Flüchtlinge "Manche haben schreckliche Angst vor Jugendämtern"

Wie lassen sich Zuwanderer in Deutschland integrieren? Nicht allein durch muslimische Verbände, sagt Islamismus-Experte Ahmad Mansour. Wichtiger seien gefühlte Gerechtigkeit, der Rechtsstaat und Perspektiven.
Flüchtlinge in Dortmund: "Ein Land, das Heimat werden soll"

Flüchtlinge in Dortmund: "Ein Land, das Heimat werden soll"

Foto: Maja Hitij/ dpa

Fragt man dieser Tage bei muslimischen Verbänden oder Vereinen nach, wie sie es mit der Flüchtlingshilfe halten, bekommt man bisweilen eine empörte Antwort. "Muslime gehen mit ihren guten Taten nicht hausieren", heißt es beim Bundesverband der Türkisch-Islamischen Union (Ditib) in Köln. Man betreibe keine PR mit der Solidarität. Das gebiete die islamische Bescheidenheit.

Selbstverständlich würden in den Gemeinden vielerorts Sachspenden gesammelt, Willkommenspakete geschnürt und Dolmetscher vermittelt. Einige Familien hätten bereits die Pflegeelternschaft für unbegleitete Minderjährige beantragt. "Flüchtlinge sind unsere Geschwister", da sind sich alle Beteiligten sicher. In Zukunft sollen deshalb die Landes- und Regionalverbände besser vernetzt werden, um gezielt Bedarf zu ermitteln. Sie verfügten aber nicht annähernd über die gleichen Mittel wie die christlichen Kirchen mit den Wohlfahrtsverbänden, so der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime (ZMD), Aiman Mazyek.

Dennoch ist das Engagement groß: In München etwa bot Imam Benjamin Idriz an, bis zu 1000 Flüchtlinge in 20 muslimischen Gemeinden unterzubringen. Im Dortmunder Dietrich-Keuning-Haus helfen zahlreiche muslimische Ehrenamtliche von früh bis spät, "und das ist manchmal Knochenarbeit", sagt der Kirchenbeauftragte des ZMD, Ahmad Aweimer. Vor allem in Moscheen mit arabischem Hintergrund hätten die Helfer jede Menge zu tun. Viele Syrer bitten um konkrete Unterstützung, wollen beten oder suchen religiösen Beistand. "Es kommen aber auch Menschen, die gar nicht gläubig sind."

Die islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) hat laut eigener Aussage in 600 Moscheen etwa 1000 Flüchtlinge aufgenommen und einen Spendenaufruf gestartet. Die IGMG, über Jahre als antidemokratisch und antisemitisch eingeschätzt, wird vom Verfassungsschutz inzwischen als "überwiegend rein religiöser Dienstleister" bezeichnet.

Der Psychologe und Islamismus-Experte Ahmad Mansour begrüßt die Unterstützung von muslimischer Seite. Er ist aber auch der Meinung, dass man die anstehende Integration Hunderttausender Muslime in Deutschland nicht allein den religiösen Verbänden überlassen sollte.

Zur Person
Foto: imago

Ahmad Mansour, Jahrgang 1976, ist arabischer Israeli. Als Schüler wurde er in einem palästinensischen Dorf von einem Imam radikalisiert, wandte sich aber später von dessen Ideen ab. Er studierte in Tel Aviv und ging 2004 nach Berlin. Mansour ist Diplom-Psychologe und arbeitet für Projekte gegen Extremismus, unter anderem bei HEROES, einem Projekt für Gleichberechtigung und gegen Unterdrückung im Namen der Ehre, sowie bei HAYAT, einer Beratungsstelle für Deradikalisierung. Für seine Arbeit erhielt er den Moses-Mendelssohn-Preis zur Förderung der Toleranz.

SPIEGEL ONLINE: Was ist dran an dem Vorwurf, Muslime in Deutschland würden sich nicht ausreichend in der Flüchtlingshilfe engagieren?

