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Müll-Desaster Neapel stinkt's

Im süditalienischen Terzigno lieferten sich Hunderte Demonstranten Straßenschlachten mit der Polizei. Sie protestieren gegen überlastete Mülldeponien, die den Nationalpark am Vesuv zu verpesten drohen. Profitgier und Mafiageschäfte stürzen die Region ins Chaos.

Über Terzigno kreisen laut kreischend die Möwen, denn das Meer ist nicht weit. Doch der bestialische Gestank über der Deponie S.a.r.i. am östlichen Rand des Nationalparks Vesuv lässt keine Romantik aufkommen. Hier türmt sich der Abfall - und die Bewohner der Region haben die Nase voll davon.

Seit Wochen protestieren sie gegen das Müllchaos und die Pläne der Regierung, eine weitere Halde im Nationalpark hochzuziehen. Die "Madri vulcaniche", Mütter, die mit ihren Familien an den Hängen des Vesuvs leben, blockierten den Eingang zu der umstrittenen Deponie und skandierten "Wir wollen unsere Kinder schützen" - ohne Erfolg. Am Mittwochabend beschlossen die örtlichen Verantwortlichen der Regierungspartei Volk der Freiheit (PDL) den befürchteten Bau der zweiten Deponie.

In der Nacht zum Donnerstag versammelten sich daraufhin Hunderte - den Organisatoren zufolge Tausende - Umweltschützer vor der Anlage rund 20 Kilometer südöstlich von Neapel, um ihren Unmut kundzutun. Dieses Mal eskalierte die Situation: Vermummte Demonstranten bewarfen Polizisten mit Steinen und Knallkörpern, ein Fahrzeug gingen in Flammen auf.

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Chaos in Neapel: "Der Müll ist Gold wert"

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Vergeblich versuchten die Organisatoren des Protestes, die gewalttätigen Teilnehmer zu beruhigen. Als etwa 200 mit Knüppeln bewaffnete Sicherheitskräfte Tränengas einsetzten und versuchten, die Menge abzudrängen, sei Panik ausgebrochen, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. Mehrere Personen wurden vorübergehend festgenommen, mindestens drei sollen verletzt sein.

Der Polizeipräfekt von Neapel, Andrea De Martino, orakelte am Dienstag, dass eine "organisierte Guerilla" am Werk sei. "Wir bedauern sehr, dass sich einige Radikale unter die Mehrheit der friedlich Demonstrierenden gemischt haben", sagt der Regionaldirektor der Umweltschutzorganisation Legambiente, Raffaele del Giudice, der mit den örtlichen Protestgruppen in Kontakt steht. "Aber niemand weiß derzeit genau, welchen Gruppierungen sie angehören", erklärte er SPIEGEL ONLINE. Dass es so wütende Proteste gebe, sei dem eklatanten Versagen von Premier Berlusconi und dem umstrittenen Zivilschutzchef Guido Bertolaso zu verdanken, ärgert sich Del Giudice. "Sie haben nur geblufft, ihre Garantien waren nichts wert." Der Zustand der Anlage sei desolat, die Kapazitäten längst überschritten. "Die Menschen fühlen sich betrogen."

Erhöhte Schwermetall- und Dioxinkonzentrationen

Tatsächlich geht es in Terzigno nicht nur um den schlechten Geruch, der den Anwohnern die Laune verdirbt: Vom Oktober 2009 bis Mai 2010 untersuchten Spezialisten des Umweltamts der Provinz Neapel den Boden und stellten erhöhte Schwermetall- und Dioxinkonzentrationen fest. Im April 2010 inspizierte eine Delegation des Europarlaments drei Tage lang die Deponien in der Region. Eine der Autoren des Berichts darüber, Judith Merkies, nannte das Vorhaben, in dem Nationalpark eine weitere Halde zu eröffnen, eine "Verirrung". Die Kommission rügte außerdem den zuletzt eingegangenen Bericht der italienischen Behörden als "unzureichend" und forderte mehr Details darüber, wie die Anlage betrieben wird.

"Wir werden niemals akzeptieren, dass die Deponie 'Cava Vitiello' in Betrieb genommen wird", erklärte Gennaro Langella, Bürgermeister der potentiell betroffenen Ortschaft Boscoreale und stellte sich damit hinter die Demonstranten.

