Nebenjob Edelhure "Ist das verwerflich?"

Sie begleiten ihre Kunden ins Theater, ins Restaurant - und ins Bett: Fünf-Sterne-Prostituierte wie Ashley Alexandra Dupré, die New Yorks Gouverneur Spitzer das Amt kostete, sind teuer - und sehr gefragt. Was fasziniert Besserverdiener am Callgirl-Sex? Und was reizt Frauen am Escort-Service?

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"Klient Nr. 9" hatte Sonderwünsche. Dafür ließ er die Edel-Prostituierte "Kristen" - alias Ashley Alexandra Dupré - von New York nach Washington einfliegen. In Zimmer 871 des Mayflower-Hotels ging es dann zur Sache. Keine vier Wochen später musste der Klient, New Yorks Gouverneur Eliot Spitzer, von seinem Amt zurücktreten.

Luxuslady: Die Hälfte der Klientel ist fest gebunden oder verheiratet.
Corbis

Luxuslady: Die Hälfte der Klientel ist fest gebunden oder verheiratet.

"Dumm gelaufen", sagt Nadine* und hebt beide Augenbrauen. Mit ihren dunkelbraunen Haaren und den hellblauen Katzenaugen eine aparte Erscheinung. Die 26-Jährige ist zierlich, die Oberweite unspektakulär, ihre Haut makellos. Ihre Jeans stecken in hohen Reiterstiefeln, sie trägt einen schwarzen Rollkragenpullover und ein Armband aus Perlen. An Nadine ist alles echt - und selbst verdient: Die BWL-Studentin jobbt als Callgirl. Eine Bezeichnung, die sie hasst. Sie zieht den Begriff "Model" vor.

"Der Fall Spitzer ist für beide unglücklich gelaufen – für das Model und den Gouverneur", sagt die gebürtige Frankfurterin. "Ich jedenfalls habe kein Interesse, auf diese Weise berühmt zu werden." Nadines Ziel ist ein anderes: Das Studium auf die möglichst angenehmste Art zu beenden, irgendwann zu heiraten und eine Familie zu gründen. "Ich sehe mich nicht als Prostituierte. Ich gehe gern mit Männern aus, die mir was bieten können, die was im Kopf haben, die mir nicht unterlegen sind." Dass ihr "Nebenjob" zwangsläufig im Bett endet, kommentiert sie mit einem gleichgültigen Schulterzucken: "Ist das verwerflich?"

"Eine Frau, die jeden Tag Sex hat? Das will der Kunde nicht"

"Zwischen der platten Prostitution und einem exklusiven Escort-Service liegen Welten, auch wenn es im Endeffekt um die gleiche Dienstleistung geht: Sex für Geld", sagt Martin Brent, seit vier Jahren Geschäftsführer des Escort-Services "Brentmodels". Er vermittelt Damen in Berlin, München, Hamburg, Köln, Frankfurt, Düsseldorf und Leipzig. Der "qualitative Unterschied" liege in der "Frequenz, in der die Models arbeiten. Wenn eine Frau jeden Tag Sex mit Männern hat, hinterlässt das Spuren. Das will der Kunde nicht."

Was will der Kunde denn? "Die Hauptmotivation des klassischen Kunden ist: Er möchte einen tollen Abend mit sehr gutem Sex und guter Laune haben. Er muss das Gefühl haben, dass die Frau, mit er erst an einer Bar gesessen hat und mit der er danach ins Hotel gegangen ist, auf ihn steht."

Ein Geschäft mit Illusionen. "Der Mann weiß, dass er für diese Geliebte bezahlt hat, aber er verdrängt es", sagt Brent. Anders als im Rotlichtmilieu ist das Thema Geld zwischen Klient und "Model" tabu. Der Abend wird damit - zumindest für die bezahlte Geliebte - zur ständigen Gratwanderung. "Die Frau kann mit einer Frage die ganze Stimmung zerstören." Brent nennt ein Beispiel: "Ein Kunde wünschte sich unangemeldet Französisch ohne Gummi, und das Model sagte: 'Das kostet mehr!' Damit hatte sie den Mann in die Realität zurückgeholt - er ließ das Date platzen."

Nadine blieb das bisher erspart. "Man muss schon Gefallen an sexuellen Abenteuern haben. Ich habe kein Problem mit One-Night-Stands, und wenn ich dafür dann noch ein paar hundert Euro bekomme - perfekt."

"Ein Date pro Monat reicht, aus Spaß mache ich meist zwei"

Nadines Eltern und ihre Brüder ahnen nichts von ihrem lukrativen Studentenjob. Die wenigen eingeweihten Freundinnen dienen sich selbst gelegentlich an. Eine angehende Ärztin, eine selbständige Friseurin, Kommilitoninnen. Andere Freunde denken, sie habe spendable Eltern oder nehme einen Geschäftsmann aus. "So ist es ja auch", sagt sie und zeigt beim Lachen wunderschöne Zähne. "Mir reicht ein Date pro Monat, aus Spaß mache ich meist zwei."

Eine Selbstwahrnehmung, die Experten nicht teilen. "Frauen, die sich von Begleitagenturen vermitteln lassen, machen nichts anderes als andere Prostituierte auch: Sexarbeit", sagt Veronica Munk von Amnesty for Women. "Egal, wie viel Geld die Callgirls nehmen."

