Tödlicher Giftmüll in Italien "Der Krebs ist wie ein Schatten"

Illegal verklappte Industrieabfälle und gefährliche Giftmüllfeuer: Die Region Kampanien erstickt an den Folgen der Komplizenschaft von Mafia und Unternehmen. Unter den Opfern sind besonders viele Kinder.
Von Annette Langer und Roberto Salomone (Fotos)
Der dreijährige Giorgio Punzo wird in Cesa bei Neapel zu Grabe getragen. Er starb an Krebs.

Der dreijährige Giorgio Punzo wird in Cesa bei Neapel zu Grabe getragen. Er starb an Krebs.

Foto: Roberto Salomone

Manchmal, wenn der Gestank auf der Straße so widerwärtig und beißend war, dass es im Rachen kratzte, ging Marzia Caccioppoli nachts ins Zimmer ihres Sohnes Antonio und schloss die Fenster.

Ursprünglich war sie in die Randgemeinde Casalnuovo gezogen, um der schlechten Luft in Neapel zu entkommen. Doch dann schraubten sich immer häufiger Rauchsäulen in den Himmel. Unbekannte legten nachts heimlich Feuer, um Giftmüll zu verbrennen – die Mafia war dazu übergegangen, die illegale Verklappung von Abfällen um ein so billiges wie gefährliches Verfahren zu erweitern.  

"Der Müll ist Gold"

"Der Müll ist Gold", sagte schon 1992 der damalige Camorra-Boss Nunzio Perrella nach seiner Festnahme. Anders als beim Drogenhandel sei die Rendite im Abfallbusiness größer, das Risiko geringer. Indem sie die marktüblichen Entsorgungspreise spektakulär unterbietet, schließt die Camorra seit vielen Jahren Allianzen mit müllproduzierenden Unternehmen weltweit – und macht sie zu Teilen ihres kriminellen Imperiums. Mit desaströsen Folgen.

Umweltaktivisten und Bürgerinitiativen beobachten einen Anstieg der Krankheiten im sogenannten Dreieck des Todes zwischen Neapel, Caserta und Nola. Aggressive Verläufe von Krebserkrankungen haben Erwachsene, aber auch etliche Kinder das Leben gekostet.

Der neunjährige Antonio starb im Juni 2013 an einem schnell wachsenden Hirntumor. Seine Mutter ist sich sicher: "Der Giftmüll, der ruchlose Pakt zwischen Mafia, Staat und Unternehmen haben mein Kind getötet."

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Mafia und Giftmüll: "Mein Land ist gemartert und müde"

Foto: Roberto Salomone

Es ist schwer nachzuweisen, ob eine onkologische Erkrankung durch Umweltschäden provoziert wurde. Zu viele Faktoren wirken bei der Krankheitsentstehung zusammen. "Es gibt keinen statistischen Beweis dafür, dass die illegale Müllentsorgung in Kampanien die Zahl der Krebsfälle erhöht hat", sagt Francesco Vetrano, der für das Kinderkrebsregister die Situation in der Region von 2008 bis 2012  untersucht hat.

Seinem Bericht zufolge unterscheiden sich die Krebshäufigkeit und die Sterblichkeitsrate bei Kindern und Jugendlichen aus Kampanien nicht vom landesweiten Durchschnitt. Nur Schilddrüsenkrebs bei Heranwachsenden sei in Kampanien häufiger anzutreffen als in anderen Regionen.

Im "Land der Feuer"

Die Realität der Menschen, die im verseuchten "Land der Feuer" leben, ist eine andere: "Ich habe in den vergangenen Jahren weit über hundert Menschen an Krebs sterben sehen", sagt Marzia Caccioppoli. Bis in die Neunzigerjahre seien Krebserkrankungen bei Kindern in ihrer kaum industrialisierten Heimat selten gewesen. Heute gebe es in vielen Familien gleich mehrere Betroffene: "Erst im Oktober ist ein Mitglied unserer Elterninitiative, Tina Tammaro, mit 48 Jahren an Krebs gestorben. Ihr Sohn war zehn Jahre alt, als der Krebs ihn tötete, sein Bruder kämpft gegen einen Gehirntumor."

