Münchner Missbrauchsgutachten »Desaströses Verhalten« – Bischöfe üben deutliche Kritik an Benedikt XVI.

»Verdeckt und vertuscht wurde lange genug, jetzt ist die Zeit der Wahrheit«: In Predigten fordern katholische Bischöfe den emeritierten Papst auf, sich zu seiner Verantwortung im Missbrauchsskandal zu bekennen.
Emeritierter Papst Benedict XVI. (2020): »Auch Bischöfe, auch ein ehemaliger Papst, können schuldig werden«

Emeritierter Papst Benedict XVI. (2020): »Auch Bischöfe, auch ein ehemaliger Papst, können schuldig werden«

Foto: POOL / via Reuters

Das Münchner Missbrauchsgutachten hat die katholische Kirche in Deutschland erschüttert. Der Aachener Bischof Helmut Dieser fordert ein öffentliches Schuldeingeständnis des emeritierten Papsts Benedikt XVI.

»Es kann nicht dabei bleiben, dass Verantwortliche sich flüchten in Hinweise auf ihr Nichtwissen oder auf damalige andere Verhältnisse oder andere Vorgehensweisen. Denn deswegen wurden doch damals Täter nicht gestoppt und Kinder weiter von ihnen missbraucht!«, sagte Dieser am Sonntag in seiner Predigt im Aachener Dom.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, beklagte »desaströses Verhalten« auch von den Spitzen der Kirche und mahnte: »Verdeckt und vertuscht wurde lange genug, jetzt ist die Zeit der Wahrheit.«

»Auch Bischöfe, auch ein ehemaliger Papst, können schuldig werden.«

Aachener Bischof Helmut Dieser

Benedikt, der frühere Kardinal Joseph Ratzinger, hatte das Erzbistum München und Freising von 1977 bis 1982 geführt. Ein vom Erzbistum selbst in Auftrag gegebenes Gutachten  kommt zu dem Ergebnis, dass Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt, vertuscht oder ignoriert wurden.

Benedikts Rolle ist besonders brisant. Ihm werden vier Fälle von Fehlverhalten aus seiner Zeit als Münchner Erzbischof angelastet. Der 94-Jährige hat die Vorwürfe in einer Verteidigungsschrift zurückgewiesen. Die Gutachter gehen davon aus,  dass er an manchen Punkten aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die Wahrheit gesagt hat.

Gläubige müssten sich rechtfertigen, noch »zu diesem Verein« zu gehören

»Auch Bischöfe, auch ein ehemaliger Papst, können schuldig werden, und in bestimmten Situationen müssen sie das auch öffentlich bekennen, nicht nur im Gebet vor Gott oder im Sakrament in der Beichte«, mahnte Dieser, der in der Bischofskonferenz dem Lager der Reformer zugerechnet wird.

Die Unfähigkeit, eigene Verantwortung zu spüren, Schuld einzugestehen, um Vergebung zu bitten oder wenigstens Bedauern und Schmerz über den eigenen Anteil an der Tragödie auszudrücken, mache ihn traurig und wütend. »Dass auch der frühere Papst Benedikt das noch nicht getan hat, darf nicht sein letztes Wort dazu sein!«

Der Limburger Bischof Bätzing rief dazu auf, sich der Wahrheit zu stellen, so schmerzlich das auch sei. Man müsse klar sehen, was an »desaströsem Verhalten« auch von der Führung und den Spitzen der Kirche »bis hin zu einem emeritierten Papst angerichtet« worden sei, sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz am Freitagabend in einem Gottesdienst im Bezirk Trier.

Er wisse, dass diese Situation auf vielen Gläubigen ungeheuerlich laste. Sie müssten sich bei Freunden und Familie dafür rechtfertigen, dass sie noch »zu diesem Verein gehören«.

EKD: Auch in evangelischen Gemeinden gibt es sexualisierte Gewalt

Die Justiz prüft derzeit, ob die Ergebnisse des Gutachtens strafrechtlich relevant sind. Die Münchner Staatsanwaltschaft untersucht nach eigenen Angaben derzeit 42 Fälle von mutmaßlichem Fehlverhalten kirchlicher Verantwortungsträger.

Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus, sieht systemische Gründe für die vielen Fälle sexuellen Missbrauchs in der Kirche. »Es gibt kirchliche Muster und Strukturen, die sexualisierte Gewalt begünstigen«, sagte Kurschus der »Rheinischen Post« vom Samstag. »Das sind in der evangelischen Kirche andere als in der katholischen Kirche.«

Auch in evangelischen Gemeinden und Einrichtungen gebe es sexualisierte Gewalt: »Dadurch wurde und wird Vertrauen zerstört.« Dieses zurückzugewinnen, sei ein langer Prozess.

abl/dpa