Leben nach dem Kloster-Austritt Jesus, die Frauen und ich

20 Jahre lebte sie im Kloster, musste nicht einkaufen, keine Miete zahlen, kein eigenes Geld verdienen. Dann verließ Schwester Benedicta Maria mit 77 weiteren Frauen den Orden. Sie versuchen noch immer, für Gott zu leben. Sie müssen täglich kämpfen.

SPIEGEL ONLINE

Von , Dresden


Sie mied den Fernseher bis zum Tod des Papstes. Aus Angst, er könne sie von Gott ablenken und von Jesus, ihrem Mann. Erst schaute Beate Kuba nur die Wahl des Nachfolgers. Inzwischen liebt sie Krimis, gleich zeichnet sie mal wieder eine Folge auf, es ist schon spät und sie will schlafen.

Beate Kuba ist 56 Jahre alt und lebte mehr als 20 Jahre als Franziskanerin im Kloster: Als Ordensschwester Benedicta Maria trug sie schwarz-weiße Schwesterntracht, betete morgens, mittags, abends meist mit den anderen Schwestern, ging täglich zur Messe, und wenn sie krank war, bekam sie Krankenkommunion. Dann, vor acht Jahren, verließ sie den Orden. Mit ihr gingen 77 weitere Schwestern. Journalisten beschrieben das später als "beispiellos in der jüngeren deutschen Ordensgeschichte".

Heute trägt Schwester Benedicta Maria, so nennt sie sich noch, Jeans, flache Schuhe, ein kariertes Hemd und eine verspiegelte Sonnenbrille. Nur das kleine silberne Kreuz um den Hals deutet auf ihren Glauben hin und der Rosenkranz in der Hand. Den betet sie, wann immer es geht. Gerade lässt sie nur die Holzperlen durch die Hand gleiten, das beruhigt. Manchmal lässt sie ihn auch in der Tasche verborgen, in der Straßenbahn beispielsweise. Sie legt es nicht darauf an, mit ihrem Glauben anzuecken. Das passiert auch so immer wieder. Ihr Bruder, ein überzeugter Atheist, brach den Kontakt ab, als sie ins Kloster ging.

"Jesus hat uns eine neue Lebensform gezeigt"

Jahrelang markierte die Tracht den Glauben von Schwester Benedicta Maria, schützte ein geregelter Tagesablauf ihre Gebetszeiten. Jahrelang musste sie nicht einkaufen, kein eigenes Geld verdienen, keine Miete zahlen. Sie und die anderen Frauen wollen auch heute noch jeden Tag Gott widmen. Doch außerhalb des Klosters droht nicht nur der Fernseher, sie davon abzuhalten. "Es ist ein Wagnis, so zu leben", sagt Schwester Benedicta Maria. Sie habe Angst, sich einzurichten im weltlichen Leben; dann höre sie nicht mehr, was Gott mit ihr vorhat.

Während der Einfluss der Kirche in Deutschland schwindet, kämpfen diese Frauen täglich dafür, Gott in ihrem Alltag zu halten. Jede für sich und alle gemeinsam. Denn nach dem Austritt gründeten sie, ziemlich weltlich, einen Verein: die "Gemeinschaft des neuen Weges vom heiligen Franziskus", anerkannt vom Münsteraner Bischof. Es gibt in der katholischen Kirche inzwischen zahlreiche sogenannte Neue Geistliche Bewegungen. Viele Gläubige finden im Kleinen das, was sie in der großen Institution vermissen. Das hält die Kirche am Leben - solange sich die Gruppen nicht abspalten.

Auch die Schwestern suchten nach neuen Wegen, religiös zu leben. Sie wollten andere Lieder singen, anders beten, gemeinschaftlicher leben. Das traditionelle Klosterleben ließ dafür wenig Platz, das kann einengen. Der Orden freute sich natürlich nicht über das Aufbegehren und den Massenaustritt; andere Schwestern warfen der Frauengruppe vor sich abzuschotten: "An den abgeschlossenen Block kam keiner mehr ran", sagte damals eine Ordensschwester der Zeitung "Die Welt".

Auch Jahre später spricht Schwester Benedicta Maria nicht gern über den Austritt, ein wenig schmerzt es noch immer. Sie sagt nur: "Wir sind nicht ausgetreten, Jesus hat uns eine neue Lebensform gezeigt."

Bodenständig, energisch, konservativ

Sie betrachtet Jesus tatsächlich als Partner, mit dem sie das Leben teilt. Sie glaubt nicht nur, dass es ihn gibt, sie meint es zu wissen. Sie redet mit ihm, fragt ihn, was sie tun soll, glaubt, dass er enttäuscht von ihr ist, wenn sie sich seinem Willen nicht fügt.

Dabei wirkt sie wie eine Frau, die keinen Rat von oben braucht. Vermutlich aber ist sie, wie sie ist, weil sie stets auf Gott vertraut. Sie hat Pädagogik studiert, war pädagogische Leiterin einer Kur-Klinik, ist bodenständig, energisch und konservativ natürlich. Homosexualität lehnt sie ab, glaubt sogar, dass es Menschen schadet. Das Zölibat begrüßt sie, schließlich lebt sie selbst nur mit Jesus, als Schwester habe sie sich nicht mal Freundschaften gegönnt. Damit habe sie eigentlich nur einmal gehadert, erzählt sie: Als junge Schwester betreute sie Mütter und deren Babys. "Was machst du eigentlich mit mir", habe sie Jesus damals gefragt. "Willst du mir zeigen, was ich verpasse?" Irgendwann habe er sie im Gebet beruhigt.