Marzia Caccioppoli, Mutter des an Krebs verstorbenen Antonio

Marzia Caccioppoli, Mutter des an Krebs verstorbenen Antonio

Foto: Roberto Salomone

Caccioppolis eigener Sohn starb an einem Glioblastom, einem Hirntumor, der in der Regel im Alter zwischen 60 und 70 diagnostiziert wird und bei Kindern selten ist. Nur ein bis fünf Prozent der Krankheitsfälle werden als erblich bedingt eingeschätzt. Als Umweltfaktor, der ein Glioblastom begünstigen kann, haben Forscher ionisierende Strahlung  ausgemacht. Ist Antonio Opfer des radioaktiven Abfalls geworden, den die Mafia im Erdreich versenkt hat?

Mehr Krebstote als im Durchschnitt der gesamten Region

Der italienische Verband "Ärzte für die Umwelt" stellte schon 2013 einen deutlichen Anstieg der Krebserkrankungen in bestimmten Gemeinden Kampaniens fest. Laut einer im "Journal of Cellular Physiology " veröffentlichten Pilotstudie vom Dezember wurden bei Krebspatienten aus der Stadt Giugliano erhöhte Schwermetallkonzentrationen im Blut gemessen – zum Beispiel Quecksilber und Kadmium. Giugliano war schon bei einer anderen Untersuchung vom Juni 2019 aufgefallen, weil es hier mehr Krebstote gab als im Durchschnitt der gesamten Region.

Auch das 14 Kilometer entfernte Caivano ist so ein Ort. Hier predigt Maurizio Patricello, der sich seit 2012 für die Opfer der mafiösen Umweltzerstörung engagiert, "seit sich in meiner Gemeinde ein Begräbnis an das andere reiht". In Kampanien fielen jeden Tag 6000 Tonnen illegaler Industriemüll an, berichtet der Geistliche. Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit in den Unternehmen hätten zu einer Komplizenschaft mit der Mafia geführt, die illegal produzierte Abfälle aus Italien und dem Ausland in Kampanien verklappt. Auch aus Deutschland. "Die reichen Industriellen in weißer Weste sind genauso skrupellos wie die Mafiosi mit abgesägter Schrotflinte", sagt er.

Don Maurizio, katholischer Priester aus Caivano, kämpft gegen die Öko-Mafia

Don Maurizio, katholischer Priester aus Caivano, kämpft gegen die Öko-Mafia

Foto: Roberto Salomone

In der berüchtigten Deponie "Resit" versenkte die Camorra einst unter anderem Gerbereischlamm aus der Toskana. Auf dem 60.000 Quadratmeter großen Areal gasten, stanken und gammelten eine Million Kubikmeter Müll vor sich hin – ein Drittel davon Industrieabfall. Das Gelände wurde dekontaminiert und bis 2019 für sechs Millionen Euro in einen Wald umgewandelt.

Verantwortlich für das Umweltdesaster war der "König der Ökomafia", Cipriano Chianese, der wegen Umweltverschmutzung und Wasservergiftung zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Möglich wurde dies durch ein Gesetz aus dem Jahr 2015, das erstmals Umweltverbrechen in Italien unter Strafe stellte.

Im "Land der Feuer" lauern auf einer Fläche von 1474 Quadratkilometern etliche Millionen Tonnen hochtoxischen Mülls. In den Neunzigerjahren wussten noch nicht mal die örtlichen Mafiosi, was sie da in der Erde vergruben - Dioxin, Arsen, Asbest, Uran. Einige Camorristi bauten sich sogar auf den Giftmüllbergen Villen. Glaubt man den Aussagen des Mafioso Carmine Schiavone, kamen auch Lastwagen aus Deutschland – mit nuklearen Abfällen.

