Flüchtlings-Musical "Ich will fliegen, ich will siegen, ich will hoch hinaus"

Probe mit Todd Fletcher
SPIEGEL ONLINE

Probe mit Todd Fletcher

Von


Gemeinsam studieren Flüchtlinge und Deutsche ein Musical ein. "Hoch Hinaus" soll bald in drei Städten aufgeführt werden. Doch noch ist viel Übung nötig.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Warum funktioniert jetzt dieser Lautsprecher nicht? Alexander Huchler steckt die Kabel zwischen Keyboard und Box um, Todd Fletcher schlägt die Tasten an. Aber kein Ton.

Dann muss die Probe eben a cappella beginnen, da hört man sowieso besser. Jedenfalls, wenn man etwas hören könnte. Denn die zwölf Menschen, die im Hamburger Jugendzentrum Manna auf Stapelstühlen im Halbkreis ums Keyboard sitzen, scheinen sich gerade auf einen Wettbewerb im Leisesingen vorzubereiten. Und nicht für das Musical "Hoch Hinaus", das bald in Berlin, Hamburg und Leipzig aufgeführt wird (Termine unten). Todd Fletcher ist unzufrieden mit dem Pegel, er allein übertönt alle anderen.

Die Maltester organisieren das Musical gemeinsam mit Fletchers Organisation "Plural Arts International". 40 Darsteller auf der Bühne, 100 Teammitglieder - es ist ein großes Projekt, unterstützt von der Bundesregierung. In Hamburg probt nur das halbe Ensemble aus Flüchtlingen, die in der von den Maltesern geleiteten Erstaufnahme in Rahlstedt wohnen, und Deutschen. Die andere Hälfte übt im Berliner ufaKulturzentrum.

Die Darsteller haben bei zwei gemeinsamen Wochenend-Workshops die Story erarbeitet. Zu Beginn riefen sie Schlagwörter in den Raum. "Todd hat sich gewundert, warum in Hamburg so viele F-Worte genannt wurden", berichtet Ute Landwehr-von Brock, die das Projekt für die Malteser leitet: "Freiheit, Furcht, Frühling."

Komponist und Regisseur Todd Fletcher
SPIEGEL ONLINE

Komponist und Regisseur Todd Fletcher

Um diese Begriffe geht es auch in dem Stück, das von Vertreibung und Verrat, aber auch von Treue und Freundschaft handelt. "Tut, was ihr wollt, ihr könnt mich nicht unterdrücken! Hier steht ein junger Mann, keine Maus! Ich komme irgendwie aus der Falle heraus, ich will fliegen, ich will siegen, ich will hoch hinaus", heißt es im Ermutigungs-Titelsong. So ganz mutig wird er an diesem Abend im Jugendzentrum aber nicht vorgetragen. Die Darsteller lesen den Text ab. "Das muss sitzen", sagt Fletcher, "ihr könnt nicht mit den Papieren in der Hand auf der Bühne stehen!"

Zu den Flüchtlingen, die heute hier proben, gehört Mohammed Alkhatib. Vor kurzem ist der syrische Palästinenser aus der Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt ausgezogen, weil seiner Familie der Nachzug aus humanitären Gründen erlaubt wurde. Von seiner neuen Wohnung im Osten der Stadt braucht er rund eine Stunde bis zum Jugendzentrum im Norden. Aber egal. "Mit den Kollegen spreche ich hier Deutsch", erklärt er seine Motivation, außerdem finde er es schön, gemeinsam zu singen.

Ute Landwehr-von Brock hat sich vorgenommen, mit den vier geplanten Aufführungen 1200 Menschen zu erreichen. "Wenn verstanden wird, dass die Geflüchteten es wert sind, zu unserer Gesellschaft zu gehören, dann haben wir schon viel geschafft." Ziel sei es auch, "Rahmenbedingungen für Begegnungen zu schaffen", sagt sie. "Wir hoffen natürlich, dass Leute im Publikum sich nach diesem Erlebnis auch für Geflüchtete engagieren." Die Menschen gewinne man oftmals aber nur, wenn man sie "emotionalisiert und begeistert". Und das ist, im besten Fall, die Wirkung von Musik.

Musical-Darsteller Maria Hildmann (l.), Mohammed Alkhatib (r.)
SPIEGEL ONLINE

Musical-Darsteller Maria Hildmann (l.), Mohammed Alkhatib (r.)

Eine der deutschen Darstellerinnen ist Maria Hildmann. Ihr geht es mehr ums Tanzen als ums Singen, denn Tanzen ist ihr großes Hobby. Abends besucht die Auszubildende zur Speditionskauffrau oft noch die HipHop Academy, sie gibt auch selbst einen Tanzkurs. An ihrem Gymnasium gab es eine Integrationsklasse, daher habe sie schon ab und zu Kontakt zu Flüchtlingen gehabt; sie sei sowieso "interkulturell", so Hildmann, denn ihre Eltern kommen aus Russland. Deshalb hatte sie auch sofort Lust, bei dem Projekt mitzumachen, als eine Freundin ihr davon berichtete. "Ich hätte nicht gedacht, dass die Gruppe so gut funktioniert", sagt sie, "es gab nicht mal Streit." Und wenn man gemeinsam singe, sagt sie, "dann öffnet man sich mehr."

Für Hildmann endet das Integrationsprojekt mit der letzten Aufführung. Sie habe neben ihrer Ausbildung und ihrem Hobby Tanzen leider keine Zeit, sich für Flüchtlinge zu engagieren. Aber wenn das Konzept von Ute Landwehr-von Brock aufgeht, dann gibt es nach der kleinen Deutschland-Tour von "Hoch hinaus" Hunderte Menschen, die die Lücke schließen können. Oder auch: könnten.


Termine:

18. und 19.10, 19 Uhr, ufaFabrik, Berlin
21.10., 19 Uhr, Bürgerhaus Wilhelmsburg, Hamburg
23.10., 19 Uhr Werk 2 Kulturfabrik Leipzig



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.