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Leben im Elternhaus Hier wohnen Deutschlands Nesthocker

Tausende junge Erwachsene leben noch in ihrem Elternhaus - vor allem in Süd- und Ostdeutschland. Wo ist der Anteil der 25- bis 29-jährigen Nesthocker besonders hoch, wo besonders niedrig? Der Überblick.

Durch Deutschland läuft eine unsichtbare Grenze. Nicht zwischen Ost und West, sondern wie ein ziemlich schludrig angelegter Gürtel vom Emsland bis nach Thüringen: Im Süden leben besonders viele junge Erwachsene auch mit Ende 20 noch bei ihren Eltern - im Norden hingegen auffällig weniger.

Besonders hoch ist der Anteil dieser sogenannten Nesthocker in Bayern, im Saarland, in Teilen Thüringens. Vor allem in ländlichen Regionen leben überdurchschnittlich viele junge Leute auch noch mit Mitte oder Ende 20 daheim. Spitzenreiter bei Männern Ende 20 sowie bei allen Erwachsenen zwischen 30 und 34 ist der Landkreis Hildburghausen. Lesen Sie hier unseren Report aus Heßberg, dem Dorf der Nesthocker.

Der Wissenschaftler Tim Leibert vom Leipziger Leibniz-Institut für Länderkunde ist diesem Phänomen nachgegangen. "Auffällig ist etwa, dass vor allem Männer bei ihren Eltern wohnen bleiben", sagt Leibert. "Das liegt daran, dass Frauen häufiger studieren, früher eine Familie gründen und das 'Hotel Mama' auch grundsätzlich als weniger komfortabel wahrnehmen. Von einer Tochter erwarten Eltern mehr Mithilfe und kontrollieren sie stärker. Söhne hingegen bekommen oft das volle Serviceprogramm - vor allem auf dem Land."

Im Saarland etwa, so Leibert, besäßen überdurchschnittlich viele Menschen eigenen Wohnraum. "Viele bleiben deshalb bei ihren Eltern, bis sie sich ein eigenes Haus oder eine Eigentumswohnung leisten können. Das ist das ländliche Lebensmodell." In Städten gebe es dagegen mehr Mietwohnungen und mehr alleinerziehende Eltern. "In der Forschung gelten diese beiden Faktoren als wichtigste Gründe für einen frühen Auszug aus dem Elternhaus."

"Zugespitzt gesagt: Eine traditionelle Familie in einem klassischen Einfamilienhaus bindet junge Leute", so Leibert. Für eine deutschlandweite Übersicht hat er Zensus-Daten von Eurostat ausgewertet und mithilfe anderer Studien sowie eigener Berechnungen visualisiert.

Wie ist es in Ihrem Landkreis? Die Karte zeigt es, fahren Sie mit der Maus über die einzelnen Regionen:

In dem thüringischen Landkreis Hildburghausen leben deutschlandweit prozentual die meisten Erwachsenen zwischen 30 und 34 sowie die meisten Männer Ende 20 noch in ihrem Elternhaus. Leibert bezeichnet den Fall als kurios. "Aus den vorliegenden Daten und Untersuchungen ist nicht ersichtlich, warum ausgerechnet dort so viele Nesthocker leben", sagt Leibert.

mxw
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