Spaghettimonster-Kirche "Es gibt so viele Ehepaare, die wünschten, sie hätten nie geheiratet"

Die satirische Religionsgemeinschaft "Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters" darf in Neuseeland jetzt Trauungen durchführen. Ein Gespräch mit der Päpstin.
Karen Martyn

Karen Martyn

Foto: Michael Portman

Der 10. Dezember 2015 war ein guter Tag für Karen Martyn. Und für ihre "Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters", kurz: FSM. Denn an jenem Tag gaben die Behörden in Neuseeland bekannt , dass die Religionsgemeinschaft fortan offiziell kirchliche Trauungen vollziehen darf. Martyn saß in ihrer Wohnung in Wellington, telefonierte viel, schrieb E-Mails, aß eine große Portion Spaghetti mit Tomatensoße, dazu gab es ein Glas Rotwein. Ein Feiertag.

Die 61-Jährige ist seit 2008 Mitglied der FSM-Kirche in Neuseeland und inzwischen deren Chefin. "Ich bin quasi Papst", sagt Martyn. Seit wenigen Tagen ist sie auch: die erste Person, die in Neuseeland ganz legal Paare im Namen der "Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters" trauen darf. Oder wie die Kirchenmitglieder sagen: die erste Ministeroni.

SPIEGEL ONLINE: Herzlichen Glückwunsch zum neuen Titel, Frau Martyn.

Martyn: Danke schön. Ich kanns noch gar nicht glauben. Ministeroni. Aufregend.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind jetzt seit rund drei Wochen im Amt. Wann gehts los mit den ersten Trauungen?

Martyn: Nächsten Monat stehen zwei Hochzeiten an. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Zwei Frauen wünschen sich eine ganz schlichte Trauung, es werden kaum Gäste da sein, die Bräute werden Alltagskleidung tragen. Mitte April gibt es den Kontrast: Das Paar will in voller Piratenmontur heiraten, vielleicht sogar auf einem Schiff. Selbst die Gäste sollen in entsprechender Kleidung kommen. Außerdem sind Journalisten eingeladen.

SPIEGEL ONLINE: Abgesehen von der Kleidung: Wie genau läuft so eine Pastafari-Hochzeit ab? Was ist mit einem Ringtausch oder einem Ehegelübde?

Martyn: Gesetzlich vorgeschrieben sind bloß zwei Dinge: Einmal während der Zeremonie muss ich den vollständigen Namen der Ehepartner sagen, so wie er in den Dokumenten aufgeführt ist. Und die beiden müssen sich das Eheversprechen geben, die Wortwahl ist ihnen überlassen. In Neuseeland brauchen Paare nicht zwei Termine für Standesamt und Kirche, bei uns reicht eine Zeremonie. Ich vertrete gleichzeitig Kirche und Staat. Ich glaube, jede Hochzeit wird unterschiedlich. Aber vermutlich wird immer viel Pasta gegessen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ministeroni zu werden?

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Spaghettimonster-Kirche: Religion, durchgenudelt

Foto: Pastafarian Milek/ Church of FSM

Martyn: Den Ausschlag hat ein deutsches Pärchen gegeben. Es reiste durch Neuseeland und schrieb unsere Kirche an, weil es sich spontan trauen lassen wollte. Reizende Menschen, Ende 20, sehr klug. Ich habe also bei den Behörden die entsprechenden Dokumente beantragt. Am Ende wurde ich dann zwar Ministeroni - aber das deutsche Paar wollte nicht mehr heiraten.

SPIEGEL ONLINE: Also kein Happy End?

Martyn: Doch, für mich ist es das. Es gibt so viele Ehepaare, die wünschten, sie hätten nie geheiratet. Und die Deutschen sind noch zusammen, nur ohne Trauschein. Für unsere Kirche ist es ein großes Kompliment, dass sie uns überhaupt geschrieben haben. Inzwischen haben wir viele Anfragen, aber ich bin die einzige Ministeroni. Wir bräuchten viel mehr.

SPIEGEL ONLINE: Woran scheitert es?

Martyn: Viele Mitglieder sind zwar sehr enthusiastisch, ihnen ist der Aufwand aber zu groß. Wer Ministeroni sein will, muss sich bei der Kirche vorstellen, Interviews absolvieren, ein Führungszeugnis vorlegen, einen Wissenstest bei den Behörden ablegen, und, und, und. Es ist nichts, was man leicht nehmen sollte. Wir als Kirche wollen sichergehen, dass die Person es ernst meint. Bei mir hat es rund zwei Monate gedauert, bis ich die Genehmigung hatte.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Freunde und Kollegen reagiert?

Martyn: Die finden das super, alle haben Verständnis. Wissen Sie, Neuseeland ist ein extrem liberales Land. Aber ich habe auch Nachrichten bekommen, in denen mir Menschen Gewalt angedroht haben. Unsere Kirche bringt viele Menschen dazu, ihren eigenen Glauben zu hinterfragen. Wir sagen: Wir können die Existenz des Spaghettimonsters genauso wenig beweisen, wie ihr die Existenz einer sprechenden Schlange oder einer Frau, die aus einer Rippe erschaffen wurde. Unsere Religion bedeutet uns genauso viel wie euch die eure. Wir sind nicht gegen Religion. Aber wir sind dagegen, dass gleichgeschlechtliche Ehen verboten sind; wir sind gegen Tabus; wir sind gegen den Glauben, dass Menschen als Sünder geboren werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit den Drohnachrichten um?

Martyn: Ich versuche, darüber zu lachen. Das macht unsere Kirche ja aus: Wir glauben daran, dass das Leben Spaß machen sollte. Unser Spaghettimonster ist das freundliche, köstliche Symbol für eine bessere Welt, in der die Menschen glücklich sind.

Im Video: Beim Gottesdienst der Religions-Satiriker

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Hintergrund

Die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters (FSM) wurde 2005 vom US-Physiker Bobby Henderson gegründet, er wollte damit vor allem den zunehmenden Einfluss des Kreationismus auf den Schulunterricht kritisieren. Inzwischen hat die satirische Religionsgemeinschaft weltweit Anhänger, sogenannte Pastafari. Als Gottheit wird das Spaghettimonster verehrt, Piraten gelten als die ursprünglichen Pastafari.

Die neuseeländische FSM-Kirche hat sich eigenen Angaben zufolge von der US-Lehre entfernt. So ist es Mitgliedern beispielsweise nicht erlaubt, Profit mit ihrer Arbeit zu machen. Zentrale Lehre ist es, gut zu sich und zu anderen zu sein. Wie viele Mitglieder der Kirche angehören, ist nicht bekannt, die Schätzungen gehen in die Tausende. Mehr Informationen gibt es hier. 

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