Tadeusz Slowikowski Ein halbes Leben auf der Suche nach dem Nazi-Zug

Seit 40 Jahren sucht Tadeusz Slowikowski einen verschollenen Nazi-Zug. Nun wollen zwei andere Schatzsucher ihn unter der Erde in Walbrzych entdeckt haben. Was bedeutet das für den alten Mann und seinen Traum?

AP

Von , Walbrzych


Jede Nacht passieren zig Züge das Schlafzimmer von Tadeusz Slowikowski, er träumt aber nur von einem einzigen Zug.

Die Wohnung des 84-Jährigen liegt wenige Meter von den Gleisen entfernt, mitten in Walbrzych - einer Stadt in Niederschlesien, die seit Kurzem weltberühmt ist: Hier wollen zwei Schatzsucher einen gepanzerten Nazi-Zug unter der Erde entdeckt haben; jenen Zug, nach dem Slowikowski, pensionierter Bergmann und passionierter Heimatforscher, über 40 Jahre seines Lebens gesucht hat.

Slowikowski sitzt auf einem Ledersessel mit abgewetzten Armlehnen und erzählt seine Geschichte. Seine Augen sind müde, seine Hände wach wie die eines Jugendlichen. Schnelle Gesten, die sein Alter vergessen lassen, wäre da nicht die Haut, wie gegerbtes Leder. Diese Hände greifen immer wieder nach vergilbten Papieren, nach selbst erstellten Karten, nach alten Grabungsgenehmigungen, nach Fotos mit Fundstücken, Loks und Nazis, nach Zeitungsartikeln, die sein Gesicht und die Gleise um den 61. oder 65. Kilometer der Strecke zwischen Wroclaw und Jelenia Gora zeigen. Da, wo Slowikowski den Nazi-Zug schon vermutet hatte, lange bevor die Männer den Fund meldeten.

Auf dem Boden liegen Ordner, sie quellen über vor diesem Archiv eines Lebens, das sich der Suche nach einem Mythos verschrieben hat.

Wieso macht man so was? "Ich mag die Wahrheit", sagt Slowikowski und macht eine Pause, eine der wenigen in diesem Gespräch. "Ich wollte dieses Geheimnis lüften."

Seine Mutter starb in Auschwitz

Tadeusz Slowikowski in seinem Wohnzimmer
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Tadeusz Slowikowski in seinem Wohnzimmer

Das Geheimnis erfährt Slowikoski, dessen Mutter in Auschwitz ermordet wurde und der als junger Mann im Krieg Schutz bei einem Deutschen fand, in den Fünfzigerjahren. Damals arbeitet er als Bergmann in Walbrzych und nimmt einen Deutschen vor seinen polnischen Kollegen in Schutz, gewinnt so das Vertrauen jener Deutschen, die nach dem Krieg hier geblieben waren. Aus Dank erzählt ihm ein anderer von dem Nazi-Zug und dem Versteck an der heutigen Bahnstrecke bei Walbrzych.

Slowikowski hat sich diesem Mythos mühsam angenähert, hat vor Ort gegraben und geforscht, Informationen gesammelt, in Büchern, Karten, Dokumenten und durch Gespräche. "Die glaubwürdigsten kamen von Leuten, die wissen, wie Tunnel von innen aussehen: Bergleute", sagt er. "Mit der Zeit habe ich ein Puzzle zusammengesetzt. Oder zumindest die Teile, die ich hatte."

Slowikowski ist sich heute sicher, dass es den Zug gibt. Aber er sagt: "Wer weiß, was in diesem Zug ist? Das Gerede vom 'goldenen Zug' ist eine Legende. Mich interessieren Fakten."

Hinter ihm stehen Bücher über Eisenbahnen, über Hitlers Quartiere, über Auschwitz, immer wieder durchbrochen von polnischen Nationalhelden: Papst Johannes Paul II. auf einem Keramikteller, Marschall Jozef Pilsudski als Mini-Büste. "Ich habe alles von Albert Speer gelesen", sagt Slowikowski. Speer war mit dem Bauvorhaben "Riese" beauftragt, für das die Erde unter Walbrzych, rund um das Schloss Ksiaz, von einem kilometerweiten Tunnelsystem durchbohrt wurde.

Tunnel aus dem "Projekt Riese"
REUTERS

Tunnel aus dem "Projekt Riese"

Irgendwo in diesem System, das die Nazis nicht vollendeten, soll ein sagenumwobener Zug voller Gold stecken, der sein Ziel nie erreicht hat. So geht die Legende.

Slowikowski hat sich in all den Jahren nicht nur mit dem Zug befasst, auch mit der Suche nach Nazi-Hubschraubern oder nach Gräbern ermordeter Juden. Doch immer wieder, sagt er, habe ihn der Zug verfolgt. Immer wieder sei er an die polnischen Behörden herangetreten, damit sie Untersuchungen einleiteten. Nichts ist passiert. Bis jetzt.

Dass nun andere den Anstoß gaben, stört ihn offenbar nicht. "Ich freue mich sehr über ihren Fund", sagt Slowikowski. "Mir geht's ja nur darum, dass man den Zug entdeckt."

"Noch nie einen Groschen bekommen"

Seit Stunden erzählt Slowikowski, von der Suche, von dem Zug, vom Leben. Als habe er seit Jahren darauf gewartet. Das Einzige, was seine Erzählung unterbricht, ist alle zehn Minuten das Klingeln des Telefons im Flur. Sein jüngster Sohn Marek, 49, geht immer ran. Er ist heute der Sekretär des Vaters, sagt Sätze wie "Ich kann Ihnen noch einen Termin heute Abend anbieten" oder "Nein, mein Vater ist ausgebucht" in den Hörer. Jetzt, wo der Zug gefunden sein soll, will jeder mit Tadeusz Slowikowski sprechen.

Marek spielt nicht nur den Sekretär, sondern auch den Manager. Er bietet an, mehr Informationen über den Zug preiszugeben als sein Vater. Er wisse schließlich Bescheid, habe als kleiner Junge schon an Expeditionen des Vaters teilgenommen, könnte noch mehr Dokumente aus einem Safe in einer Bank holen. Kostenpunkt: 1000 bis 5000 Euro.

Die Menschen in Walbrzych wollen von dem Hype profitieren. Von einem Zug voller Gold, der vielleicht kein Gold in sich hat, der vielleicht auch gar nicht unter der Erde von Walbrzych liegt, der vielleicht doch nur eine Legende ist, wie Polens Kulturministerin Malgorzata Omilanowska am Mittwoch nahelegte und damit ihrem Stellvertreter widersprach.

Tadeusz Slowikowski ist anders. "Ich habe noch nie einen Groschen für meine Suche bekommen", sagt er, "und das erwarte ich auch nicht. Dabei habe ich jeden Groschen da reingesteckt." So habe er sich zumindest das Rauchen abgewöhnt, scherzt er, Zug statt Zigaretten. Dass er wohl nicht an einer Belohnung beteiligt würde, welche die zwei Finder verlangt hatten, ist ihm egal.

Slowikowski steht aus dem Ledersessel auf, geht zur Terrasse, für kurze Zeit hat er keinen Termin in diesen turbulenten Tagen. Er blickt lange in Richtung Gleise, als sehe er Gespenster.

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