Mansour: Nichts. Wenn es um humanitäre Hilfe geht, sehe ich eine Riesenbereitschaft zu helfen. Die Stimmung in den Gemeinden und Verbänden ist sehr positiv, es gibt zahlreiche Projekte und konkrete Initiativen, die Flüchtlinge unterstützen - und das nicht erst, seit Migranten in großer Zahl ins Land kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist das Engagement der muslimischen Verbände, Vereine und Moscheen in der Flüchtlingsfrage?

Mansour: Ich glaube, dass viele Organisationen die falschen Ansprechpartner für Flüchtlinge sind, weil sie Werte vermitteln, die eine Parallelgesellschaft unterstützen. Die Neuankömmlinge sollen doch aber Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft bekommen. Es reicht nicht, ihnen den Weg zur Moschee zu zeigen und einen Koran zu schenken. Sie sollen lernen, wie Deutschland funktioniert, wo die besten Schulen am Ort sind, wie man eine Bewerbung schreibt, welche Chancen sie haben - und vor allem, welche Werte in dieser Gesellschaft gelten.

SPIEGEL ONLINE: So mancher glaubt, dass die Solidarität unter Glaubensgenossen - also deutschen Muslimen und Migranten etwa aus Syrien - automatisch groß sein müsse. Ein Trugschluss?

Mansour: Mich stört, dass die Flüchtlinge völlig verallgemeinernd als Muslime bezeichnet werden. Niemand fragt, wie gläubig sie sind, niemand nimmt sie als Individuum wahr. Wer weiß schon, ob sie Muslime sind oder einer anderen Glaubensgemeinschaft angehören? Vielleicht wollen einige lieber säkular und liberal leben. Wir müssen die Ankommenden vor allem als Menschen wahrnehmen und nicht vorrangig in ihrer Religionszugehörigkeit.

SPIEGEL ONLINE: In Hamburg wurden Salafisten dabei beobachtet, wie sie vor einem Erstaufnahmelager Korane verteilten. Wird es ihnen gelingen, unter Flüchtlingen Gefolge zu rekrutieren?

Mansour: Ich warne dringend davor, Flüchtlinge als potenzielle Islamisten zu diskreditieren. Viele Syrer sind doch gerade vor den Extremisten und deren Gewalt geflohen. Sie suchen nach neuen Perspektiven. Ihre Anfälligkeit für Radikale wächst, wenn sich keine auftun und Frustration einkehrt.

SPIEGEL ONLINE: Auf welche Klientel haben es die Koran-Verteiler dann abgesehen?

Mansour: Vor allem auf die unbegleiteten Jugendlichen, auf die Flüchtlinge unter 18 Jahren. Sie sind leichte Opfer, die man gut manipulieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst wurden im Alter von 13 durch einen fundamentalistischen Imam radikalisiert.

Mansour: Er hat mir das Gefühl vermittelt, auserkoren zu sein. Der Gruppenzusammenhalt in der Koranschule war groß, identitätsstiftend.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den Absprung geschafft und sind vor zehn Jahren nach Deutschland gekommen. Wie wurden Sie empfangen?

Mansour: Als ich nach Berlin kam, ist kein Deutscher auf mich zugekommen, um mir zu helfen. Ich hatte keine Ahnung, wie die Gesellschaft funktioniert, ich bekam Angst vor dem Unbekannten und habe eine ablehnende Haltung entwickelt. Identitätskonflikte, Ablehnung und Aggression - das sind die Dinge, die zu einer Radikalisierung beitragen.

SPIEGEL ONLINE: Im Moment brauchen Flüchtlinge vor allem konkrete Ersthilfe. Schon bald aber müssen jene, die bleiben, in Deutschland Fuß fassen. Reichen die alten Integrationskonzepte?

