Nach der Wehrpflicht Zeidlers Zivis

Sie wuschen, cremten, fütterten ihn, 34 Jahre lang. Seit drei Monaten kommen keine Zivis mehr zu Karl Zeidler, ihr Dienst ist abgeschafft. Zurück bleibt ein Mann, der seine Helfer wie Freunde empfing. Und sie als Männer gehen ließ, die das Leben schätzen.

SPIEGEL ONLINE

Von Jochen Brenner, Bammental


Sie haben ihn befreit, das hat er ihnen nie vergessen, jetzt sind sie weg. Karl Zeidler sieht ihnen nach, als stünde er mit seinem Rollstuhl auf einem Bahnsteig und die 70, 80 Männer, die in den vergangenen 34 Jahren seine Zivis waren, säßen alle zusammen in einem Zug, der gerade aus dem Bahnhof rollt. "Sie haben mir ihre Muskelkraft geliehen", sagt Zeidler, 65 Jahre alt, ein bisschen wehmütig. "Sie waren so frisch, so jung, so leistungsfähig."

Wer zu Karl Zeidler ging, um bei ihm seinen Zivildienst abzuleisten, der wurde zu seiner rechten Hand. Und zu seiner linken. Der gab ihm zu trinken, in kleinen Schlucken und brachte ihn zu Bett. Nachts standen seine Zivis auf, dreimal, um Mitternacht, um 3, um 6, um Karl Zeidler in seinem Bett zu drehen, seine Alpträume zu verjagen und die Flasche zu bringen.

Morgens frühstückten sie mit ihm, wuschen ihn, zogen ihn an. Dann fuhren sie zurück in ihre Wohngemeinschaften, schliefen, tranken Bier, und nicht wenige rauchten, was auf dem Balkon gewachsen war. Der Nächste war dran.

Sie hatten noch keine eigene Geschichte, aber viel vor

Der Zivildienst war immer eine Zeit, in der der Staat seine jungen Männer dazu zwang innezuhalten, anfangs zwölf Monate, in den Achtzigern 20, am Ende nur noch neun. Die Abiturienten hatten Zeit, darüber nachzudenken, wie es mit ihnen weitergehen sollte. Die anderen ein Jahr Ruhe vor ihrem Job. Unterdessen halfen sie irgendwo mit.

Wo sie auftauchten, waren sie Ausnahmeerscheinungen: weil sie nur auf der Durchreise waren, als Pfleger im Krankenhaus oder Helfer einer Großküche. Sie hatten mit 19 noch keine eigene Geschichte, aber viel vor. Manche brachten Leben in ein Altersheim. Und einige saßen den Dienst einfach ab. Sie waren billig.

Karls Zeidlers Zivis machten eine Arbeit, die sie sich ausgesucht hatten. Wie alle hatten sie den Dienst mit der Waffe verweigert, sich auf das Grundgesetz und ihr Gewissen berufen und hätten dann auch Hausmeister in der Jugendherberge werden können, Essensausfahrer oder Wärter im Vogelschutzreservat.

"Einige hatten Hemmungen"

Vielleicht war es aber die Suche nach Sinn, die die jungen Männer zu Karl Zeidler nach Bammental brachte. Vielleicht Naivität und manchmal Zufall. Schwerstbehindertenbetreuung bei einem Muskelkranken. Das schreckte manche ab.

"Die Arbeit bei mir bestand immer darin, Grenzen zu überschreiten", sagt Zeidler. "Einigen fiel das schwer."

Aber für Hemmungen war an einem Tag mit Karl Zeidler kein Platz. Die Zivis drangen nicht nur in seine Intimsphäre ein, sie mussten sich dort auch ein festes Plätzchen suchen: beim Duschen, Abführen, aber eben auch am Abendbrottisch mit Zeidlers Familie. Wenn sein Sohn als kleiner Junge nicht tat, was der Vater ihn hieß. Wenn seine Frau und er sich das Recht herausnahmen, lautstark nicht einer Meinung zu sein.

In 34 Jahren sind einige zusammengekommen, die diese Nähe nicht ertragen haben. "Einer rief an und sagte: 'Ich komm nicht mehr'", sagt Zeidler. "Aber die ganz große Mehrheit ist bei mir geblieben."

Karli mit dem sonnigen Gemüt

Er hat es ihnen leicht gemacht. Zeidler ist ein fröhlicher Mann, ein hintersinniger Erzähler, der sich auf die Kraft der Worte zu verlassen gelernt hat. Der mit einer tiefen Stimme und Allgäuer Einschlag melodiös aus seinem Leben berichtet.