Neben Schwester Benedicta Maria zählt die Gemeinschaft weitere rund 100 Mitglieder. Sie alle wollen "im persönlichen und gemeinschaftlichen Leben Gott in allem den Vorrang geben", so steht es in dem Vereins-Statut. Außerdem wollen sie sich um jene kümmern, die Hilfe brauchen. Sie übernahmen ein Kloster im nordrhein-westfälischen Dülmen von einem anderen Orden, dessen Schwestern wiederum inzwischen in einem Altersheim leben. In dem Haus treffen sich die Mitglieder regelmäßig. Ansonsten wohnen sie in Deutschland verteilt, manche in kleinen Wohngemeinschaften, manche allein. Sie telefonieren, skypen, mailen.

Zum häufigeren Beten fehlt das Geld

Schwester Benedicta Maria lebt heute in Dresden, dem, wie sie sagt, "gottverlassensten Winkel der Erde". Sie liebt die Stadt. Sie hoffe, sagt sie, dass Jesus nie von ihr verlangt, Dresden zu verlassen. Sie teilt sich eine 100-Quadrameter-Wohnung mit Birgit, ebenfalls gläubig, ebenfalls Mitglied, allerdings keine Ex-Schwester. Sie fühlten sich wie Geschwister, sagt sie. Jede hat ihr eigenes Bad und ihr eigenes Zimmer, überall hängt ein Kreuz.

Stinketeuer sei die Wohnung, sagt Schwester Benedicta Maria. Anfangs arbeitete sie nur 20 Stunden bei den Maltesern im Hospizdienst. Sie wollte nicht wieder so viel arbeiten wie damals im Kloster, sie wollte mehr beten. Die Zeit hätte sie jetzt, doch dafür fehlt das Geld. Inzwischen hat sie auf 30 Stunden aufgestockt, finanziell reicht es so gerade.

Auf die große Wohnung wollen die beiden nicht verzichten, nicht auf das Gästezimmer für die anderen Frauen aus der Gemeinschaft, nicht auf den Gebetsraum in einer Ecke des Wohnzimmers. Abgetrennt von Kiefernregal und Topfblumen stehen Sofa, Gitarre, Notenständer, Gebetsbücher, Maria und Jesus. "Unsere Kapelle", sagt die Schwester. Zudem fahren sie fast täglich in die Katholische Hofkirche, am liebsten früh morgens, wenn keine Touristen sie beim Beten stören.

Montagmorgen um 8.15 Uhr steigen sie ins Auto, am Rückspiegel baumelt ein Rosenkranz. Birgit fährt, Schwester Benedicta Maria hat ein Gebetbuch auf dem Schoß.

"Laut oder leise", fragt die Schwester.

"Laut", antwortet Birgit.

"Freu dich und frohlocke", beginnt die Schwester.

"Halleluja", antwortet Birgit. Dann hupt sie, weil es sich auf der Straße staut.

"Jungfrau Maria", betet die Schwester und bricht ab: "Du kannst links fahren."

"Das dauert so lang", sagt Birgit und fährt rechts.

Später, nach dem Gottesdienst, fährt Schwester Benedicta Maria zu den Maltesern, Birgit zu einem kirchlichen Hort. Zum Abschied stehen sie sich gegenüber und zeichnen sich mit dem Daumen ein Kreuz auf die Stirn: "Gott segne dich." Ein paar Stunden arbeiten sie heute, um sich ihr Leben mit Jesus zu leisten.

insgesamt 67 Beiträge
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flame81 15.07.2013
1. Täglich kämpfen?!
Ich verstehe beim besten Willen nicht, warum hier das Leben der Frau als "Kampf" dargestellt wird. Es gibt doch genug Regionen in denen Menschen aufgrund ihres Glaubens (oder des Mangels daran) verfolgt werden. Dresden gehört sicher nicht dazu. Dann muss die gute Frau also ganze 30h arbeiten gehen um sich ihre 100 m² Wohnung leisten zu können? Ja, ein wirklich schweres Schicksal *Ironie*. Was wäre dem Author des Artikels bzw. der Schwester lieber? Zustände wie in Isreal, wo die säkuläre Gemeinschaft in zunehmend unerträglichem Maße für die ultraorthodoxen Großfamilien aufkommen muss. Die dann aber essentielle Grundrechte, wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau, mit Füßen treten? Mein Mitleid hält sich in Grenzen.
dadanchali 15.07.2013
2. nee
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINE20 Jahre lebte sie im Kloster, musste nicht einkaufen, keine Miete zahlen, kein eigenes Geld verdienen. Dann verließ Schwester Benedicta Maria mit 77 weiteren Frauen den Orden. Sie versuchen noch immer, für Gott zu leben. Sie müssen täglich kämpfen. Neue Geistliche Bewegungen: Außerhalb des Klosters nur für Gott leben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/neue-geistliche-bewegungen-ausserhalb-des-klosters-nur-fuer-gott-leben-a-906615.html)
Bekommen demnächst auch Verkäuferinnen oder Büroangestellte die ihren Job schmeißen derart große Artikel? Nur weil diese Dame sich einem erfundenen Götzen verschrieben hat erheischt sie diese mediale Aufmerksamkeit? Verkaufen Sie den Artikel an "Schöner Wohnen" da macht er etwas Sinn!
bebreun 15.07.2013
3. Respekt und Bewunderung
ich bewundere den mutigen Weg dieser Frauen und wünsche ihnen weiterhin Kraft und Segen.
MatthiasHub 15.07.2013
4. Erster Schritt
Die Frau ist auf dem richtigen Weg, aus dem Orden auszutreten war aber nur der erste Schritt, der nächste wäre sich von der seltsamen Vorstellung frei zu machen dass ein Gott existiert oder dass man einen vor 2000 Jahren verurteilten Verbrecher anbeten soll der angeblich übers Wasser gehen konnte, na klar...
zdza 15.07.2013
5.
komische Sekte...
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