Mansour: Nein, und wir dürfen auf keinen Fall die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Das würde die Gesellschaft nicht verkraften. Heute sind Flüchtlinge, anders als bei der letzten Einwanderungswelle, ausdrücklich willkommen, das schafft gute Voraussetzungen. Aber es liegt viel Arbeit vor uns. Integration ist ein langer Prozess, der nachhaltig sein muss. "Wir schaffen das" muss auch bedeuten, dass ein Flüchtling nach Jahren sagt: "Dieses Land ist meine Heimat geworden, und ich stehe hinter den Werten dieser Gesellschaft."

SPIEGEL ONLINE: Von welchen Fehlern sprechen Sie?

Mansour: Das Allerwichtigste sind der Spracherwerb und die Vermittlung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung - das sollte immer in einem säkularen Umfeld stattfinden, frei von Religion oder Ideologie. Das Problem ist: Es gibt nur sehr wenige Organisationen, die das leisten können. Deshalb darf sich der Staat nicht auf Ehrenamtliche verlassen, wenn er Integration ernst meint, sondern muss verlässliche und professionelle Partner finden und entsprechende Gelder zur Verfügung stellen.

SPIEGEL ONLINE: Wie vermittelt man Menschen, die nie einen funktionierenden Rechtsstaat erlebt haben, den Glauben an einen solchen?

Mansour: Das ist sehr schwierig und erfordert Aufklärung. Für Menschen aus autokratischen Staaten haben Behörden immer mit Sanktionen, Strafen und Willkür zu tun. So haben manche schreckliche Angst vor Jugendämtern, weil sie glauben, man wolle ihnen die Kinder wegnehmen. Da hilft es nur, Ängste abzubauen. Wenn die Leute eine positive Erfahrung machen, glauben sie irgendwann auch an den guten Willen der Beteiligten. Das ist für beide Seiten eine Riesenaufgabe.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirbt man für die Gleichberechtigung der Frau, die Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten?

Mansour: Nur indem man gewinnend arbeitet. Es bringt erfahrungsgemäß nichts, wenn man Menschen, die patriarchalisch aufgewachsen sind, sagt: "Wie ihr eure Frauen behandelt, ist Mist, lasst das sein, sonst kommt ihr in den Knast." Das zieht nicht. Tatsächlich sind hier die Schulen gefragt, sie müssen für Freiheit und Demokratie werben, Geschlechtergleichheit vermitteln. Sie sind der Ort der intensiven Begegnung, der Aufklärung. Der Schwimmunterricht zum Beispiel ist ein wichtiges pädagogisches Angebot. Da können junge Menschen ihren Körper kennenlernen und Vertrauen zu ihm entwickeln, etwas, das in patriarchalischen Strukturen nicht möglich ist.

SPIEGEL ONLINE: Was könnte Zuwanderer für Deutschland begeistern? Welche Aspekte unserer Gesellschaft sind identitätsstiftend, womit könnten sie sich identifizieren?

Mansour: Mit einer gefühlten Gerechtigkeit, dem funktionierenden Rechtsstaat und vor allem mit Perspektiven. Denn wer für sich hier Perspektiven entwickelt und die Werte dieser Gesellschaft als Bereicherung empfindet, lernt auch, Deutschland zu lieben.

SPIEGEL ONLINE: Irgendwann, so steht zu befürchten, ist die Euphorie vorbei, und die derzeit so fremdenfreundlichen Deutschen werden hilfs- oder gegebenenfalls zahlungsmüde. Spätestens dann werden Xenophobe und Rechtsradikale wieder mehr Zulauf haben.

Mansour: Die Rechten profitieren schon jetzt von der bloßen Anwesenheit der Flüchtlinge. Um Diskriminierung zu vermeiden, müssen wir dafür sorgen, dass die Zugereisten zu einer Bereicherung für unsere Gesellschaft werden. Und dafür brauchen wir gute langfristige und nachhaltige Integrationskonzepte.