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05. April 2010, 16:43 Uhr

Nackt in Portland

Das Frauenrecht auf Bauarbeiter-Look

Für US-Zeitungen war die Nachricht eine willkommene Skurrilität am Osterwochenende: Rund zwei Dutzend Frauen zogen halbnackt durch Portland, um für das Recht auf freien Oberkörper zu demonstrieren. Jetzt läuft eine Debatte über Sinn und Unsinn, Moral und Bigotterie.

Hamburg - Was passiert, wenn zwei Dutzend Frauen mit entblößtem Oberkörper durch eine Stadt ziehen? Die Antwort darauf ist ortsabhängig. In vielen europäischen Städten würde wahrscheinlich wenig passieren, in islamischen Staaten dagegen eine Menge. Auch in Amerika kommt es darauf an, wo frau sich befindet: Dort gibt es Bundesstaaten, in denen sie schon mit öffentlichem Stillen einen Eintrag in die Sexualstraftäter-Datei riskiert, und andere, in denen die Zurschaustellung blanker Brüste zumindest in Strandnähe akzeptabel ist.

Auch in Portland, Maine, passiert von Seiten der Ordnungshüter wenig: Das wussten die rund zwei Dutzend Frauen, die dort am Wochenende für ihr Recht auf Selbstentblößung demonstrierten. Die Reaktionen der vornehmlich männlichen Öffentlichkeit zeigten dagegen, wie weit formales und wahrnehmbares Recht mitunter auseinanderklaffen: Die Demonstration wurde begleitet von Spott, anzüglichen Rufen und zahlreichen Gaffern mit Kameras.

Das empört die Frauen nun sehr, berichtete am Sonntag der "Portland Press Herald". "Ich bin überrascht und wütend, dass eine regelrechte Wand von Männern dastand und guckte", sagte Organisatorin Ty MacDowell dem Blatt zufolge und monierte vor allem eins: "Viele Menschen haben Fotos gemacht, ohne zu fragen."

Dies aber, heißt es lästernd in Online-Kommentaren, hätten sich die Frauen vorher denken können. Bei Vimeo schreibt ein Nutzer, die Demonstration sei in ein "Foto-Shooting mit den hübschen Mädchen" übergegangen, was "die hässlichen Mädchen" wiederum ziemlich aufgeregt habe.

Ein Blogger kritisiert hingegen die Reaktion der Männer: Offenbar hätten viele männliche Bewohner von Maine noch nie eine nackte Brust gesehen.

Dabei gibt es in Maine eigentlich nichts, wogegen frau hätte demonstrieren müssen. Der Bundesstaat im äußersten Nordosten der USA ist einer von derzeit nur sieben, wo Frauen keine Verhaftung befürchten müssen, wenn sie T-Shirt und BH ablegen. Prinzipiell können sie dort überall, wo auch Männer das dürfen, das Recht auf Selbstentblößung wahrnehmen.

In der Praxis sieht das jedoch meist anders aus: Der nackte Männer-Oberkörper ist gesellschaftlich toleriert, seine sexuellen Konnotationen werden ignoriert. Die weibliche Brust als sekundäres Geschlechtsmerkmal wird dagegen mitunter behandelt wie ein primäres.

Genau das ist der Anlass für zahlreiche Demonstrationen, die die USA seit einigen Jahren vornehmlich zum Weltfrauentag am 8. März und zur Sommerzeit erleben. Die Bewegung Toplessness, in der Gleichberechtigungsgruppen mit FKK-Bewegungen, aber auch der bizarren Rael-Religion koalieren, hat nur ein Ziel: freie weibliche Oberkörper überall dort, wo Männer sich auch so zeigen dürfen. Seit 2005 marschieren sie mit zunehmender Regelmäßigkeit.

Die Heldinnen der Toplessness-Bewegung sind Frauen wie Liz Book, die ihr in Kalifornien verbrieftes Recht auf "oben ohne" zweimal erfolgreich vor Gericht verteidigte, und Phoenix Feeley, die 2005 in New York ohne rechtliche Grundlage verhaftet wurde und 2007 dafür ein Schmerzensgeld von 29.000 Dollar kassierte.

Der nächste nationale GoTopless-Tag ist für den 22. August 2010 angesetzt.

pat

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