Zwischen 1200 und 2300 Euro kostet ein Arrangement über Nacht, je nach Agentur. Zwei Stunden Abenteuer kosten zwischen 300 und 1000 Euro, 24 Stunden inklusive Übernachtung, Lunch und Dinner rund 2000 Euro. Am günstigsten sind die Damen lediglich zum Anschauen und Bewirten: Zwei Stunden zwischen 200 und 300 Euro, Sex ausgeschlossen. Der Kunde zahlt mit Kreditkarte oder in bar, dann aber diskret. "Das Geld wird nie persönlich ausgehändigt. Er legt es entweder auf den Kaminsims oder auf eine Kommode", sagt Agenturchef Brent.

"Je teurer, desto angenehmer ist es für beide Seiten", erklärt Nadine. "Ich fühle mich aufgewertet und nicht wie eine Hure aus der Herbertstraße, und der Kunde nicht als abgehalfterter Freier." Als angehende Diplom-Kauffrau definiert sie in diesem Zusammenhang Geld für sich als befreiend, für den Kunden als beruhigend.

Wichtig sei, dass die "Models" über ein festes Einkommen verfügten und nicht auf das Geld angewiesen seien, das sie als Callgirl verdienten, sagt Agenturchef Brent. "Wenn das eine Frau hauptberuflich macht, sind die Abnutzungserscheinungen zu groß." Zudem verliere sie ihre für das Escort-Gewerbe unabkömmliche Natürlichkeit.

"Der Kunde bevorzugt eine total natürliche, klassische, diskrete, niveauvolle Dame, mit der er sich gern zeigt und die er gern unterhält."

"Manchmal darf man sich beim Shoppen was aussuchen"

Nicht von ungefähr lautet die Bezeichnung für diese Begleiterinnen "Novizinnen": Es sind Frauen, die sich zum ersten Mal prostituieren, ohne professionelle Attitüde arbeiten und möglichst wenig nerven. "Man muss dem Kunden das Gegenteil von dem bieten, was er zu Hause sitzen hat, was er gewohnt ist - dann legt er einem die Welt zu Füßen", sagt Nadine. "Manchmal springt dabei auch ein Geschenk raus, man darf sich beim Shoppen was aussuchen oder es gibt einen Extra-Schein."

Untersagt in der Welt der gehobenen Escort-Agenturen sind kosmetische Verzierungen wie etwa Tattoos, Piercings, Vinylkrallen aus dem Nagelstudio und eine billige Aufmachung. "Das ist zu nuttig", sagt Nadine. "Man muss so aussehen, als könnte man tatsächlich die Partnerin des Mannes sein: Von außen klassisch, notfalls bieder, aber darunter dürfen es gern exklusive Dessous sein, meist auch Strapse." Neben dem Aussehen, sind Benimm, Auftreten, Ausstrahlung, gute Allgemeinbildung, gute Intuition sowie Taktgefühl gefragt. Fließend Englisch zu sprechen ist von Vorteil. "Die Models müssen eine Persönlichkeit haben. Nicht nur gut aussehen und ihren Arsch durch die Gegend tragen", fasst es Martin Brent zusammen.

Seriöse Agenturen verbriefen sich für Authentizität, was Alter, Aussehen und Ausstrahlung ihrer Damen angeht. Wer einen Porsche bestellt und einen Fiat Panda bekommt, bucht nicht mehr. "Der Kunde ist König", sagt die Geschäftsführerin eines renommierten Escort-Service, dessen Namen sie in der Presse nicht erwähnt wissen will. "Diskretion ist unser oberstes Gebot, auf Werbung sind wir nicht angewiesen."

Bordelle und der Strich sind diesen Männern zu vulgär

Der Kunde ist meist Geschäftsmann, zwischen 30 und 45 Jahren alt und kann sich den Luxus Escort-Service locker leisten. Er bucht per Mail oder Telefon. Die Hälfte der Klientel ist fest gebunden oder verheiratet. Bordelle, Laufhäuser, der Strich sind diesen Männern zu vulgär und indiskret. Sie haben Lust auf Sex ohne Verpflichtung. Die Verabredung findet immer nur in Restaurants oder Hotels statt, nie zu Hause. Die Agentur bucht und vermittelt. Kunde und Callgirl bekommen lediglich die Informationen übermittelt.

Sorge um die Frauen, die er den Besserverdienenden vermittelt, treibt den Escort-Geschäftsführer kaum um: "Ein gestörter Massenmörder sucht sich keine Frau auf diesem Weg", glaubt Brent zu wissen. "Dafür ist ihm der Aufwand viel zu groß."

Skandalträchtige Beispiele à la VW-Betriebsräte belegen, dass das Geschäft mit Luxusorgien boomt. "Natürlich organisieren wir auch Dates in Nizza und Monte Carlo mit Yacht und allem drum und dran. Aber solche Aufträge hat man nur ein paar Mal im Jahr", sagt Escort-Chef Brent.

Die Callgirls, die pro Abend 5000 Euro kassieren, haben ihre Kunden fest an sich gebunden und arbeiten meist selbständig. Martin Brent: "Die müssen sehr, sehr gut im Bett sein. Und natürlich sehr, sehr intelligent."

*Name von der Redaktion geändert

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