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihre Aktion so etwas wie eine virale Werbekampagne, um die Aufmerksamkeit für Wohltätigkeitsthemen zu erhöhen oder für ein besseres Sozialverhalten zu werben?

Lucky: Nein, das ist einfach meine komische kleine Aktion, und ich liebe sie. Es tut mir leid, dass Sie zweifeln, aber es ist wahr, Sie werden sehen.

Vielleicht spielt es nicht einmal eine Rolle, ob jede Geschichte wahr ist oder nicht. Das Thema Wohltätigkeit gewinnt öffentliche Aufmerksamkeit, die Aktion scheint sogar das Verhalten junger, netzaffiner Menschen zu beeinflussen - wenn man den Aussagen der Fans und Follower glauben mag. "Heute sind sogar die Kollegen netter zueinander", schreibt einer auf der Twitterseite von @wearelucky1, "für den Fall, dass Du in der Nähe bist."

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