New Orleans Nach uns die Sintflut

"Bessere und stärkere" Deiche gegen Sturmfluten hat US-Präsident Bush den Menschen in New Orleans versprochen. Doch auch drei Monate nach "Katrina" kommt sogar die Reparatur der geborstenen Stellen nur schleppend voran. Zur nächsten Hurrikan-Saison droht eine neue Katastrophe.

New Orleans - Jim Taylor steht auf der Deichkuppe am Seventeenth Street Canal, einen Bauhelm auf dem Kopf, die Nase in die Brise gereckt. "Es wird lange dauern, bis das hier wieder was wird", seufzt er. "Sehr lange." Rhythmische, metallene Hammerschläge hallen durch den Wind. Klonk. Klonk. Klonk.


Direkt vor Taylor gähnt das Loch, das "Katrina" vor drei Monaten in den Schutzwall zwischen New Orleans und dem Lake Pontchartrain gerissen hat. Auf 150 Metern Länge ist der Deich hier weggespült worden, jetzt flankieren zwei schwimmende Kräne die mit Sandsäcken abgedichtete Bruchstelle. Arbeiter des Ingenieurskorps der US-Armee lassen 20-Meter-Pfahlwände ins Wasser und treiben sie mit Pressluft tief in den Kanalboden hinein, ein Stahlwall gegen die Flut. Klonk. Klonk. Klonk.

Rund um die Uhr rackern sie an dieser Stelle, an der New Orleans unterzugehen begann. Tag und Nacht, bei Sonne und Flutlicht. Nicht mal die Hälfte des Lecks haben sie bisher geflickt.

"Wir tun unser Bestes", sagt Taylor, ein pensionierter Korps-Mann, der sich aus dem Ruhestand zurückgemeldet hat, um mitzuhelfen beim Wiederaufbau von New Orleans. Eine Sisyphus-Arbeit für die 130 Mitglieder des Spezialistentrupps, der sich den Namen "Task Force Guardian" gegeben hat: Allein um den Deich hier am Seventeenth Street Canal wieder auf den alten, sprich völlig unzureichenden Stand zu bringen, dürften sie bis Juni kommenden Jahres brauchen, gerade rechtzeitig zur nächsten Hurrikan-Saison. Weiter, sagt Taylor, könnten sie nicht denken. Dabei ist der Deich nur eine von insgesamt 49 Bruchstellen rund um die Stadt.

Kulisse der Verwüstung

Wer wissen will, warum New Orleans auch drei Monate nach "Katrina" noch brachliegt, warum so viele Leute nicht zurückkehren, selbst wenn sie es könnten, der findet eine Antwort hier, am Nordwestrand der Stadt. An dieser Stelle, wo der Seventeenth Street Canal in den Lake fließt, gab in der Nacht des Sturms der Ostwall des Deiches nach; 13 Wochen später bleibt dies eine offene Wunde, trotz aller Schufterei der Bauarbeiter. Jim Taylor blickt auf das Loch im Damm. Ob er den Leuten überhaupt eine Heimkehr empfehlen kann? Er zuckt die Schultern. "Das muss jeder selbst wissen", sagt er. "Ein Risiko wird es bleiben."

Der Blick in die andere Richtung zeigt, was Taylor meint. Lakeview heißt dieses Stadtviertel direkt hinterm Deich. Früher war es ein dicht besiedeltes Gebiet am See: gehobener Mittelstand, Einfamilienhäuser, Schulen, Kirchen, ein Yachthafen. Heute ist es eine Kulisse der Zerstörung.

Die Gebäude sind nur noch leere Hüllen. Die Fassaden eingebrochen, die Dächer abgedeckt, die Scheiben zersplittert, die Fenster schwarze Löcher. In einem Schlammtümpel rostet das Skelett eines VW-Käfers. Ein paar hundert Meter landeinwärts liegt ein Motorboot, "bitte nach 429 Hammond Highway zurückbringen", hat der Besitzer auf einen Zettel geschrieben. Doch hier wohnt längst niemand mehr.

Stadt unter dem Meeresspiegel

So sehen bis heute weite Strecken von New Orleans aus. "Ich fahre durch eine Stadt, die in Trümmern liegt", entsetzte sich der Heimatautor John Biguenet kürzlich in einem Essay für die "New York Times". "New Orleans ist dem Tode nahe."

Denn nicht nur Gerangel um politische Pfründe, Bürokratenchaos und generelle Gleichgültigkeit verhindern die Wiederauferstehung von New Orleans. Am Seventeenth Street Canal und zahllosen anderen Stellen offenbart sich auch, dass der Stadt - selbst wenn sie neues Leben findet - bald ein erneuter Untergang droht.

"Wir sollten über einen schrittweisen Abzug aus New Orleans nachdenken", sagte Tim Kusky, ein Geologe an der St. Louis University, jetzt im TV-Nachrichtenmagazin "60 Minutes". Sein Schreckensszenario für Ende dieses Jahrhunderts: "New Orleans wird fünf bis sechs Meter unter dem Meeresspiegel liegen." Da zum effektiven Schutz der Stadt bis zu 30 Meter hohe Deiche nötig wären, sei es ratsamer, "an Orten wiederaufzubauen, die sich länger halten können als 80 Jahre".

Leere Versprechungen

Kuskys Horrorvisionen sind zwar kontrovers und nach Darstellung mancher Fachkritiker überzogen. Am grundsätzlichen Argument jedoch zweifelt in New Orleans längst keiner mehr: Die Deiche werden auf Dauer nicht halten, und es geschieht wenig, das zu ändern.

