Muslime in Oslo "Wir fühlen genauso wie alle Norweger"

Die Attentate des Anders Behring Breivik gelten als erste antimuslimische Terrorakte in Europa. Doch was bedeuten sie für die vielen tausend Menschen islamischen Glaubens in Norwegen? Besuch in der größten Moschee Skandinaviens.

Außenminister Støre in Moschee: "Nagelprobe für unsere Demokratie"
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Außenminister Støre in Moschee: "Nagelprobe für unsere Demokratie"

Aus Oslo berichtet


Als am vergangenen Freitag in der Osloer Innenstadt eine gewaltige Bombe detonierte und auf der nahen Insel Utøya scharf geschossen wurde, fiel der Verdacht zunächst auf das Netzwerk al-Qaida. Dann stellte sich heraus: Hier hatten keine islamistischen Extremisten zugeschlagen. Es handelte sich vielmehr um das grausame Werk eines Rechtsradikalen, der in seiner übersteigerten Angst vor einer multikulturellen Gesellschaft wehrlose Menschen, Kinder sogar, ermordet hatte. Zum ersten Mal gab es in Europa einen dezidiert antimuslimischen Terroranschlag - und das ausgerechnet in Norwegen, diesem friedlich-verschnarchten und zutiefst sozialdemokratischen Land.

Die Jamaat-e-Ahl-e-Sunnat-Moschee im Osloer Stadtteil Grønland ist das größte muslimische Gotteshaus in Skandinavien, 6000 Gläubige gehören der Gemeinde an. Ihr Imam Nehmat Ali Bukhari, ein etwas düster schauender, langsam sprechender Geistlicher in weißen Kleidern, sitzt in einem Konferenzraum im ersten Stock, an einem Tisch aus dunklem Holz, auf dem starker Tee, Milch, Zucker und Melonen stehen. Er ist vorsichtig und konzentriert-sachlich.

Es sei zu früh, beginnt Bukhari, über die Konsequenzen für die Gesellschaft zu sprechen. Sie seien alle noch sehr schockiert, man müsse das jetzt verarbeiten. Im Übrigen verstehe man sich als Teil einer Gemeinschaft. Breivik habe mit seiner Wahnsinnstat nicht ausschließlich die Muslime gemeint, sondern das ganze Land angegriffen. "Wir fühlen gerade genauso wie alle anderen Norweger."

Er räumt ein, Norwegen sei immer ein sicherer Hafen für Muslime aus aller Welt gewesen, tolerant, weltoffen, fair. "Es gab kein besseres Land." Jetzt aber bekomme er Anrufe etwa von seinen Verwandten aus Pakistan, die ihn fragten, wie ernst die Lage sein müsse, wenn so etwas schon dort drüben passiere. Er beruhige sie dann, so Bukhari, und sage ihnen, dass sich nichts verändert habe, gar nichts. Es klingt nach einem Basta.

Ideologischer Wahnsinn von überall, nur nicht aus Norwegen

In Oslo hat jeder vierte Einwohner einen Migrationshintergrund, in ganz Norwegen leben knapp 100.000 Menschen islamischen Glaubens. Vorurteilsfrei und zugewandt zu sein, ist zwischen Kristiansand und Tromsø mehr als ein Lippenbekenntnis, es ist Teil der Identität dieses Volkes, das sich grundsätzlich als "gut" versteht, wie die frühere Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland einmal gesagt hat.

Und in der Stunde der nationalen Not rücken die Norweger jetzt so nahe zusammen, dass es bald knirscht: Kaum jemand will noch über Anders Breivik, den Attentäter aus der Mitte dieser Gesellschaft, sprechen, wenige hinterfragen mögliche taktische Fehler der Polizei, kaum jemand thematisiert die rechtspopulistische Szene, die seit Jahren eine feste Größe in der Politik des Landes ist. Die Katastrophe stehen wir nur zusammen durch, so könnte die Devise lauten, was gleichzeitig aber auch bedeutet: Keiner tanzt aus der Reihe!

Am Dienstagabend hält Außenminister Jonas Gahr-Støre in der Osloer Jam-e-Moschee eine bewegende Rede. "Wir dürfen die nun notwendige Debatte", mahnt er, "nicht überhastet beginnen. Sie wird eine Nagelprobe sein für unsere Demokratie." Auf seine multikulturelle Gesellschaft sei Norwegen immer stolz gewesen, sie stehe nicht zur Disposition. "Das ist nicht mein Gotteshaus, aber ich fühle mich hier zu Hause. Genauso hoffe ich, dass ihr euch bei mir zu Hause fühlt."

