Neuer Gedenktag für Terrorismusopfer Eine Mutter kämpft gegen das Vergessen

Am 11. März gedenkt die Bundesrepublik erstmals der Terrorismusopfer. Warum eine Mutter aus München hofft, dass die Bundesinnenministerin heute auch über das Attentat spricht, das ihren Sohn Can das Leben kostete.
Sibel Leyla (r.) mit Mann Hassan und Emiş Gürbüz, die beim Anschlag von Hanau ihren Sohn verloren hat: »Langwieriger und kraftzehrender Kampf«

Sibel Leyla (r.) mit Mann Hassan und Emiş Gürbüz, die beim Anschlag von Hanau ihren Sohn verloren hat: »Langwieriger und kraftzehrender Kampf«

Foto: Mitsuo Iwamoto / DER SPIEGEL

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Am Freitagmittag wird Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) zum ersten Mal den Gedenktag für die Opfer des Terrorismus begehen. Der nationale Gedenktag wurde Mitte Februar von der Koalition beschlossen und passt in Faesers Strategie gegen Extremismus und Terror.

»Auch in den letzten Jahren haben furchtbare terroristische Taten wie das islamistische Attentat am Berliner Breitscheidplatz und die rechtsterroristischen Anschläge in Halle und Hanau unser Land erschüttert«, heißt es in der Pressemitteilung des Ministeriums. Und Faeser sagte: »Wir wollen die Betroffenen und ihre Familien mit mehr Empathie und Sensibilität unterstützen.«

Aber was sagen die Betroffenen dazu? »Für mich sind das hohle Worte«, sagt jedenfalls Sibel Leyla. Sie verlor beim Terroranschlag in München 2016 ihren 14-jährigen Sohn Can. Der Attentäter tötete damals am Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen mit Migrationsgeschichte.

»Mein Sohn Can wurde in den besten Jahren seines Lebens durch einen Terroristen ermordet, und als seine Mutter akzeptiere ich es nicht, dass darüber kollektiv geschwiegen wird.«

Sibel Leyla

Vor zwei Wochen schickte Leyla einen Brief an die Innenministerin. Der Gedenktag sei ein »wichtiges Zeichen« der Unterstützung und Wertschätzung gegenüber Opfern von Terrorismus, schrieb sie. Aber nach ihrem »langwierigen und kraftzehrenden Kampf« für die Anerkennung der Tat von München als rechtsextremen Terrorakt enttäusche sie es, dass Faeser öffentlich bisher nur über die Anschläge am Berliner Breitscheidplatz, in Halle und in Hanau spreche.

Der Anschlag in München wurde von Behörden und Medien über Jahre als unpolitischer Amoklauf eingeordnet. Dabei lagen klare Hinweise auf eine rassistische Motivation des Täters vor: Er gehörte rechten Chatgruppen an, bewunderte den Rechtsterroristen Anders Breivik, tötete gezielt Menschen mit Migrationsgeschichte. Erst 2019 korrigierten die Behörden ihre Einschätzung.

Bei München denken viele immer noch an einen Amoklauf

Das Schweigen der Ministerin wecke in ihr »Gefühle des Scheiterns, der vergeblichen Mühen und Hoffnungslosigkeit«, schreibt Leyla. Dieses Schweigen passe nicht zu ihrem Bild von Deutschland. »Mein Sohn Can wurde in den besten Jahren seines Lebens durch einen Terroristen ermordet, und als seine Mutter akzeptiere ich es nicht, dass darüber kollektiv geschwiegen wird und sein Tod wie auch der Tod der weiteren Opfer in München dem Vergessen ausgesetzt wird.«

Auf Anfrage des SPIEGEL teilt das Innenministerium mit, dass an dem Gedenktag »selbstverständlich« auch der Opfer des rechtsextremistischen Anschlags am Münchner Olympia-Einkaufszentrum gedachte werde. Wenn die Ministerin einzelne Anschläge genannt habe, dann seien dies Beispiele; die Aufzählung sei nicht abschließend zu verstehen. Man bedauere es sehr, wenn »durch die beispielhafte Aufzählung bestimmter Taten« ein anderer Eindruck entstanden sein sollte.

Die Frage, ob die Ministerin den Anschlag von München in ihrer Rede am Mittag explizit erwähnen werde, ließ das Ministerium unbeantwortet. Man habe den Brief jedoch erhalten und werde darauf antworten.

Für Leyla ist das zu wenig. »In München denkt immer noch jede zweite Person, die Tat am Olympia-Einkaufszentrum sei ein Amoklauf gewesen«, sagt sie. Von der Bundesinnenministerin fordert sie, den Anschlag als das zu benennen, was er sei: ein rechtsextremer Terroranschlag.

Anmerkung der Redaktion: Inzwischen hat Faeser einen Gastbeitrag in der »FAZ«  zum Gedenktag veröffentlicht und darin auch die Taten am Olympia-Einkaufszentrum in München erwähnt. In ihrer Rede sprach sie dann von einer »Spur des rechten Terrors« und erwähnte die Taten ebenfalls.

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