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13. Mai 2011, 10:39 Uhr

Neonazis in den USA

Hakenkreuz und Sternenbanner

Von , New York

Der Mord an dem US-Neonazi Jeff Hall zeigt vor allem eines: Auch in der amerikanischen Gesellschaft sind Rechtsextreme aktiv. Die meisten Hassgruppen sind zwar zersplittert und zerstritten. Bürgerrechtler warnen trotzdem.

Bei der Erinnerung an den Vorfall geriet Jeff Schoep schnell ins Schwärmen: Eine tolle "Schlacht" sei das gewesen, bei der sich seine "Kameraden" gegen die "bewaffneten Entarteten" zur Wehr gesetzt hätten. "Als alles vorbei war", schreibt Schoep auf seinem Blog, "hatten wir den Kommunisten-Abschaum in die Flucht geschlagen." Er selbst habe einen "Anarchisten" verprügelt: "Es war mir eine Ehre."

Schoep, 38, ist Chef des National Socialist Movement (NSM), der größten Neonazi-Gruppe in den USA. Mitte April rief der kahlköpfige "Kommandeur" seine Gesinnungsgenossen zum Jahrestreffen nach New Jersey. In NS-Montur hockten sie in einem gemieteten Gemeindesaal, der sonst von den Anonymen Alkoholikern genutzt wird, und schwangen Reden gegen Juden und Ausländer. Auf den Tischen standen Rosen, an den Wänden hingen riesige Hakenkreuze.

Die wahre Action spielte sich aber draußen ab: Gut ein Dutzend Anwohner rückten an, um ihrem Unmut Luft zu machen. Die "Schlacht", die Jeff Schoep später bejubelte, war freilich kaum mehr als eine ziellose Schlägerei, bei der beide Seiten mit Klappstühlen aufeinander losgingen. Als Polizeisirenen ertönten, löste sich das Gerangel schnell auf, und die Neonazis verzogen sich wieder in den Gemeindesaal.

Dennoch stellte Schoep die knapp dreiminütige Szene als YouTube-Video auf die NSM-Homepage, untermalt von Heavy-Metal-Musik. Es sei ein "großartiger Tag" gewesen, jubelte er - und dankte den "Truppen, die vorne an der Front kämpften".

Völlig legale Hakenkreuze

Auf dem NSM-Video aus New Jersey ist auch ein großer, bulliger Mann in Schwarz zu erkennen, der ganz vorne bei der Prügelei mitmischt. Es ist der Klempner Jeff Hall aus dem kalifornischen Riverside. Zwei Wochen später wurde Hall in seinem Haus in einer idyllischen Seitenstraße erschossen - den Ermittlern zufolge von seinem eigenen zehnjährigen Sohn.

Die Medien berichteten im großen Stil über den Fall. Seither steht auch die Neonazi-Szene der USA im Fokus.

Hall, "Sergeant und Regionaldirektor" der NSM, galt als Vertrauter Schoeps: "Jeff war wie ein Bruder", schrieb der zum Abschied. "Wir sehen uns in Walhalla wieder!" Solch pseudomythisches Gerede eint Amerikas Rechtsextremisten - doch sonst gibt es nicht viel Gemeinsames. Die Bewegung ist zersplittert, zerschlagen, zerstritten. Die lauten Parolen kaschieren oft nur noch das Kostümspiel trauriger Randgrüppchen, die gelegentlich durch Gewalt auffallen. Ihre Dachorganisationen, die Aryan Nations und die National Alliance, sind in der Bedeutungslosigkeit versunken. Nur die NSM gilt noch als nennenswerte Größe.

Zwar vermeldet der rechte Rand der USA seit der Präsidentenwahl Barack Obamas wieder mächtigen Zulauf: 2010 identifizierte die Bürgerrechtsgruppe Southern Poverty Law Center (SPLC) eine Rekordzahl von 1002 "aktiven Hassgruppen" im Land. Die Gründe: Widerstand gegen den Demografiewandel der USA, wirtschaftliche Frustration und Hass auf die Zentralregierung, angefacht durch die Tea Party und die Rechtspolemiker in den Medien.

Die Neonazis jedoch - jene, die offenen Antisemitismus predigen und Hitler verehren - nehmen darin nur noch einen verschwindend geringen Teil ein. Bei ihren Veranstaltungen sind sie den Gegendemonstranten meist weit unterlegen. Trotzdem warnt das SPLC: "Die NSM und andere antisemitische Bewegungen in Amerika müssen weiter sorgfältig beobachtet werden."

Auch wenn der Kongress die Gesetze gegen "hate crimes" 2009 verschärft hat: Die US-Verfassung, die Redefreiheit garantiert, gibt Neonazis viel mehr Spielraum als etwa in Deutschland. So ist die Zurschaustellung des Hakenkreuzes in den USA völlig legal - die Justiz wird erst aktiv, wenn Gewalt im Spiel ist.

Auftritt der "Hollywood-Nazis"

Die NSM stößt in das Vakuum, das der Niedergang der alten Gruppen hinterlassen hat. Gesteuert von Michigan aus, wo Schoep wohnt, ist sie nach Angaben der SPLC und der Anti-Defamation League (ADL) in mindestens 35 US-Bundesstaaten aktiv. Die Mitgliederzahl ist allerdings schwer zu erfassen. Die größte Menge, die die NSM wohl je zu einer Demo zusammentrommeln konnte, waren hundert Leute.