Erst vor wenigen Tagen hatte Langella selbst Besuch von mehreren Frauen, die sein Büro aus Protest gegen die verfehlte Umweltpolitik stürmten und dann verwüsteten. Sein Parteifreund, Premier Silvio Berlusconi, hatte noch am 30. September versprochen, es werde keine weitere Müllanlage geben. Nach der gegenteiligen Entscheidung vom Mittwoch erklärte Langella enttäuscht, er werde aus der Regierungspartei PDL austreten: "Ich kann so eine gefährliche und ernste Entscheidung nicht mittragen."

Neapel in Not

Im historischen Zentrum von Neapel herrscht derweil erneut der Ausnahmezustand: Auf einem Amateurvideo, das bei Youtube gepostet wurde, ist zu sehen, wie wendige Motorradfahrer meterhohe Berge von Müllsäcken umfahren, während ein wackerer Anwohner versucht, mit einem Besen der zahllosen auf der Straße liegenden Tüten Herr zu werden - und dabei fast überfahren wird.

Noch ist die Situation nicht so desolat wie vor zwei Jahren, als der Krieg um den Müll wochenlang tobte. Dennoch stapeln sich bereits mehr als 1000 Tonnen Unrat in der Stadt: "Die Situation verschärft sich von Stunde zu Stunde", sagte der städtische Beauftragte für Gesundheitsfragen von Neapel, Paolo Giacomelli. In Terzigno stehe auf Grund der Auseinandersetzungen alles still. Derzeit warteten noch etwa 600 Tonnen Müll in 75 Lastwagen darauf, entsorgt zu werden. "Aber wir wissen nicht wo", so der Assessor.

Auch der Polizeipräsident von Neapel, Santi Giuffrè, zeigte sich besorgt: "Die Situation ist sehr aufgeheizt: Es besteht die Gefahr, dass sich der Protest der Arbeitslosen von Neapel mit dem der Deponie-Gegner vermischt."

Vollmundig hatte Berlusconi Ende 2009 die erste große Müllkrise in Neapel für beendet erklärt. Instinktsicher hatte er sich als starker Mann in der Krise profiliert, der damals regierenden Linken Versagen vorgeworfen und - nach seinem Wahlsieg 2008 - "aufgeräumt". Neue Mülldeponien entstanden, die Verbrennungsanlage in Acerra nahm ihren Betrieb auf. Der Zivilschutz wurde mit Sondervollmachten ausgestattet, das Militär in die Müllbeseitigung eingebunden. Umweltschützer warfen Berlusconi schon damals vor, lediglich die Stadt gesäubert und den Dreck in die Peripherie ausgelagert zu haben.

Inzwischen wird sowohl die Region Kampanien als auch die Provinz Neapel von der PDL regiert - gebessert hat sich offensichtlich nichts. Nur die Stadt Neapel ist noch in der Hand der Mittelinks-Parteien, was den Premier dazu veranlasste, Bürgermeisterin Rosa Russo Iervolino für das erneute Mülldesaster verantwortlich zu machen. "Ich bin wütend", sagte diese kleinlaut. "Wir sind nicht schuld, uns hilft nur keiner."

Es gibt viele, die von dem Geschäft mit dem Abfall profitieren. Schon Anfang der neunziger Jahre hatte das ehemalige Camorra-Mitglied Nunzio Perrella das Interesse der Mafia am Entsorgungsbusiness auf den Punkt gebracht: "Der Müll ist Gold wert." Mit der Entsorgung unter anderem von Giftmüll verdient die Camorra viele Millionen - weil sie die gefährlichen Schlacken aus ganz Europa heimlich in der Heimat vergräbt und deshalb unschlagbar günstige Preise bieten kann. Weil die Industrie vor allem in Norditalien schweigend von diesen Angeboten profitiert. Weil Politiker jeder Couleur die schmutzigen Geschäfte entweder unterstützen oder schweigend durchgehen lassen, während die EU und die Regierung in Rom enorme Summen in das Problem investieren.

Sicher ist derzeit nur eines: Der Protest wird weitergehen. Am Freitag wollen Bewohner mehrerer Vororte von Neapel in Rom gegen das Müllchaos demonstrieren.

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