Im "Independent" schreibt der norwegische Muslim Usman Rana zugleich, es habe in der Vergangenheit zwar vereinzelt Spannungen zwischen Menschen seines Glaubens und ausländerfeindlichen Gruppierungen gegeben, doch die verantwortungsbewusste politische Klasse habe deren Ausgreifen verhindert. Im Grunde sei Breivik ja auch nicht maßgeblich in seiner Heimat radikalisiert worden, sondern habe seinen ideologischen Wahnsinn eher aus dem restlichen Europa zusammengetragen.

Auch der Pakistaner Imran Shahin lobt und preist Norwegen - und will von möglichem Fremdenhass, von Ausgrenzung und Ghettobildung eigentlich nichts wissen. Er habe aber die leise Hoffnung, so sagt der Moschee-Generalsekretär dann doch irgendwann, dass sein Land etwas wärmer werden könnte, gesellschaftlich gesehen. Damit sei nicht gemeint, dass es hier kühl sei, man solle ihn bitte nicht falsch verstehen, aber möglicherweise verlören die Rechtspopulisten nun einige Anhänger. "Und das wäre doch schön."

Mitarbeit: Cato Gjertsen

insgesamt 186 Beiträge
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Seite 1
LeisureSuitLenny 27.07.2011
1. Quote
Zitat von sysopDie Attentate des Anders Behring Breivik gelten als erste anti-muslimische Terrorakte in Europa. Doch was bedeuten sie für die 150.000 Menschen islamischen Glaubens in Norwegen? Besuch in der größten Moschee Skandinaviens. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,776822,00.html
"In Oslo hat jeder vierte Einwohner einen Migrationshintergrund" Nicht schlecht! Auch soviele kommen wir hier nicht. Und wir haben echte Ghettos in Form ganzer Stadtteile, die quasi anderssprachig sind.
sprechweise, 27.07.2011
2. Wie bitte
Zitat von sysopDie Attentate des Anders Behring Breivik gelten als erste anti-muslimische Terrorakte in Europa. Doch was bedeuten sie für die 150.000 Menschen islamischen Glaubens in Norwegen? Besuch in der größten Moschee Skandinaviens. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,776822,00.html
"erste anti-muslimische Terrorakte" ich habe keinen einzigen Bericht gelesen, der Muslime als gezielte Opfer des Attentats nennt. Wie kommt der Spiegel zu so einer Aussage? Da fehlt es mir erheblich an Wahrhaftigkeit Mag sein, dass Muslime unter den Opfern sind, aber das waren auch welche am 9/11?
Fünfeinhalb 27.07.2011
3. .
Zitat von LeisureSuitLenny"In Oslo hat jeder vierte Einwohner einen Migrationshintergrund" Nicht schlecht! Auch soviele kommen wir hier nicht. Und wir haben echte Ghettos in Form ganzer Stadtteile, die quasi anderssprachig sind.
Da können Sie mal sehen, wie systematisch ausgegrenzt diese Mitbürger von vorne herein wurden!
das_dunkle_Orakel 27.07.2011
4. Genau
Zitat von sprechweise"erste anti-muslimische Terrorakte" ich habe keinen einzigen Bericht gelesen, der Muslime als gezielte Opfer des Attentats nennt. Wie kommt der Spiegel zu so einer Aussage? Da fehlt es mir erheblich an Wahrhaftigkeit Mag sein, dass Muslime unter den Opfern sind, aber das waren auch welche am 9/11?
UND Wieso ist dieser Mann ein rechtsradikaler. Für mich ist er ein christlicher Extremist. Wo auch immer das hin passt.
alexkie 27.07.2011
5. Das stimmt nicht so ganz
Zitat von LeisureSuitLenny"In Oslo hat jeder vierte Einwohner einen Migrationshintergrund" Nicht schlecht! Auch soviele kommen wir hier nicht. Und wir haben echte Ghettos in Form ganzer Stadtteile, die quasi anderssprachig sind.
In Bremen liegt der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund auch bei ca. 25%. Das dürfte in den anderen Großstädten ähnlich sein.
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