Die NSM hat ihre Wurzeln in der American Nazi Party. Deren Gründer George Lincoln Rockwell wurde 1967 ermordet. Seine Vizes Robert Brannen und Cliff Herrington bildeten das National Socialist American Workers Freedom Movement. Jungstar Schoep - der sich bereits als Viertklässler für Hitler begeistert haben will - übernahm 1994 die Führung - mit 21 Jahren - und verpasste der Gruppe einen neuen kürzeren Namen.

Doch erst ein Jahrzehnt später wurde die NMS groß - nach dem Tod der zwei prominentesten Neonazi-Chefs in den USA, William Pierce (National Alliance) und Richard Butler (Aryan Nations). Ein dritter Wortführer der Bewegung, Matt Hale von der Church of the Creator, landete zur gleichen Zeit für 40 Jahre im Gefängnis.

Schoep setzt auf öffentlichkeitswirksame Auftritte. Er inszeniert theatralisch-provokative Demonstrationen, bei denen seine Leute in NS-Kostümen aufmarschieren - was ihnen den Spitznamen "Hollywood-Nazis" verschaffte. Außerdem öffnete Schoep die NSM für Mitglieder rivalisierender Organisationen. So wurde die Gruppe zur am schnellsten wachsenden Neonazi-Vereinigung der USA. Schoep rekrutiert dazu vor allem jüngere Novizen - am liebsten Teenager, denen er in seinem "Viking Youth Corps" Militärkenntnisse beibringt, um sie zu "Kriegern" zu machen.

Bei seinen Rekrutierungsversuchen nutzt Schoep alle Möglichkeiten. Nach eigenen Angaben hielt er im Januar dieses Jahres ein "Referat" in einer Schule in Ohio. Er habe eine Klasse über die "Ziele und Mission" der NSM unterrichtet, prahlt er auf seiner Website: "Alle waren respektvoll, und viele gute Fragen wurden gestellt und beantwortet."

Ob Schoep dabei auch das NSM-Programm zitiert hat, bleibt dahingestellt. Das Werk ist eine Ansammlung krudester Parolen: "Wir fordern den Zusammenschluss aller Arier aufgrund des Selbstbestimmungsrechts der Völker zu einem Großreich." Auf der Homepage toben anonyme Kommentatoren derweil gegen "Nigger, Homosexuelle, Mexikaner und Juden".

Antisemitismus als Religion

Die anderen amerikanischen Neonazi-Gruppen stehen dem an Radikalität zwar kaum nach. Dennoch erreichen sie nicht das Potential der Schoep-Truppe:

Aryan Nations (AN): Unter diesem Dach fanden in den achtziger und neunziger Jahren viele Rechtsextreme eine Heimat: Neonazis oder Skinheads. Im Jahr 2000 begann diese einst bekannteste Neonazi-Organisation der USA zu bröckeln, nachdem das SPLC sie in einen teuren Gerichtsstreit gezwungen hatte. AN-Führer Richard Butler starb 2004. Die AN zerbrache in konkurrierende Splitterguppen.

National Alliance (NA): 1970 gegründet war dies lange die zweite prominente Neonazi-Gruppe neben der AN. Ihr langjähriger Führer William Pierce verfasste den Hetzroman "Turner Diaries", der Timothy McVeigh inspirierte, den Bombenleger von Oklahoma City 1995. Die NA propagiert Massenmord an den Juden, die sie als "vorübergehende Unannehmlichkeit" bezeichnet. Nach Pierces Tod 2002 zerfiel die NA weitgehend.

Church of the Creator/Creativity Movement: Diese 1973 gegründete Organisation tarnt ihren Antisemitismus als "Religion". Ihr Anführer Matt Hale wurde 2005 jedoch wegen Anstiftung zum Mord zu 40 Jahren Haft verurteilt.

White Revolution: Diese relativ neue Vereinigung aus Arkansas bemüht sich um Geschlossenheit der amerikanischen Neonazi-Szene. Mit ihren Demos versucht sie, Mitglieder aller Gruppen zu mobilisieren.

Nazi Low Riders (NLR): Die NLR entsprang kalifornischen Jugendgefängnissen. Später bildeten sie auch Straßengangs, um Drogenhandel und Organisierte Kriminalität zu betreiben. Ihre Mitglieder sind oft mit Hakenkreuzen tätowiert.

Volksfront: Die Volksfront, 1994 gegründet, ist nach Angaben der SPLC die zurzeit aktivste Neonazi-Gruppe an der amerikanischen Westküste. Sie will unter anderem einen "autonomen Lebensraum" für Weiße schaffen.

Keine Gruppe kommt aber an die NSM heran, zumindest was ihre Sichtbarkeit angeht. Am Tag nach dem Gerangel im April in New Jersey fuhren deren Mitglieder in die Landeshauptstadt Trenton, wo sie vor dem Kapitol im Regen standen, Hakenkreuzflaggen schwangen und den Hitlergruß zeigten. Erneut waren aber viel mehr Gegendemonstranten da, die ihnen geschlossen die Stinkefinger zeigten.

Einer Protestler trug ein Schild: "Gott mag keine Nazis, also lässt er es regnen."

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