"Wir werden alles tun, was nötig ist", hatte US-Präsident George W. Bush hier Mitte September in seiner Wiederaufbau-Rede geschworen. Eines der wichtigsten Ziele sei es dabei, "das Flutschutzsystem sogar noch besser und stärker als vor dem Sturm zu machen".

Politiker aller Parteien versprechen der Stadt seither zwar immer wieder, die Schutzwälle würden so erneuert, dass sie nicht, wie bisher, gerade noch einem Hurrikan der Kategorie 3 standhalten ("Katrina" war beim Landgang ein starker "Cat-3"), sondern einem der Stärke 5. Doch alles, was das Weiße Haus seit Bushs Rede initiiert hat, ist eine unverbindliche "Studie über das Deichsystem", und auch deren Finanzierung liegt derzeit im Kongress auf Eis.

Ausgespülter Torfboden

Die 200 Millionen Dollar, die Washington dem für den Deichbau verantwortlichen Armee-Ingenieurkorps bisher zur Verfügung gestellt hat, sind längst weg. Allein in Louisiana gaben die Techniker schon jetzt 252 Millionen Dollar fürs Deichflicken aus. Die Differenz musste durch eine Notüberweisung von anderen Haushaltsposten ausgeglichen werden.

Doch nur um die geborstenen Deiche von New Orleans zu reparieren, müssten zwischen 400 Millionen und 1,6 Milliarden Dollar investiert werden. "Besser und stärker", wie es Bush sagt, käme dagegen noch viel teurer, die Schätzungen gehen da bis zu 32 Milliarden Dollar - ein Mammutprojekt, das drei Jahrzehnte in Anspruch nehmen könnte.

Dabei haben die reinen Reparaturarbeiten schon jetzt weitere Mängel ans Licht gefördert, die Böses ahnen lassen für die nächste Hurrikan-Saison. Die stählernen Stützpfeiler, die die Flutwälle stabilisieren sollen, sind viel zu kurz. Statt mindestens fünf Meter in die Tiefe zu reichen, wie offiziell immer behauptet, enden sie in Wahrheit in nur drei Metern Tiefe. Was zur Folge hatte, dass die Flut von unten her durchbrach, den Torfboden ausspülte, die Deiche zum Wanken und dann zum Einsturz brachte.

Horte der Vetternwirtschaft

Nach uns die Sintflut: Das Ingenieurskorps, das die Deiche erst Anfang der neunziger Jahre erneuert hatte, wusste das. Um einer schweren Flut wirklich standzuhalten, so befanden die staatlichen Experten schon damals, müssten die Stützpfeiler bis zu zehn Meter tief reichen. "Das Korps sagt, die Pfeiler seien fünf Meter tief, doch seine eigenen Bauzeichnungen zeigen, dass sie nur drei Meter tief sind", schimpft Ivor van Heerden, der Direktor des Hurricane Center an der Louisiana State University. "Bei weitem nicht tief genug."

Fachleute sind entsetzt über die schlampige Konstruktion der Deiche von New Orleans. "Es geht mir einfach nicht in den Kopf", sagt der Ingenieur Billy Prochaska, ein Mitglied der Expertengruppe, die das Flutschutzsystem jetzt im Auftrag des Bundesstaates Louisiana mit Sonargeräten überprüfte. Sein Kollege Robert Bea von der University of California spricht vom "größten zivilien Ingenieursdesaster in der Geschichte der Vereinigten Staaten".

Und das Desaster geht weiter. Die Oberaufsicht über die Deiche führen in Louisiana die jeweiligen Bezirksverwaltungen, per sogenannter "Deich-Boards" - oft rivalisierende Horte der Vetternwirtschaft. Ein Vorstoß, diese kommunalen Klüngelvereine abzuschaffen und durch eine einzige, staatliche Behörde zu ersetzen, scheiterte kürzlich am mangelnden Zuspruch von Gouverneurin Kathleen Blanco. So kamen die Bauarbeiten am gebrochenen Mississippi Gulf Outlet im Osten von New Orleans jetzt wochenlang nicht voran - "wegen Koordinationsproblemen", wie ein Korps-Sprecher es delikat formulierte.

Gruppenbild im Zerstörungs-Szenario

"Kein Wunder, dass niemand zurückkommt", sagt die Restaurantmanagerin Anganette Tournillon, deren Kneipe in der Innenstadt demnächst möglicherweise wieder schließen muss - wegen akuten Personalmangels. Auch sie selbst habe ihre anfängliche "Hurra-Stimmung" längst verloren. "Langsam frage ich mich, ob es nicht höchste Zeit ist, woanders hinzugehen. Spätestens zum nächsten Sommer, wenn das Wasser wiederkommt."

Die Männer am Seventeenth Street Canal schuften unermüdlich weiter. "Ich bleibe hier, bis die Arbeit erledigt ist", sagt Jim Taylor, der eigentlich in Kalifornien wohnt und sich hier in einem Hotel einquartiert hat. "Dies wird eine Menge Geld und eine Menge Zeit kosten. Doch wir kriegen das schon hin."

Hinter ihm schlendert eine sechsköpfige Familie durch die Endzeit-Szenerie von Lakeview und posiert fröhlich schnatternd für ein Gruppenbild. Die ersten Touristen.

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