"Du bist zu jung - und du redest zu viel"

"Schiavone hat sich als Aufklärer inszeniert, aber ich glaube, er hat nur aus Berechnung mit den Behörden kooperiert", sagt Marzia Caccioppoli, die den mutmaßlich 50-fachen Mörder vor seinem Tod in einer Talkshow traf. "Als er über das Giftmüll-Business der Camorra aussagte, wusste er schon jahrelang davon und hat in Kauf genommen, dass Kinder sterben." Nein, sie habe kein Mitleid in Schiavones Augen gesehen. Zum Abschied habe er ihr gesagt: "Mädchen, du bist zu jung – und du redest zu viel." Auch der streitbare Don Maurizio erhält immer wieder Warnungen, die er beharrlich ignoriert. "Ich nehme jeden Tag, wie er kommt." 

Derweil wird weiter gestorben. "Ich höre fast jeden zweiten Tag von neuen Diagnosen", berichtet Cacciopoli. "Der Krebs ist wie ein Schatten. Sobald ich irgendwo Schmerzen habe, ist die Angst da." Sicher, es gebe Politiker, die sich engagierten. Doch eine Evakuierung und der Wiederaufbau der kontaminierten Zonen sei so kostenintensiv, dass viele vor der Aufgabe zurückschreckten. Auch die, die nicht mit der Camorra im Bunde stünden. "Um uns herum herrscht das totale Schweigen", sagt Cacciopoli. "Der Staat lässt uns im Stich."

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Mafia und Giftmüll: "Mein Land ist gemartert und müde"

Foto: Roberto Salomone

Die EU-Kommission hat Italien mehrfach gerügt für dessen massive Verstöße gegen Umweltauflagen – darunter die Duldung 5000 illegaler Mülldeponien. Kampaniens Regionalregierung und der Umweltminister in Rom beklagen abwechselnd mangelnde finanzielle Unterstützung und werfen sich gegenseitig politisches Versagen vor. Völlig untätig sind sie nicht.

Anfang Februar präsentierte der parteilose Umweltminister Sergio Costa einen Aktionsplan für das "Land der Feuer": Demnach sollen Polizei und Armee in Zukunft verstärkt patrouillieren, Drohnen und Flugzeuge der Luftwaffe illegale Feuer kartografieren. Das Ministerium will 500 Kameras in Gemeinden installieren, die Finanzpolizei soll verstärkt im Bereich organisierte Kriminalität ermitteln. Kontrolle ist wichtig – aber letztlich wirkungslos, wenn sie durch mafiöse Unterwanderung der Politik unterminiert wird. 

"Ich habe nicht das geringste Vertrauen in die Institutionen"

Der Fotograf Roberto Salomone, der das Desaster mit der Kamera dokumentiert hat, ist skeptisch: "Im Land der Feuer vollzieht sich die größte ökologische Katastrophe Europas", sagt er. Während die Politik versage, würden weiter Agrarprodukte auf den kontaminierten Böden angebaut, "der berühmte Mozzarella-Käse aus Castel Volturno wird bis nach Alaska exportiert".

Absurderweise mischten jetzt "ausgerechnet die Verursacher der Katastrophe im Giftentsorgungsgeschäft mit", so der Fotograf. Etliche Firmen in Kampanien seien in diesem Segment tätig, viele von ihnen stünden mit der Mafia im Bunde. "Das Müllgeschäft bedeutet Geld, und das lässt sich die Camorra nicht entgehen."

Zwar hätten Bürgerinitiativen, Kirche und Aktivisten vieles erreicht. "Ich habe aber nicht das geringste Vertrauen in die Institutionen meines Landes." Die Camorra sei eine mächtige mafiöse Struktur, die von der Politik unterstützt werde. "Die kommenden Generationen sind dazu verdammt, Angst zu haben - vor der Camorra, vor vergifteten Lebensmitteln, vor Krankheit und Tod durch Giftmüll."

Ende Januar wurde in der Gemeinde Cesa bei Neapel ein kleiner weißer Sarg zu Grabe getragen. Darin lag der dreijährige Giorgio Punzo. Er starb an einem äußerst aggressiven Neuroblastom .