Als er ein kleiner Junge ist und immer schlechter gehen kann, weil die Muskeln nicht mehr wollen, da sagt seine Mutter: "Wir können froh sein, dass unser Karli ein so sonniges Gemüt hat."

Heute überwindet er mit Selbstironie die Hürden, die den Alltag verstellen. Die ständigen Befehle etwa, die er geben muss, sagt Zeidler, "eine Gabel Püree, einmal am Kinn kratzen, ein Schluck Wasser", machten ihn zu einem "Imperator wider Willen".

Das ist ein Bild, mit dem er jetzt seit Jahren arbeitet. Es klärt das Verhältnis von Zivis und Zeidler. "Ich kann nicht jedes Mal 'bitte' sagen, trotzdem ich es vielleicht meine."

Zeidler hat die Abhängigkeit früh in sein Leben lassen müssen. Lange helfen ihm die Eltern durch den Alltag. Der Vater hebt den Sohn durch die Welt, die Mutter bringt ihn ins Bett. Bis Karl längst kein Kind mehr ist.

1977 im Herbst stellt sich ein junger Mann bei Karl Zeidler vor, nur zehn Jahre jünger als er selbst. Es ist ein Zivi, ein Kriegsdienstverweigerer, einer von denen, die es damals noch schwer haben, wenn sie nicht zum Bund gehen.

"Durch ihn habe ich mich nicht behindert gefühlt"

Da hocken sie dann bei Zeidlers am Frühstückstisch: der Vater, die Mutter, der Karl und der Zivi. "Und plötzlich stand mir die Welt offen."

Zeidler verreist mit ihm, es ist eine Befreiung. "Durch ihn habe ich mich nicht behindert gefühlt." Tagelang sind sie weg, keiner zählt die Arbeitsstunden, fragt nach Ausgleich. Mit dem Zug reisen sie nach Köln, Bonn, später nach Hamburg und Berlin.

Damals ist er 31, und in den 34 Jahren, die seither vergangen sind, hat Zeidler seine Helfer mit sanftem Druck durch sein eigenes Leben navigiert. Sie haben gekocht, was er gekocht hätte, geputzt, wenn es an ihm gewesen wäre. Sie waren still dabei, wenn Karl Zeidler seinem Sohn Benjamin ein Vater war.

Über die Jahre lernen die Zeidlers, dass sie als Familie zu dritt sind, aber komplett nur mit Zivi. In der Küche haben sie ihm eine gemütliche Ecke eingerichtet, mit Lehnstuhl und Zeitschriften. Drei Jahrzehnte lang saßen hier junge Männer und warteten darauf, dass "der Karl" sie rief. Geduzt haben sie sich immer.

Heute wechseln sich acht Helfer bei Karl Zeidler ab, und "nichts ist schlechter geworden", sagt er. "Unser Verhältnis ist anders. Die Zivis waren unbeschriebene Blätter, offen, auch naiv." Für die Assistenten heute ist die Arbeit bei ihm eine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. "Ich muss stärker auf das Privatleben meiner Helfer Rücksicht nehmen", sagt er. Terminabsprachen sind komplizierter geworden, "der Zivi musste zum Dienst antreten, der Helfer muss das nicht".

Manche Gesichter blieben hängen, andere nicht

Karls Männer sind jetzt zwischen 25 und 53 Jahre alt, Menschen mit Vergangenheiten, Vorlieben, Familien. Die meisten bleiben länger, als der Ersatzdienst zuletzt dauerte.

"Ich habe die Zivis ein wenig idealisiert", sagt Zeidler heute, wenn er in Gedanken die vielen Männer durchgeht, die bei ihm ein- und ausgingen. Manche Gesichter blieben hängen, andere nicht. Mit einigen unterhält er Kontakt, einen aus der Anfangszeit wird er bald besuchen.

Doch die Zahl der Männer, die Karl Zeidler kennenlernen, wächst jetzt nicht mehr. Die Wehrpflicht ist abgeschafft, zum Freiwilligendienst meldet sich kaum jemand.

Wenn sie der Staat nicht gezwungen hätte - viele von Karl Zeidlers Helfern hätten ihn niemals kennengelernt.

Dass er, der nichts mehr kann, sie, die alles konnten, etwas über das Leben lehrte: Das haben die meisten Zivis erst Jahre später begriffen.



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.