Jörg Diehl

Muslimischer Schützenkönig Du sollst nicht heucheln

Ein westfälischer Schützenkönig soll seinen Titel verlieren, weil er kein Christ ist. Lachhaft. Die Religion ist bei den dörflichen Gelagen doch bloße Staffage.
Weihbischof Heiner Koch beim Gottesdienst im Zelt eine Schützenvereins (2006): Im Hochamt die Hände gefaltet

Weihbischof Heiner Koch beim Gottesdienst im Zelt eine Schützenvereins (2006): Im Hochamt die Hände gefaltet

Foto: Martin Gerten/ picture-alliance/ dpa

Waren Sie schon einmal auf einem Schützenfest? Nein? Seien Sie froh!

Ich bin auf dem Land groß geworden, in einer Gegend, in der man erstens katholisch war, zweitens CDU wählte und drittens Mitglied im Schützenverein-Fußballklub-Musikzug war. Es gibt Schlimmeres, aber schön war das nicht immer.

Zum Beispiel jedes Jahr im Spätsommer, wenn die Abende kühler wurden und das Dorf sich herausputzte: wehende Fahnen, frisch polierte Ford Sierras und Hausfrauen, die sich in sehr lilafarbene Kleider zwängten, während ihre Männer sich lindgrüne Anzüge mit Goldknöpfen und Fantasieorden antaten.

Dann marschierten die Kostümierten durch die Straßen, zogen in ein Festzelt und tranken eine beachtliche Menge Alkohol. Und schon bald kam es dort und anderswo, jedoch mit schöner Regelmäßigkeit, zu Ausschweifungen, über die ich aus Gründen der Diskretion schweigen möchte. Nur so viel: Die Gebote sechs und neun … schwierig.

Am nächsten Morgen saßen die Herrschaften dann alle mit gefalteten Händen in der Kirche und machten andächtige Gesichter. Wahrscheinlich, weil sie dem Herrgott in dieser verkaterten Stunde ganz nahe waren.

"Für Glaube, Sitte, Heimat" lautet das Motto des Bundes der Historischen Schützenbruderschaften (BHDS), der nun einen Schützenkönig aus dem Westfälischen Sönnern vom Thron stoßen will, weil er Muslim ist. Ein lächerliches Vorhaben, wenngleich fast konsequent. Sitte auf einem Schützenfest? Ich bitte Sie!

Der christliche Glaube ist bei diesen Veranstaltungen in Wahrheit auch nicht mehr als der Deckmantel für ein vogelwildes Volksfest. Er ist Fassade, genau wie Uniformen und Ballkleider, wie Hochsteckfrisuren und Orden. Nach außen fromm und bieder, doch eigentlich Mensch und Sünder.

Interessanterweise fiel ja selbst in Sönnern offenbar lange Zeit weder dem Verein noch dem Schützenkönig auf, dass die Religion ein prägendes Merkmal ihrer Gemeinschaft sein könnte: Wie, ach, ein Muslim darf bei uns nicht mitmachen?

Insofern verwundert es wenig, dass auch den BHDS in dem aktuellen Streitfall nur zu interessieren scheint, welche Glaubensgemeinschaft auf dem Steuerbescheid notiert ist. Hauptsache, die Form ist gewahrt, Ordnung muss sein.

Sollten die Schützenbrüder hingegen einmal Ernst machen mit ihrem Slogan und dazu übergehen, bei ihren Zusammentreffen tatsächlich christliches Verhalten einzufordern, könnten ihre Feste schnell gänzlich andere Veranstaltungen werden. Und auch das sonntägliche Hochamt wäre keine derartige Heuchelei mehr.

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