München Stadt macht Scientologen-Kita dicht

Bauklötze, Kinderlieder und L. Ron Hubbard: Nach einem Tipp des Verfassungsschutzes hat das Schulamt München heute einer Kindertagesstätte die Erlaubnis entzogen. Der Vorwurf: Hinter der harmlosen Fassade verstecke sich die Scientology-Sekte.


Niedlich und unscheinbar wirkt der Name: "Kinderhäusl" heißt die Kindertagesstätte in München-Sendling. Im Fenster hängt Selbstgebasteltes, drinnen spielen die Kleinen. Erst seit Sommer vergangenen Jahres gibt es das "Kinderhäusl" offiziell als Kindertagesstätte. Wenige Wochen nach der Eröffnung gab es schon Streit, jetzt hat das Schul- und Kultusreferat der Stadt München das "Kinderhäusl" dicht gemacht. Der Vorwurf: Die Kinder sollen nicht nur spielen, singen und lesen lernen, sondern im Geiste der Ideologie von Scientology erzogen werden.

"Wir haben ein paar Wochen nach der Eröffnung einen Hinweis vom Verfassungsschutz bekommen", sagte Eva-Maria Volland vom Schulreferat der Stadt München SPIEGEL ONLINE. Alle Mitglieder des Trägervereins der Kita seien Mitglieder bei Scientology, die Kinder würden auf der Grundlage der Ideen des Sekten-Ideologen L. Ron Hubbard erzogen.

Das Schulreferat schickte im Winter Mitarbeiter in die Tagesstätte, diese sprachen mit den beiden Erzieherinnen und schauten sich die Räume an. Das Staatsinstitut für Frühpädagogik verfasste ein Gutachten, der Trägerverein sollte dazu Stellung nehmen. Die Stadt drohte der Kita, ihr die Betriebserlaubnis zu entziehen. Scientology organisierte eine Demonstration gegen das Verfahren, protestierte gegen das Gutachten - ohne Erfolg.

"Weltanschaulich neutral"

Heute teilte das Schulreferat mit, dass dem "Kinderhäusl" die Betrieberlaubnis "mit sofortiger Wirkung" entzogen worden sei. Die Stadt sei der Überzeugung, "dass das Wohl der Kinder in dieser Einrichtung gefährdet war, weil der Bildungs- und Erziehungsarbeit die Vorgaben von Scientology zu Grunde lagen", so das Presseamt der Stadt.

Die inhaltlichen und methodischen Grundsätze von Scientology widersprächen in diesem Fall vor allem dem Recht des Kindes auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Die Scientology-Organisation wird in Bayern und den meisten anderen Bundesländern vom Verfassungsschutz beobachtet.

Nicola Cramer vom Trägerverein des "Kinderhäusls" hält die Entscheidung des Amtes für eine "staatliche Diskrimierungs-Kampagne" gegen eine "Religionsgemeinschaft". Die Kita sei "weltanschaulich neutral", sie stünde auch allen anderen Kindern offen. Cramer habe selbst ein Kind dort.

Dass nur Scientologen-Kinder und -Eltern etwas mit dem "Kinderhäusl" zu tun haben, liege im Übrigen daran, dass man eben miteinander befreundet sei. "Wir werden gegen diese Entscheidung Widerspruch einlegen", sagte Cramer.

Und wo sollen die Kinder morgen hingehen, wenn das "Kinderhäusl" dicht ist? "Wir haben den Eltern alternative Plätze in anderen Kindertagesstätten angeboten", sagte Eva-Maria Volland vom Schulreferat. Ob die Scientologen das Angebot annehmen, konnte "Kinderhäusl"-Sprecherin Nicola Cramer noch nicht sagen.

maf/AFP/ddp



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.